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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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105 So ist es nun Cohen gelungene durch eine streng logische Begründung die Ethik von den Fesseln der Religion zu befreien, sie auf sich selbst zu stellen. Mag auch die Religion an Erhabenheit der ethischen Inhalte von keinem anderen Kulturgebilde sich übertreffen lassen, die Begründung der Ethik muß ihr versagt bleiben. Und gerade hierdurch ist der Bestand der Ethik gesichert, mag auch die Religion in Trümmer gehen. Aber so gewiß es ist, daß nur im Staatsrecht und im Völkerrecht die Garantieen für eine wahrhafte Kulturerhöhung der Menschheit zu erblicken sind, so gewiß ist es nicht minder, daß nur durch die Ethik und mit der Ethik die Begründung des Rechts unternommen werden darf. Die Ethik, das Selbstbewußtsein bilden das Ansich des Rechts. Obgleich nun Cohen die Ethik von ihrer religiösen Bevormundung befreit, so versäumt er es auch hier nicht, den ethischen Inhalt derReligion, inbesondere des prophetischen Monotheismus in einer Weise zu würdigen, wie wir sie namentlich in bezug auf ihre philosophische Bedeutung, kaum bei einem Religions- Historiker. antreffen. Wir können es uns nicht versagen, die markigsten seiner Worte anzuführen: „Es ist die Meinung vorherrschend, daß die Religion darin ihre Hauptstärke besitze, das Individuum von den Schranken und den Fesseln der Selbstsucht zu befreien. Sicherlich ist dies das Ziel aller Religionen. Und der Monotheismus insbesondere hätte keinen geschichtlichen Sinn, wenn er sich dieses Ziel nicht schon im Begriffe des Einzigen Gottes hätte stecken müssen. Der Einzige Gott bildet nicht sowohl den Gegensatz gegen die vielen Götter, als vielmehr gegen die vielen Menschen und Völker. Der Sinn des israelitischen Monotheismus liegt von vornherein im Messianismus." Allein, war nicht, der Pentateuch mit seinen partikularistischen Riten und Gesetzen früher als die Propheten? Cohen antwortet: „Es ist nur die unkritische Vorstellung, die wir mit den Büchern des alten Bundes zu verbinden gewohnt sind, daß die Propheten später konunen, als die mosaischen Bücher. Es sind aber von vornherein die Propheten, welche den einzigen Gott entdecken. Und sie entdecken ihn an ihrer messianischen Idee von der einstigen Einigung der Menschenwelt, der Einheit der Menschheit. Die Einheit Gottes bedeutet von Anfang an nichts anderes als die Einheit der Menschheit." Sv wird Cohen mit wahrhaft historisch-kritischem Verständnis der philosophischen Bedeutung der Propheten gerecht. Indessen bleibt für die Propheten die Einheit des Menschengeschlechts keine stilistische Staffage. Das Recht, das Gesetz, werden durch diese Idee entnationalisiert. Es entsteht für die Propheten der Begriff des Fremdlings, der die Vermittlung bildet zwischen Israel und den anderen Völkern. „Und wie das Recht und das Gesetz die Grundlagen der Gesittung bilden und von den Propheten in besonderer Energie und Konsequenz als solche eingerichtet werden, so wird der Fremdling auch mit Recht und Gesetz in Verbindung gesetzt: „Ein Gesetz sei Euch, den: Fremdling und dem Eingeborenen im Lande." So wird der Fremdling zum vermittelnden Begriffe im Begriffe des Menschen. Dieser Vermittlungsprozeß findet seinen prägnantesten Ausdruck im Begriff des „fremden Volkes." Der messianische Kosmopolitismus hat auch die Politik gegenüber der fremden Nation ethisiert. Die Ethik bildete auch hier die Lebenskraft. „Die Propheten dagegen glaubten ihr Vaterland nur dadurch lieben zu können, daß sie die Menschheit lieben lehrten. Und sie wollten lieber ihr Vaterland preisgeben, als daß sie ein Jota an der Einen Menschheit verlören. Neben dem Fremdling ist durch den messianischen Gegensatz gegen die fremden Völker die Einseitigkeit und Selbständigkeit des JntÜviduums durch die Religion aufgehoben worden. Und es war die Menschheit in ihrer dereinstigen Einheit, welche auch für das Individuum die Einheit des Menschen zur Darstellung brachte." Und deimoch darf bei aller Anerkennung der Religion für die sittliche Erziehung des Menschengeschlechts der Gegensatz zwischen der religiösen und wissenschaftlichen Begründung nicht verschleiert werden. „Nicht in dem sachlichen Werte der Gedanken liegt ihr wirksamer Wert, sondern allein in dem methodischen Werte. Und der methodische Wert vermag auch den sachlichen Ausdruck, also auch den sachlichen Wert belangreich zu verändern." (Schluß folgt.) Erinnerungen an Salomen Lohn. Von Prof. Dr. S. Stern-Sacrz. eder eine Biographie noch eine Beurteilung des literarischen Wirkens des am 6. Dezember im 80. Lebensjahre verstorbenenen Prager Sä-riftstellers ist der Zweck der folgenden Zeilen. Einige Erinnerungsbilder, wie sie bei der Nachricht vom Ableben S. Kohns im Geiste aussteigen, sollen festgehalten werden. Obwohl er nicht zu den Großen gehörte, verdient er, daß ihn selbst weitere Kreise nicht vergessen, denn er besaß als Mensch wie als Schriftsteller neben kleine Schwächen viele Vorzüge. Seine stärkste Seite als Mensch wie als Schriftsteller war seine Liebe zum Judentum. Er liebte es mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele und er widmete ihm seine Kraft und sein Leben. In allen seinen Erzählungen geht der fromme und gute Jude siegreich aus dem Kampfe mit bösen Menschen und Anfechtungen hervor und selbst der sündige j Mensch unterwirft sich endlich der Macht der Tugend, so daß die bösen Juden in Kohns Erzählungen eigentlich nur schwache Menschen sind, die durch Leiden gestählt und veredelt werden. Auch gute, fromme Menschen müssen leiden; hier sind die Leiden nur Prüfungen, die Gott verhängt und am schönen Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf. S. Kohns Erzählungen sind eine angewandte Theodizee, wie er selbst alle Tage seines Lebens ein Optimist im gewöhnlichen Sinne des Wortes war, ganz ohne Klügelei; denn Klügeln und sich mit religions-philosophischen Problemen beschäftigen war seine Sache nicht. In dieser besten aller Welten gab es für ihn überhaupt keine philosophischen Probleme. Der Mensch ist da, um den von Gott offenbarten Vorschriften gemäß zu leben und die offenbarte Lehre buchstabengetreu zu glauben. S. Kohn gab das Beispiel, daß man dies könne und ohne Philosophie die Ruhe des Philosophen bewahre. Er verlor im Jahre 1878 an einem Tage sein ganzes Vermögen. Am Abend dieses Tages ging er mit seiner Frau ins Theater, und zwar in die Loge, die er am nächsten Tage abgeben mußte, um, wie er sagte, zu beweisen, daß ihn der äußere Glückswechsel nicht beuge und nicht verstöre. Ich glaube, daß er damals das letztemal im Theater war, denn von nun an lebte er nur von seiner Feder, die ihm keine Logensitze abwarf. Daß er nicht großen Ruhm und Reichtümer als Dichter erwarb, lag weder an mangelnder Schaffenslust, noch an mangelnder Schaffenskraft, denn die Anzahl der von ihm geschriebenen Erzählungen ist eine sehr große, seine Phantasie war unerschöpflich. Was ihm mangelte, war jene umfassende Bildung, die der Phantasie des Künstlers Tiefe und Rundung gibt. S. Kohn kannte von der Erde und ihrer Fülle aus eigener Erfahrung nur Prag und von Prag nur das deutsche Prag. Innig

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