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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · p. Seite 104

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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Er würde aus dem ewigen Schwanken zwischen einem Trieb und dem anderen nicht herauskommen. Erst seine Vereinigung mit dem Gegenstand gibt ihm einen Halt, verleiht ihm Ruhe, Sicherheit und Festigkeit in der Erfüllung und Betätigung seines Reinheitscharakters. Nicht er wird getrieben, sondern er treibt sich selbst in der ewigen Entfaltung und Neuerzeugung seiner selbst durch den Gegenstand und an dem Gegenstände. Wenn aber der Gegenstand nur das Mittel, zur Entfaltung des reinen Affekts bildet, so ist der wahre Gegenstand der Handlung nichts anderes als die Handlung selbst, die ewige Vereinigung des Affekts mit dem Begriff. Welch gewaltige Konsequenzen liegen in diesen Grundlegungen beschlossen? Es gibt keine Taten mehr, die als der Abschluß, als die Vollendung der reinen Sittlichkeit gelten könnten. Es gibt auch keine Persönlichkeiten mehr, die als Vertreter absolut sittlicher Taten figurieren dürften. Der Begriff der Handlung lehnt jede Abgeschlossenheit und Begrenzung der sittlichen Tat ab. Nur in der ewigen Neuerzeugnng sittlicher Taten, nur in der Handlung als dein Ansatz, der Bedingung einer neuen sittlichen Handlung erweist sich der Wille als reiner Wille, als guter Wille. Jetzt kommt auch die wahre Einheit, die Einheit der Allheit zu ihrem Rechte. Die Allheit bedeutete uns nichts anderes als die unendliche Zusammenfassung alles Menschlichen zur Einheit der Menschheit. Die Handlung erfüllt diesen Begriff, In der rastlosen, ununterbrochenen Neuerzeugung des reinen Affekts, des reinen Willens, in der ewigen Vereinigung des Affekts mit dem Gegenstände tritt der Unendlichkeitscharakter zutage als die Voraussetzung der unendlichen Zusammenfassung in der Einheit der Allheit. Die Einheit der Mehrheit bedeutet, die Vernichtung des Ewigkeitscharakters der Handlung. Durch diese begriffliche Formulierung erweist sich aber auch die Ethik als das wahre konstitutive Element in der Rechtswissenschaft. Die Handlung, sagten wir, sei immer nur die Bedingung einer neuen Handlung, d. h. die Handlung ist Bedingung. Die Bedingung aber ist der Grundbegriff des Rechts. „Bedingung ist die Seele, ist das logische Band des Vertrags. Bedingung ist der logische Ausdruck der Obligation. Da nun aber die Obligation in der Handlung vollzogen wird, in welcher der Wille perfekt wird, so beruht die Handlung und somit der Wille im rechtlichen Sinne auf der Bedingung." „Aller Wille, alle Handlung ist bedingt; ist Bedingung." Und wie mit der Bedingung verhält es sich auch mit der Einheit. „Einheit der Handlung ist Grundforderung des Rechts." „Die Einheit der Handlung vollzieht sich nicht in einem einzelnen Ansatz." „Sie setzt eine Mehrheit von Ansätzen, gleichsam von Handreichungen voraus." Sv ist nun durch den Begriff der Handlung die Grundlegung in einem gewissen Sinne zum Abschluß gebracht. Durch die Uebertragung der Reinheitsmethode auf den Affekt, auf das Willensgefühl, die in der Aufgabe ihre begriffliche Kulmination erreicht, wurde bei aller Anerkennung der Sonderstellung des Affekts die Möglichkeit seines Erkenntnischarakters erwiesen, durch die in der Handlung vollzogene Vereinigung des Affekts mit dem begrifflichen Denken wurde dieser Doppeltcharakter des Willens befestigt und verankert. Und doch harrt noch die Hauptfrage der Ethik ihrer Erledigung. Das Instrument, das Vehikel des Willens ist der Affekt, der Inhalt des Wlllens ist die Handlung, wo aber bleibt der Träger des Willens, das Subjekt des Willens? Mit welchem begrifflichen Rüstzeug kann der Mensch als Träger, als Urheber des Willens erwiesen werden." Mit anderen Worten: Inwiefern ist der Mensch ein ethischer Begriff? Inwiefern enthüllt sich der Begriff „Mensch" als die ewige Aufgabe der Einheitsbildung, als eine Idee? Daß er eine Idee sei, wurde schon früh behauptet. Zwar nicht von Sokrates und nicht von Platon, aber von dem Juden Philo. „Es gibt zu denken, daß die Idee des Menschen bei dem Juden Philo als solche bezeichnet ist. Bei ihm ist die Einheit des Menschen an der Vielheit und angesichts der Vielheit zu einem fundamentalen Problem gebracht. Die Einheit des Menschen bedeutet ihm die Einheit des Menschengeschlechts. Was Moses lehrt, das lehrt für ihn auch Platon. Was Moses offenbart, das begründet für ihn Platon. Die Einheit des Menschengeschlechts ist der messianische Gedanke, den er von den Propheten ererbt hat; der sein Judentum bildet. Da er zugleich aber von der Begeisterung für die Wissenschaft und die wissenschaftliche Philosophie der Griechen ergriffen ist, so kann für ihn die Wahrheit eines religiösen Gedankens nur auf seiner philosophischen Begründung beruhen. Die Einheit, des Menschen fordert die Einheit im Begriffe des Menschen heraus. Einheit aber kann nur die Idee vollziehen und gewährleisten. So wird ihm der Mensch zur Idee des Menschen. So formuliert er zuerst den einheitlichen Menschen als Idee." Eine solche geschichtsphilosophische Rechtfertigung Philos, wie sie in diesen Worten Cohens sich ausspricht, dürfte wohl kaum bei einem Historiker oder Philosophen sich finden. Freilich kann uns die Behauptung Philos von einer begrifflichen Begründung der Menschheitsidee nicht entbinden. In welchen Schlußfolgerungen vollzieht sie sich? Wir haben bereits früher den Unterschied des Wollens vom Denken am Gegenstände klar gelegt. Für das Denken ist die begriffliche Erzeugung des Gegenstandes Ziel und Zweck, für das Wollen ist der Gegenstand nur Mittel zur Entfaltung des Willens. Dort wird zur Erzeugung des Gegenstandes die Einheit der Bewußtfeinsformen nach außen in den Raum hineinprojiziert, hier wird der Begriff, der Gegenstand in das Innere des Bewußtseins gehoben, um gleichsam verinnerlicht zu werden. „Das Innere soll durchaus Inneres bleiben." Welchen methodischen Begriff soll jedoch das „Innere" vertreten? Die Einheit desBewußtseins kann es nicht sein, wir würden sonst einer Tautologie uns schuldig machen. Wir würden die Einheit des Bewußtseins in die Einheit des Bewußtseins zurückversetzen. Eine andere Art des Bewußtseins muß deshalb das Innere vertreten. Es ist nicht die Einheit des Objekts, welche die Einheit des Bewußtseins vertritt, sondern die Einheit des Subjekts, das Selbstbewußtsein, das sich in der Einheit des Willens, in der Handlung vollzieht. Doch, was bedeutet das Selbstbewußtsein? Was ist der begriffliche Ursprung des Selbst, des Ich? Im Sinne seiner Ursprungsphilosophie, im scheinbaren Anschluß an Fichte antwortet Cohen: Das Nichtich. Aber sogleich korrigiert er Fichte: Das Nichtich ist nicht die Sache, das Objekt, das wäre ein methodischer Fehler. Das Nichtich ist — der Andere. Aus dem Anderen entsteht das Ich, das Selbst. Kein Ich ohne Bezugnahme aus den Anderen, kein Selbstbewußtsein ohne Bewußtsein des Anderen. Das Nichtich, der Andere, der Nebenmensch ist der begriffliche Ursprung des Selbst, wie aus dem Nichts das Urelement des Seins, die infinitesimale Realität hervorgeht. Man ist im Zweifel, ob man an der Architektonik des Systems die logische Schärfe oder den harmonischen Gleichklang der Gedanken mehr bewundern soll! „Das Selbstbewußtsein bedeutet die korrelative Vereinigung des Einen und des Anderen." In diesem Sinne ist das Selbstbewußtsein ganz übereinstimmend mit dem Begriff, der Handlung, der Bedingung. Auch zur Handlung gehören zwei Subjekte.

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