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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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Versammlungen, - über ihre Arbeitsmethoden verständigen. Wenn sie am selben Orte wirken, werden sie ihre Tätigkeit zentralisieren und aufhören, Konkurenzbetriebe zu sein, die direkt demoralisierend wirken (Bekleidungsvereine, Wochenfürsorge rc.). Bei der Vergebung von Unterstützungen dürfte mancher gemeinsame Gesichtspunkt herauszuarbeiten und Erfahrungen auszutauschen sein, ebenso bei allen Erziehungsfragen (Waisenerziehung, Dienstbotenfrage,. Tugendfürsorge und Berufsfragen) für . Knaben und Mädchen. Das sind Lebens- und Existenzfragen für ganze. Generationen, die nicht nach Gewohnheit und Herkommen entschieden werden dürfen, sondern nach den Forderungen des lebendigen Stromes der - Zeit, in dem wir leben, und dem auch kleinere Vereine an kleinen Orten sich nicht entziehen sollen. Gerade bei ihnen kann viel ursprüngliches und unverdorbenes Menschenmaterial zur ersten, und darum wichtigsten Beeinflußung gelangen. t Auch die Sittlichkeitsfrage, das Schicksal des unehelichen Kindes, der Mädchenhandel, sie dürfen in den Frauenverein nicht länger tot geschwiegen werden, denn sie stehen in direktem und indirektem Zusammenhänge mit deren Spezialaufgaben; sie müssen als große allgemeine Interessen- und Verantwortungsgebiete der jüdischen Frau erkannt und behandelt werden. Der Teil eines Arbeitsprogramms für den Bund jüdischer Frauenvereine, den ich bisher flüchtig skizziert habe, umfaßt nur mehr oder minder bekannte Straßen, derenim Laufe der Zeit ausgefahrene Geleise durch einen frischen Aufschwung den modernen Verkehrsbedürfnissen und Formen angepaßt werden müssen. Jedoch die Zustände und Ereignisse, die in jüngster Zeit für das Schicksal der osteuropäischen Juden entscheidend geworden sind, stellen die ganze solidarisch empfindende Judenschaft, Männer und Frauen, vor eine Aufgabe, die, so groß und . wichtig sie ist, uns doch nach keiner Richtung hin genügend gerüstet findet.' Es ist die Auswandererfrage. Dieselbe zerfällt in ihrer praktischen Behandlung in zwei Teile. In den Teil, der . sich mit den großen geschlossenen Zügen der Auswanderer zu beschäftigen hat, und der die Kolonisation und deren Vorarbeiten in sich begreift, und in den, der die versprengten, rückwandernden oder allein ziehenden Familien, die unterwegs aus irgend einem Grunde rat- und hilflos, liegen bleiben, umfaßt. Die Führung und Leitung der regulären, zielbewußten Emigration hat, wie bekannt, ein internationales jüdisches Komitee mit seinem Hauptsitz in Berlin übernommen. Es findet seine Ergänzung,- in der Jewish Colonisation Association (J. C«. A.) und anderen Vereinigungen verwandter Tendenz. Sache des Bundes kann es nur sein, daß er sich mit den ihm angeschtossenen Vereinen für Deutschland dem Hilfsverein der deutschen Juden in disziplinierter Weise zur Ausführung des Frauenteils an der Arbeit zur Verfügung stellt. Jede eigenmächtige Disposition mnß dabei ausgeschlossen bleiben. Viel weniger einfach für die Vereine und für Einzelpersonen gestaltet sich die Behandlung der versprengten Familien. Es ist-furchtbar schwierig, von Fall zu Fall den rechten Weg zu finden zwischen dem, was die natürliche, impulsive Regung des Mitleides diktiert, und den berechtigten, not-- wendigen Rücksichten aus die lokalen Verhältnisse, in die die „Fremden" oder „Ausländer" sich natürlich eindrängen. In den großen Städten. mit starkem Zustrom entsteht dadurch eine Belastung der Unterstützungsvereine und aller sozialen Einrichtungen, die sowohl aus Rücksicht auf die Einheimischen, miss auf die Fremden,^ nicht mehr größer werden darf. Es wird darum sehr nötig sein, sich in den Konferenzen der Pundesvereine darüber zueinigen, nach welchen gemeinsam festzustellenden Normen dieser' aktuelle Notstand - behandelt werden soll. - Voraussichtlich werden es kleinere Vereine an'kleinen, von den Hauptstädten entfernter gelegenen Orten sein, denen in diesem Zusammenhang eine führende Rolle für die zivilisierende Tätigkeit zufallen kann. Ohne daß es besonderer pekuniärer Opfer bedarf, könnte mit Intelligenz und gutem Willen gerade dort viel geschehen. Die Schnellkultur der großen Zentren hat sich für die in Frage kommenden Provenienzen „Halbasiens" nicht durchwegs als ersprießlich erwiesen. Dex von der Jugend rasch aufgenommene und flüchtige Firnis hält den Anforderungen und Reizen des Großstadtlebens nicht stand; der äußere Schliff drängt sich zwischen Eltern und Kinder, vernichtet das Verständnis und den Zusammenhang zwischen beiden und zerreißt das Familienleben. Wir Frauen haben es zu hüten und zu schützen. Aus allen diesen kurzen Hinweisen, die aus der Praxis leicht vermehrt werden können, geht hervor, daß es dem jüdischen Frauenbund an Arbeit nicht fehlen wird, wenn die Frauenvereine und jene Vereine die, wenn auch Männer im Vorstande, die Interessen von Frauen und Kindern vertreten,- sich zu energischem, zielbewußtem Wirken zusammenfinden. .Der Statutenentwurf, der von der ersten Delegiertenversammlung beraten werden soll, umgrenzt den Arbeitsplan in zwei Paragraphen: 8 2. Zweck des Bundes ist der Zusammenschluß zu gemeinsamer Arbeit. a) In gegenseitiger Anregung für die Interessen der Allgemeinheit. Als Arbeitsgebiete gelten zunächst die Wege und Ziele sozialer Hilfstätigkeit, der Volkserziehung, der Förderung des Erwerbslebens jüdischer Frauen und Mädchen, Hebung der Sittlichkeit, Bekämpfung des Mädchenhandels 4c. b) Im Erwecken des Interesses an allgemein jüdischen •»- Bestrebungen der Gegenwart und durch Stärkung des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins. § 3. Der Bund verfolgt die Gesammtinteressen der jüdischen Frauenwelt. Er will Gelegenheit zum Gedankenaustausch, zu Vergleichen, zur Kenntnisnahme mustergültiger Einrichtungen, zur Anregung selbständiger Schöpfungen geben und enthält sich jeden Eingriffes in die Selbständigkeit der einzelnen Vereine. Politische -und religiöse Parteifragen sind ausgeschlossen. Wenn aus dieser kurzen Darstellung erhellt, daß das Hauptstreben des Bundes dahin geht, für die Schwachen und Hilfsbedürftigen innerhalb unserer großen Gemeinschaft in würdiger und erfolgreicher Weise einzutreten. Wissen und Bildung in unserem Volk zu verbreiten, seinen Schatz an religiösen Wahrheiten zu verteidigen, so wird dieses Streben bewußt und unbewußt noch manches kostbare Nebenprodukt zutage fördern. Der Zusammenschluß wird uns auch in uns selbst festigen, wird uns den Wert unserer jüdischen Eigenart erkennen lassen und die feige oder berechnete Fahnenflucht stigmatisieren. Der Zusammenschluß wird uns aber auch friedlich und duldsam machen im Hinblick auf das gemeinsame Ziel der Förderung und Festigung des jüdischen Volkes als sittliche Gemeinschaft. — Ein Stück dieser Kulturarbeit für unser Volk wird jeder Frau, im jüdischen Frauenbund zusallen, und die Kraft und die Freudigkeit der Pflichterfüllung werden in der Arbeit wachsen. '«M :;

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