Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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geschlossen haben, es ,i st aber bei uns bisher, noch nicht vvrgekommen^, daß ein öffentlicher Beamter, der -vom Staate eingesetzt ist, um Licht und Bildung zu verbreiten, sich und seine Pflicht so weit, vergessen könnte, daß er sich zum Mundstück infamer antisemitischer Gesinnungen machen läßt." Wir werden demnächst berichten, ob und welchen Erfolg diese'Petition gehabt hat. So traurig aber die Notwendigkeit dieser Petition auch ist,, daß sie verfaßt und abgeschickt wurde, bleibt dennoch ein Beweis für die höhere Kultur und Gesittung in Amerika. Was würde wohl eine europäische Negierung dazu sagen,- wenn sie ausgefordert werden sollte, 'einen Beamten wegen antisemitischer Gesinnung abzusetzen! Amerika, du hast es doch besser! Der Milche Frauenbund. Bon Bertha Pappenheim. S eitdem ich erst in ganz kleinem, bald daraus in größerem Kreise den Gedanken der Gründung eines Bundes jüdischer Frauenvereine ausgesprochen Hatte, ist immer wieder die berechtigte Frage laut geworden: was . soll dieser Bund? Wohlwollend und ablehnend, ironisch und mitleidig, neugierig und bekrittelnd — je nach dem Charakter und der Stellung der Fragenden — wiederholte sich die Frage, so daß es. vielen willkommen sein wird, Ziele und Wege des Bundes in knapper Zusammenfassung dargestellt zu sehen. Es war in einer Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels, daß es sich mir zum ersten Mal als unabweisliche Notwendigkeit darftellte, den Zusammenschluß aller jüdischen Frauen und Frauenvereine zu verlangen, die sich mit dem Schicksal alleinstehender und wandernder Mädchen befassen. Und je mehr ich mich mit diesem speziellen Thema beschäftigte, — das ja für. die Judenschaft von bedauerlicher Wichtigkeit ist — je mehr ich die Wurzeln dieser furchtbaren Erscheinung kannte, je klarer mir in meiner armenpflegerischen Praxis der Zusammenhang wurde zwischen Verbrechen, Not, Unwissenheit, Verwahrlosung, Unerzogenheit, verfehlter und kurzsichtiger Wohltätigkeit, Selbstzucht und Indolenz, desto klarer und sicherer wurde es mir, daß das neue Jahrhundert uns jüdische Frauen gemeinsam mit den Männern vor die Aufgabe stellt, die Indolenz zu überwinden, die Selbstsucht auf ein unschädliches Mindestmaß herabzusetzen, die kurzsichtige Wohltätigkeit umzugestälten, der Verwahrlosung und Unerzogenheit zu begegnen, der Unwissenheit- und der Not abzuhelfen und so dem Verbrechen vorzübeugen. > > Wenn ich in dieser Gedankenreihe kurz die Umrisse für das Programm des Bundes jüdischer Frauenvereine gebe, so kann man sagen, das Programm sei nicht neu, es sei identisch mit dem Inhalt der jüdischen Gebote und Moralgesetze und einem Teil der ethischen Kultnraufgaben aller Menschen überhaupt. Gewiß ist es das. — Und gerade auf dem Grunde dieser Identität wird die Kraft und die Wirksamkeit des Bundes beruhen. Denn damit ist in erster Linie gesagt, daß dem Bunde sowohl jene Vereine und Einzelpersonen angehören können, die der Tradition treu, aus religiösen Gründen auf positiv religiösem Boden dasselbe anstreben, wie andere Vereine und Einzelpersonen, die, mehr oder minder losgelöst, von der Tradition, unter dem Motto der sozialen Hilssarbeit auf ihre Weise arbeiten. .> Den Inhalt des jüdischen Vereinslebens bildeten von jeher Kultuszwecke, in neuerer Zeit auch jüdisch - wissenschaftliche Zwecke, vor allem aber Wohltätigkeitszwecke, da der praktische Liebesdienst 'einen .wesentlichen Teil der Vorschriften für unsere Religionsübungen ausmacht. Ausgang und Endziel der Vereinsbestrebuntzen erschöpften sich bis' vor wenigen Jühr-1 zehnten innerhalb der Gemeinden- und'ein Wunsch öder eine Notwendigkeit, die Grenzen der Gemeinden zu überschreitenlag Jahrhunderte lang nicht vor. Bis zur jüngsten Zeit/ ,in der zionistische Bestrebungen einen Teil des jüdischen Vereinslebens lebhaft bewegen, sind die jüdischen Vereine dem politischen Leben in Deutschland wenigstens ganz fern geblieben, ebenso'dem Proselytenmachern In diesen beiden Punkten unterscheidet sich das jüdische Vereinsleben wesentlich von den andern Religionen, denen eine gewisse missionarische Tätigkeit und das Streben nach weltlich-politischer Macht durchgängig anhaftet. Es ist wichtig, solches für den jüdischen Frauenbund als ausgeschlossen zu konstatieren, da schon der Befürchtung Ausdruck gegeben wurde, daß die neue Vereinigung „Sonderbündelei" betreiben wolle, und sich politisch oder auch nur sozialpolitisch nach außen bemerkbar machen würde. - Die nächste und wichtigste Aufgabe des jüdischen Frauenbundes wird' in einer notwendigen Umgestaltung der herkömmlichen Art der jüdischen Wohltätigkeit liegen, darin, daß das mehr oder minder oder minder gedankenlose Geben aushört. Die traditionelle Art des Wohl(?)tuns, die entweder nur der flüchtigen Befriedigung eines vorübergehend mitleidig gestimmten Gebers dient, — ohne die Rücksicht auf Verhältnisse, nur als Erfüllung einer religiösen Vorschrift geübt wird — dieses Wohltun soll sich in eine rationelle Wohlfahrtspflege verwandeln, bei der sowohl der mitleidige, wie der religiöse Geber' seine persönlichen Zwecke erreichen kann, ohne daß er, wie heute vielfach dem Almosenempfänger und dem Ganzen schadet. Es ist einleuchtend, daß die alte Unterstützungsmethode der Ghetti, die bei genauester Lokal- und Personalkenntnis den Bedürfnissen der Kasse feinfühlig angepaßt war, für unsere Zeit nicht mehr ausreichen kann. (Ich erinnere nur an die verschiedenen Gegenseitigkeitskassen.); Dieselben Einflüsse, Veränderungen und Verschiebungen, die für die gesamte Bevölkerung Westeuropas eine empfindliche soziale Not hervorgebracht haben und die in der allgemeinen staatlichen und kommunalen Armenpflege zu systematischer Wohlfahrtspflege und sozialer Fürsorge geführt haben, machen sich im jüdischen Gemeinleben auch geltend: Arbeitsmangel und Wohnungselend, Lohndruck und Konkurrenz. Dazu tritt für die Juden noch die große Schwierigkeit, daß ihnen durch das Gebot 'der Sabbatheiligung viele Fabriks¬ und Geschäftsbetriebe verschlossen sind, von den Beschränkungen auf vielen Erwerbsgebieten zu schweigen, die lediglich auf Antisemitismus zurückzusühren sind. Wenn auch die Arbeitsnachweise und Stellenvermittlungen große Anstrengungen machen, Arbeitsuchende in Rücksicht auf ihre religiösen Anforderungen günstig unterzübringen, so bewirkt das Zusammentreffen der erwähnten Umstände doch, daß gewisse Schichten der Bevölkerung sehr schnell auf das Niveau der Unterstützungsbedürstigkeit herabsinken. Den großen allgemeinen Notstandserscheinungen kann man durch vereinzelte, willkürliche, zersplitterte, dilettantische Wohltuerei nicht abhelfen und Aufgabe des Frauenbundes wird es sein, die großen gemeinsamen Angriffspunkte herauszufinden, unter denen die jüdische Armenpflege nach der erziehlichen, wie nach der ökonomischen Seite geübt werden kann. Mancher Mißbrauch und viel Protektionswesen wird sich äbstellen lassen, wenn es über Weg und Ziel des Helsens zu klärender Aussprache kommt. Die verschiedenen Vereine mit ihren gleichen Spezialaufgaben werden sich bei den Bundes-