Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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darunter' verstand/ist der ganzer: Welt bekannt), bei welchem er sich jetzt befinde, reisten lallen. Die liberale. Partei konnte natürlich einen solch ungerechten Vorwurf, wie ihn Greceanu ihr gemacht hatte, nicht ruhig, auf sich sitzen lassen und so suchte, am 24. Januar I. Bratianu in einer Versammlung sich als noch größeren Patrioten hinzustellen, indem er auf die Juden losschimpfte und sie als die Ausbeuter des rumänischen Volkes bezeichnete und als Beweis einen Juden ansührte, der bereits mehrere Güter in Pacht habe, denselben, der einen riesigen Pachtzins dem Bruder des Redners zahlen muß. Wir sehen also, daß, welche Partei auch immer am Ruder sein möge, in dem einen alle übereinstimmen, daß „die Judenfrage (ich zitiere hier einen Punkt aus dem Programme des Kandidaten A. C. Cuza ans Jassy) gelost werden müsse— durch Vernichtung der Juden". ■■ *•; Es war zu erwarten, daß die antisemitischen Blätter auch das Attentat auf den russis chen Großfürsten Sergius den Juden in die Schuhe schieben würden. Sie hatten allerdings nicht den. geringsten Anhalt hierfür. Aber .das brauchen sie ja ihren Lesern gegenüber nicht. Ihr gewichtigstes Argument war, daß die russischen Juden über dieses Attentat gejubelt hätten. Natürlich ist die Sache absolut unwahr. Die Juden haben nicht gejubelt. Allerdings haben sie auch nicht getrauert. Denn sie erinnerten sich der furchtbaren Judenaustreibungen, welche auf ausdrücklichen Befehl von Sergius 1887 und 1888 in Moskau stattgefunden haben. In Moskau lebten damals ungefähr 20 000 Juden, welche, obwohl nur sehr wenige die von dem Gesetze geforderten Eigenschaften besaßen, durch stillschweigende Duldung der Behörden sehr lange dort geblieben waren. Nur etwa 300 von diesen 20000 Juden zahlten die vorgeschriebene Gewerbesteuer von 8000 Franks, die ein Recht auf Wohnsitz gab, oder befanden sich im Besitze von Universitätsdiplomen. Nur diese durften in der Stadt bleiben, alle anderen mußten Moskau binnen 24 Stunden verlassen — nur die Prostituierten, welche gelbe Karten gelöst hatten, erhielten Aufenthaltsbewilligung! Die Austreibung der Juden erfolgte durch den damaligen Moskauer Polizeipräfekten Trepow. Sie wurde mit brutalster Grausamkeit durchgeführt. Frauen, die sich nahe der Entbindung befanden, wurden bis an die Eisenbahn geschleppt und in die Züge geschoben. Alles das kam jetzt wieder in die Erinnerung. Großfürst Sergius galt eben in Moskau als das Oberhaupt der Hofkamarilla. Man sagte ihm auch das Wort nach : „Freiheit sei nichts anderes als eine verbrecherische Erfindung von Juden." Aber auch zum Jubel hätten die russischen Juden aus diesem Anlaß nicht den geringsten Anlaß gehabt. Denn das russische Tschinowniktum weigerte sich jetzt mehr als je, die unter dem Ministerium Swjatopolk-Mirski den Juden eingeräumten wenigen Rechte anzuerkennen. Selbst das Zarenmanifest vom. 24. August vorigen Jahres wird von ihm ignoriert, und es hänfen sich die Fälle, in denen die Juden die geringfügigen Erleichterungen, die ihnen jenes Manifest | gewährt hatte, sich den Beamten gegenüber vom Senat erst von neuem erkämpfen nrüssen.. So weisen die Gendarmen im Gouvernement Taurien die jüdischen Handwerker, welche sich auf Grund,des erwähnten Manifestes auf dem flachen Lande niederlassen wollen, aus den Dörfern. Aber auch die Peters- - burger Polizei kümmert sich sehr wenig um den Erlaß des Zaren und weist die alleinstehenden Kinder graduierter Juden aus Petersburg aus, als wenn der Zar in seinem Manifest ihrer gar keiner Erwähnung getan hätte. Der Senat stellt sich zwar in allen Fällen in denen die Geschädigten ihn anrufen, auf die Seite der Juden, allein, so etwas geniert einen richtigen Tschinownit nicht im geringsten, und hindert ihn nicht, andere Juden bei nächster Gelegenheit zu chikanieren. Andererseits mehren sich freilich aber doch die Beweise, daß man in den höheren und höchsten Verwaltungskreisen zurzeit wenigstens entschlossen ist, die Rechte der Juden um einiges zu erweitern. So wurde der Plehwesche Mas, der den Juden verbietet, außerhalb des Ansiedlungsrahons Land zu kaufen oder zu pachten, nach > zweijährigem Bestand wieder aufgehoben. Der Grund für diese außerordentliche Milde ist in der Tatsache zu suchen, daß die jüdischen Millionäre außerhalb des Ansiedlungsrahons aus Gründen, deren Erörterung allzu weit führen würde, nicht Güter sondern fast ausschließlich Wälder kaufen. Eine weit wichtigere Erleichterung ist die in Aussicht genommene Erlaubnis, an den Mittel- und Hochschulen jüdische Lehrer und Professoren anzustellen. Andererseits bieten die Antisemiten, Panslavisten, Berussantisemiten und Reaktionäre aller Schattierungen alles auf, um zu einer Zeit, da in Rußland alles aus den Fugen geht, dem Reiche wenigstens die Maigesetze zu . erhalten. Der ältere Suworin wünscht, daß der zu erwartende Semski Sobor so wie einst vor 300 Jahren zusammengesetzt sein möchte. Der damalige Sobor nämlich wies keine jüdischen Deputierten auf, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil damals Rußland noch keinen einzigen Juden hatte. . * Wenn die amerikanischen Juden von dem Antisemitismus, der auch den Vereinigten Staaten nicht fremd ist, hören, so sind sie empört darüber. - Und doch können sie die Tatsachen, die dies beweisen, nicht in Abrede stellen. So hat jüngst Prof. So mbar t in Breslau, der seine Eindrücke von einer amerikanischen Studienreise schilderte, konstatiert, daß in Amerika, das sich das sozialdemokratische Land nenne, in dem aber auch die Phrase eine - große Rolle -spiele, der gesellschaftliche Antisemitismus viel stärker sei, als er es je in Deutschland beobachten konnte. Noch drastischer beweist das Vorhandensein des Antisemitisnurs die Petition, welche eine Anzahl Juden an die Verwaltung der Universität des Staates Newhork -behufs Amtsentsetzung des Mr. Melvil Deweh gerichtet hat. Dieser ist nämlich Staatsbibiothekar jener Universität. Gleichzeitig besaßt sich der Edle noch mit Privatgeschäften, indem er als der Leiter eines von der Hotelgesellschaft „Lake PJacid Companie“ unterhaltenen Hotels figuriert. Als solcher hat er vor einiger Zeit ein Zirkular verschicktem welchem auf die besonders großen Vorzüge des Hotels aufmerksam gemacht und hervorgehoben wird, daß in dem Lake Placid Club niemand beherbergt werde, der körperlich, moralisch oder gesellschaftlich minderwertig oder durch seine Rassenangehörigkeit auch nur einer kleinen Minderheit der Gäste unangenehm sei. Juden, selbst wenn sie sonst hervorragende Qualifikationen besitzen sollten, sind ausgeschlossen. > In der von Männern wie Nathan Bijur, Jacob M. Schiff, Eyrus L. Sulzberger Unterzeichneten Petition wird ein trauriges Bild von dem Umfang des Antisemitismus in Amerika entworfen. „In dem Staate Newhork, heißt es da unter anderem, leben gegen drei bis vier Millionen Juden, die wie alle anderen ihre Steuern bezahlen und sämtliche Beamten des Staates einschließlich Mr. Deweh unterhalten. Sie sind daher der Ansicht, daß ein Beamter, solange er im Amte ist und aus den Mitteln des Staates, von dem die Juden ein Teil sind, lebt, nicht ungestraft, Haß gegen die Juden, von deren Gelde er zum Teil lebt, vorbereiten darf. Einstweilen hat der von Mr. Deweh verherrlichte mittelalterliche Geist bei uns noch nicht festen Fuß fassen können. Es haben zwar Trunkenbolde und Nowdies ehrwürdigen Greisen die Bärte ausgerissen, es fanden sich auch Klubs, die jüdische Mitglieder aus