Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Wenn Mutter wüßte, was ich durchmachen muß ... im Herzen Hab' ich solch ein Nagen. . Aber er bietet alle Kräfte auf, um die profanen Gedanken; zu verbannen, die ihn vom Studium ablenken, er senkt den. Kopf über das vor ihm liegende Buch und findet gleich diel Stelle, wo er stehen geblieben war. . „Monn Rabbonon . ." fängt er an. Zwei Tränentropfen fielen auf das Blatt hernieder, dannbrach ein ganzer Stoß hervor und strömte und strömte und wollte nicht aufhören. Des Knaben sanfte, müde Stimme brach gänzlich ab, er fühlte ein Würgen in der Kehle, einen schmerzlichen Druck in der Brüst, Müdigkeit, Hunger und Herzweh übermannten, ihn. . „Thonu- Rabbononfing er wieder an. Aber der große Ofen vor seinen Augen fing an hin und her zu wanken, die aufgeschlagene Gemara wogte aus und nieder, die Zeilen tanzten und zuckten hin und her, vermengten sich miteinander und schwebten in der Luft. Dem Knaben kam es vor, daß der ganze große Saal sich um seine Achse drehte, da marschierten die Fenster der Reihe nach vorbei, eines nach dem andern und die Peruschim davor, ein betäubender Lärm hallte in seinen Ohren, er fühlte, daß ihn eine Mattigkeit über-? wältigte und sein Herz still stand, seine Kniee wurden schwach, er konnte nicht mehr aufrecht stehen. Er wollte einen Schritt zur Bank hin machen, um sich darauf niederzulassen — da fiel er zu Boden. Der Widerhall des Sturzes schreckte die Peruschim an allen Ecken und Enden des Lehrsaales auf. .Sie hoben den Knaben auf ihre Arme, trugen ihn zum Almemor, legten ihn hin, schüttelten und zerrten ihm Eine namenlose Angst befiel sie alle, alle riefen einander an, schrien und jammerten in heil-i loser Verwirrung durcheinander. 1 Jetzt erschien der Kamonenser, einem Kranz von Töpfen um den Gürtel, die Hände voll von allerhand Lebensmitteln; eine Weile stand er bei der Tür, um sich zu überzeugen, was' der Tumult zu bedeuten hatte, dann trat er in die Ecke, wo Josef zu stehen pflegte, um ihm seinen Topf zu reichen, und bemerkte die Mütze des Knaben auf dem Boden und daneben' das offene Buch. „Josef!" schrie er mit herzzerreißender Stimme. „Wehe', wehe! Josef!" Mit einem. Sprunge stand er neben dem Almemor. Doch während seiner eiligen Bewegung. wurden die Töpfe an seinem Gürtel heftig gegeneinander geschüttelt und zerbrachen, nur Scherben blieben an den Henkeln hängen, der Inhalt ergoß sich und rann über den Kaftan herab und bildete eine Lache auf dem Boden. Doch der Kamonenser wurde siA dessen nicht bewußt. Er arbeitete sich mit den Ellenbogen, durch die dichtgedrängte Versammlung hindurch, packte. den. Knaben an und trug ihn hinaus. „Wasser!!" brüllte er entsetzlich, „so bringt doch Wasser her, Räuber, schnell, ihr Mörder! Wasser!" ... Es war schrecklich anzusehen, wie er den Knaben auf den Armen trug, sein Gesicht hochrot, die Augen blitzend und blutunterlaufen, von seinem dicken Rock troffen die verschütteten Suppen und, Saucen herab, die Scherben an seinem Gürtel klirrten, während er wütend über die. umherliegenden Erdäpfel, Teig- und.I Fleischstücke hinwegschritt. . . Als der rasch herbeigerufene jüdische; Feldscher ankams? fand^ er den Knaben in der Vorhalle zur Erde sitzend, sein. Gesicht war leichenblaß, seine großen Augen irrten fragend umher, und ein Fieber schüttelte seinen ganzen Leib; der Kamonenser stand neben ihm, wusch ihm den Kopf mit kaltem Waffer und-schrie dabei mit heiserer Stimme, ohne auf die ringsum versammelte Menge zu achten: „Was war hier los? Wa—as? Wer hat ihm das getan? Wer?" Als der Feldscher näher kam und den Kamonenser ersuchte, etwas beiseite zu treten, blickte er ihn eine Weile verwirrt an, blieb dann stehen und seufzte bitterlich: , > „Warum leidet er so schwer?" brummte er. „Warum nur? Was ist ihm eigentlich geschehen?" „Erschöpfung," sagte der Feldscher zu den umherstehenden Peruschim, die gespannt auf seine Bekundung horchten. „Er ist ein zarter und schwächlicher Knabe, die Luft des Bethamidrasch, die er den ganzen Tag einatmen muß, hat ihm geschadet . , . vielleicht hat er übrigens noch .heute gar nichts gegessen. . ." „Und wenn er schon ißt, was ißt er dann?" schrie der Kamonenser bitterlich. „Vielleicht hat er heute noch nichts gegessen, sagen Sie? Sicherlich hat er noch nichts gegessen! Und gestern? Was bekam er denn gestern? Meinem schlimmsten Feinde wünsche ich nicht, so genährt zu werden wie er. „Woher ist der Junge?" frug der Feldscher. Der ihm zunächststehende Porusch sah seinen Nachbaram dieser den seinigen, und dieser wieder den andern. Alle Peruschim blickten sich gegenseitig an, aber keiner wußte, woher der Knabe war, denn sie so ganz und gar nicht beachtet hatten. . ^,Aus einer fernen Gegend ist er hergekommen," schrie der Kamonenser. „Zu Fuß hat er den ganzen Weg zurückgelegt, er wollte lernen, nur lernen. Tag und Nacht lernte er, sogar Gemara. . ." „Ich will ihn zu mir nach Hause nehmen," unterbrach der Feldscher das Schreien des Kamonensers, „ich werde den Arzt rufen lassen." Der Kamonenser bückte sich und wollte den Knaben aus die Arme heben, doch Joses sagte mit schwacher Stimme: „Ich kann gehen!" (Fortsetzung folgt.) Litersrilchr Mitteilungen. — Muhammed Adil Schmitz du Moulin: Ritter des Lichts. Leipzig 1904, Verlag von Rudolf Uhlig. Schon die Titel (Band I: Keine Rasse! Keine Klasse! Brüder alle! Band II: Der Islam d. h. die Ergebung in Gottes heiligen. Willen. Bänd III: Die Greuel der Verwüstung. Band IV: Jslambul d. h. die Stadt des. Glaubens) zeigen, daß wir es hier mit ganz eigenartigen' literarischen Produkten zu tun haben, an die man nicht wohl.einen streng wissenschaftlichen Maßstab anlegen darf. Der Verfasser ist ein zum Islam übergetretener Deutscher, dem es. ein Herzensbedürfnis ist, dem christlichen Europa einen Spiegel vorzuhalten. Warum auch nicht?. Hat Europa von jeher dem islamischen Orient in verschwenderischer Freigebigkeit Ermahnungen und Strafpredigten angedeihen lassen, so ist es nur ein Gebot der Dankbarkeit, wenn ein Wortführer des Islams den . christlichen Völkern zuruft:. Bitte, betrachtet euch einmal selbst! Prüft man freilich seine Ausführungen, so muß man gestehen, daß er in denselben Fehler verfällt, den man den europäischen Gegnern des Islam vorwerfen muß : den der großen Einseitigkeit. Aus der einen Seite nur Licht, auf der anderen nur Schatten — nur, daß natürlich für. ihn diese „eine" Seite das Musalmanentum, die „andere" das Europäertum ist. Man müßte ihn deswegen wohl strenger tadeln, als die Wortführer Europas. Denn letztere könnten in ihrer überwiegenden Mehrzahl zu ihrer Entschuldigung sagen: „Wir verstehen es nicht besser denn wir kennen dem Orient nicht." Schmitz du Moulin kennt aber das Abendland und den Orient sehr gründlich, folglich, sollte er gerechter