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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
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vT*****™. - 94 Gesicht verstohlen an Josef vorbei, um nicht bemerkt zu werden. -Bald steht er vor dem Porusch, der prinzipiell keinen Hering ißt, und überreicht ihm ein Stückchen Butter, in Papier eingewickelt. . '' „Sei nur nicht böse," spricht er demütig flehend, „daß Du durch mein Berschen eine doppelte Ausgabe hast. Es war Gottes Wille, daß ich mich irrte, und seine Eingebung, Dir den Hering abzukausen. . . Alles ruht in Gottes Hand!" ' „Ha ha ha! Der Kamonenser philosophiert!" fing der andere zu lachen .an, „geh, geh, dummer Kerl!" Der Kamonenser ernährte sich von den Ueberresten der den Peruschim geschickten Spenden; alles, was der eine zurückließ, oder was dem anderen nicht schmackhaft oder nicht appetitlich genug dünkte, ließ.jener sich wohlschmecken. Mit großer Herzlichkeit bot er dem Knaben Josef einen Teil dieser Leckerbissen an, aber zu seinem großen Schmerz wollte dieser um keinen Preis zugreifen. Er zog es vor, von trocknemBrot zu leben, und begnügte sich mit den paar Pfennigen, die ihm Chajim Melamed allwöchentlich reichte. Dafür kaufte ihm der Kamonenser das Pfund Brotein Stück Hering oder ein wenig Butter, und das reichte für den ganzen Tag. Das war seine Lebensweise die ganze Woche hindurch. : Einige Wochen vergingen. Keiner bemerkte, daß der Knabe immer blasser und blasser wurde, seine Wangen wurden, abgemagert und fielen endlich ganz ein, seine schwarzen großen Augen traten in die Höhle zurück. Er hatte ein bedenkliches Aussehen. „Ich will Dir etwas sagen!" ries er einmal dem Kamonenser zu, „aber niemand darf es hören." „Was ist es?" „Setz' Dich zu mir her! Ich sag' es. Dir leise!" - „Es schickt sich nicht, daß der Speisenträger sich so ohne weiteres, zum Porusch hinsetzt." „Setz' Dich hier her und laß diese Kindereien. Ich habe Dir etwas im Geheimen zu sagen." „Siehst Du, Du bist ein Porusch, Du lernst Gemara, und ich bin ein gemeiner, unwissender Mensch, ein stumpfer Kopf," sagte der Kamonenser. „Wer von seiner Hände Arbeit lebt, ist größer als der Gottesfürchtige, sagen unsere alten Lehrer, und König David sagt: Der Anfang aller Weisheit, ist Gottesfurcht," setzte Josef dem Kamonenser auseinander, indem er ihm jedes Wort besonders erklärte. „Daraus geht also deutlich hervor, daß der redlich sich Mühende dem studierenden Jünger vorzuziehen ist." Doch der Kamonenser beugte sich zu ihm hinab und fragte: „Was hast Du? . .....Sag'! . . „Ich möchte Dich bitten," stammelte Josef, „ich möchte Dich bitten . . . mir die Wäsche zur Wäscherin mitzunehmen." „Warum hast Du das nicht früher gesagt?" wurde der Kamonenser ernstlich böse. „Warum hast Du mir das nicht gleich gesagt? Ich gehe ja jeden Tag zur Wäscherin ... Ich habe bloß nicht gewußt, ich habe bloß ganz daran vergessen ... ich Hab' ja so viel zu tun . . . das siehst.Du ja selber.; ." „Aber," bemerkte der Knabe mit einem stillen Seufzer, Ich habe nicht zu bezahlen. . ." „Was geht Dich das Bezahlen an?" fuhr der Kamonenser auf: „Wo bin ich denn? Ich, wo bin denn, frage ich Dich?" „Schrei nicht so! Wozu brauchen Dich die anderen zu hören." ' „Was gehen mich die anderen an? Glaubst Du, ich habe Furcht vor jemandem?" ...' „Aber wie kann ich das von Dir annehmen?" sagte der Knabe, „Du bist ja -selber ein armer Mann und arbeitest so schwer." - ... - j ' „Du bist ein kleiner Narr," antwortete der Kamonenser, schon ganz begütigt. „Was heißt das, ich bin arm? .Und wenn schon, warum soll, ich denn schlimmer dran sein als die anderen Armen der Stadt? Siehe da Kalman Schneider, er hat eine kranke Frau und nagt selber am Hungertuche, aber er speist einen Porusch. Und Barnch Tischler? Der hochgewachsene Mann, der jeden Sabbat beim Gottesdienst hier am Ofen sitzt, eingehüllt in einen alten, zerrissenen Tallis, schon beinahe lauter Fetzen, das ist Baruch Tischler, er hat sieben Kinder und arbeitet schwer den ganzen Tag über; sein Verdienst ist sehr beschränkt, ich komme an jedem Dienstag in sein Hans und sehe, was für ein bitteres Elend dvrt herrscht, aber glaubst Du vielleicht, Baruch trägt nicht bei zum Unterhalt der Jünger 'des Lehrhauses? Da irrst Du Dich sehr, wenn Du das glaubst. Warum soll ich also schlimmer daran sein? . . . He, warum denn?" „Aber von mir nimmst Du ja keinen Lohn für Deine Mühe, wie bei anderen?" „Nun, und was ist dabei? Nennst Du das wohltun? Hier gibt es ja sechzig Peruschim, wenn ein jeder mir seine zehn Kopeken die Woche bezahlen würde, ich könnte ja binnenkurzem ein reicher Mann werden!" v „Du trägst solche alte zerrissene Kleider!" r „Ach was, daraus mach ich mir nichts. Glaubst Du etwa, ich habe kein Geld?" „Und wenn Du welches hast, was geht mich das an?" „Ich Hab, ich Hab, jawohl!" ries der Kamonenser stolz. ,;Zum Winter lass' ich mir einen neuen warmen Oberrock und neue Stiefel anfertigen. Geld habe ich, Gott sei Dank! . . . . „Kamonenser, höre mal," unterbrach ihn Josef, als er merkte, daß er gesprächig wurde, „höre mal, Kamonenser, ich habe ein goldenes Ringlein, das hat mir meine Mutter gegeben, als ich von ihr schied." „Gold?" machte der Kamonenser erstaunt und trat ehrfurchtsvoll zurück. r „Als ich mein Elternhaus verließ," fuhr Josef mit leiser Stimme fort, „gab mir meine Mutter dieses Ringlein,' damit ich es in der Not verkaufe. ..." . „Wem gehört der Ring?" stammelte der Kamonenser, noch .immer fassungslos von der Vorstellung eines goldenen Ringes. „Das Ringlein trug meine Mutter immer am Finger." „Nun?" „Als ich von Hause fort sollte, hatten meine Eltern nur wenig Geld, meine Mutter gab mir also das Ringlein. . .. „Jetzt begreife ich!" seufzte der Kamonenser. „Ich habe keinen roten Heller in der Tasche, ich bin Müde und hungrig, obendrein werde ich Waschgeld bezahlen Müssen, ich muß also das Ringlein. verkaufen. Aber wie soll ich das anfangen? Wer wird's von mir kaufen? Vielleicht besorgst Du das?" „Gut, gibs nur her," sagte der Kamonenser ganz leise. ' Josef zog einen kleinen dünnen Ring aus der Tasche und reichte ihn dem Kämonenfer. ' „Wo liegt Deine Wäsche? Rasch, ich habe keine Zeit!" Auf dem Boden war eine Kammer, wo die Sachen der Peruschim lagen. ’ . Als Josef zurück kamtrat er stumm auf seinen Platz hin und stützte die mageren Arme auf das offene Buch. Lautlos und reglos stand er da, nur seine Augen stierten auf die Buchstaben, aber sie nahmen nichts wahr. Er sah andere ferne Gestalten; er sah Vater und Mutter, die Erinnerung an den- Abschied vom Elternhause, an all das, was er seither durchlebtstieg in ihm auf, und in seinem jungen, wogenden Herzen sammelte sich ein großes Weh an. . ..

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