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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 93 (sequence 9)
Language
German
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93 System Jbn Esras). Und liest man das Buch in der von ZUnz getroffenen Anordnung, so sind die Hegelschen Gedanken, ebenso wie die anderer Philosophen, in die Darstellung so eingeslochten, daß die Originalität Krochmals keineswegs darunter leidet. Krochmal stand eben auf dem philosophischen Standpunkt seines Zeitalters. Wenn sich Landau mit „Quellenstudien" befaßte, dann mußte er nicht alles auf eine Quelle zurückführen. An zwei Stellen verweist Landau auch auf Kant, glaubt jedoch an der zweiten Stellen sagen zu müssen, Krochmal geht mit Kant so weit, wie er von Hegel geführt werde. Aber Krochmal hat sich an Kant viel enger angeschloffen, als Landau ahnt. In dem siebzehnten Kapitel (über das System Jbn Esras), sowie in dem diesem als Einleitung vorhergehenden Kapitel und auch sonst hat sich Krochmal vielfach an Kant angeschloffen. In den geschichtsphilosophischen Kapiteln baut Krochmal zwar auf den Hegelschen Grundgedanken von der apriorischen Geschichtskonstruktion, aber gerade die . Verbindung dieses Gedankens mit dem im fünften Kapitel dargelegten Element aus der Kantischen Philosophie, auf Grund einer tiefblickenden Kritik der jüdischen Quellen durchgeführt, bildet die große Geistesarbeit Krochmals. Die Frage, ob Krochmal seine Quellen für die allgemeinen philosophischen Grundsätze angegeben habe, oder^ nicht, ist so irrelevant, daß Zunz, wenn die Vermutung Landaus zutrifft, die Verweisungen ohne Bedenken weglassen konnte. Die „Quellenkritik" Landaus ist daher eine pure Spielerei. Landau verspricht uns noch einen zweiten Teil zur Geschichtsphilosophie Krochmals. Wir wollen hoffen, daß es sich dann um eine systematische Darstellung handeln werde, nicht um belanglose und obendrein ungeschickte „Quellenkritik". An drr Lukttr. Geschichte eines Knaben. Von Esra Goldin. Aus dem Hebräischen. 1»^infam saß der Knabe Josef auf der kleinen Bank unweit der Türe und war eifrig mit Lernen beschäftigt. Er erhob nicht die Stimme, verursachte keinen Lärm. Mit leisem Flüstern studierte er seine Lektionen von dem frühesten Morgen bis spät in die Nacht. Er rührte sich nicht von der Stelle, blickte nicht einmal um sich, als wäre die ganze lebendige Welt in den engen Raum dieser Elle, die er einnahm, zusammengeschrumpft, und dicht dabei singe schon die öde Wüste an. Chajim Melamed ließ diesmal Gnade vor Recht walten, durchbrach den alten Brauch von Keiwa und versah den Knaben mit Kost für drei Tage der Woche, abgesehen vom Sabbat, an dem noch nie an einem Orte, wo Juden wohnen, ein Fremder, ein Dürftiger oder Heimatloser gefastet. Dann ließ er ihn stehen, denn mittlerweile hatten sich zahlreiche lernbegierige Peruschim in Keiwa eingefunden, die Zahl der „Tage" aber wurde knapp, so daß sogar diejenigen unter ihnen, zu deren Gunsten auch der Besitz einer Frau sprach, nicht alle sieben Tage der Woche besetzt bekamen. Der Kamonenser gewann den jungen Knaben von Herzen lieb, er litt mit ihm und war jedesmal tief unglücklich, wenn er die magere und schlechte Kost gewahrte, dke man dem Knaben durch ihn schickte. „Weh ist Mir!" seufzte er still vor sich hin, während er durch die Straße schritt, die Hände voll von allerhand Lebensmitteln und eine Menge Töpfe am Gürtel aufgereiht. „Wie schämen sich nur diese Menschen nicht, einem so zarten, schwächlichen Knaben, der dazu den ganzen Tag ohne Unterlaß lernt, solch ein schlechtes Essen zu schicken? Was ist hier da? Was?" Er hielt eine Weile inne und betrachtete den Inhalt eines der Töpfe, die er vorn hängen hatte; er schüttelte das Gefäß, dann wiegte er den Kopf hin und her und nahm einen sorgenvollen Gesichtsausdruck an. „Was ist hier da?" setzte er sein Selbstgespräch fort und schnitt ein grimmiges Gesicht. „Ein wenig trübes Wasser. Und was noch? Ein Stück trocknes Brot. Was soll der Knabe essen? Weh ist mir, und weh ist meinem Leben und meinen Jahren! Wovon soll er leben? Und dabei lernt er, Gemara lernt er, ganz wie ein Großer, alle sehen, daß er Gemara lernt, obgleich er noch ein kleiner Junge ist." Er ging weiter und seine Lippen bewegten sich. Er schien etwas zu murmeln, während ein tiefer Seelenkummer sich in seinen Mienen ausprägte. An jenen drei Tagen aber, da Josef nicht einmal trocknes Brot und trübes Wasser hatte, war der Kamonenser von früh bis Abend unruhig und aufgeregt, seufzte unaufhörlich, murrte, schimpfte und schalt alle Peruschim und hatte ein drohendes Aussehen. Er wußte nicht, was mit ihn: vorging und was er zu tun hatte, und führte die Aufträge schlecht aus. „Wilder Mensch!" ruft ihm ein Porusch zu, „ich habe Dich geschickt mir Butter zu bringen, am Ende bringst Du mir Hering. Bist Du schwerhörig geworden?" „Und Hering? Ist das ein schlechtes Essen?" erwidert der Träger empört. „Der Junge wäre zufrieden, wenn er Hering zum Essen hätte." „Was für ein Junge? Was geht mich irgend ein Junge an? Ich effe niemals Hering." „Seht mal diesen Edelmann an," höhnt der Kamonenser, „Jener hungert und der hat keinen Appetit auf Leckerbissen." „Aber für mein Geld kann ich mir ja kaufen, was mir gefällt, Tölpel," macht ihm der Porusch seinen Standpunkt klar. „Was schreist Du also?" antwortete jener plötzlich besänftigt. „Ich habe mich geirrt. Hab' ich Dich etwa bestohlen, daß Du mich überfällst, wie einen Dieb? Ich habe ja nichts gestohlen, ich habe bloß vergessen." „Was soll ich also essen?" „Gib andere fünf Kopeken her, und ich bringe Dir Butter!" „Und was soll aus dem Hering werden?" „Den kaufe ich Dir. ab." „Was gibst Du dafür?" „Er kostet fünf Kopeken, ich gebe Dir drei." „Her damit!" „Aber Du bist mir ja mehr als drei Kopeken schuldig; vierzig Kopeken bist Du mir schuldig. Du hast mir seit vier Wochen nichts bezahlt." „Nimnu den Hering und scher Dich davon, rede nur nicht zu viel." Der Kamonenser packt den Hering beim Schwanz und läuft davon. Auf dem Wege zur Tür kommt er an Josef heran und ruft mit fröhlicher Stimme: „Einen guten Hering. Nur zwei Kopeken. . . Nimm!" „Sehr gut," freut sich der Knabe, und während er in der Tasche herumtastet, um die zwei Kopeken zu finden, hat sich der Kamonenser längst aus dem Staube gemacht. Eine Weile nachher kommt er zurück, und schleicht sich mit abgewandtem

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