Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 92 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228645--61506-3275330
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Kachmsn krochmal. Von Dr. D. Neumark. in Buch üher Nachman Krochmal?) Man geht mit den besten Hoffnungen an die Lektüre. Der Titel mutet zwar etwas seltsam an: Nachman Krochmal, ein Hegelianer! Am Ende eine neue Entdeckung. Schon alles dagewesen: ich kenne einen Mann, der den pythagorüischen Lehrsatz aus Privatem Fleiße entdeckt hat. Der Mann wußte aber tatsächlich nicht, daß dieser Satz schon bekannt war. Sollte es Herrn Landau ähnlich ergangen sein? Schließlich gibt es ganz gute Bücher mit ungeschickten Titeln. Nur kann man das von diesem Buche beim besten Willen und bei aller Nachsicht, auf die eine Dissertation Anspruch hat, leider nicht sagen: Die biographische Einleitung befriedigt nicht, die Schrift selbst entzieht sich hartnäckig jeder vernünftigen Klassifikation, und beide zusammen, diese Einleitung mit dieser Schrift zu einem Buche vereinigt, ergeben eine ganz unmögliche Komposition. In der Einleitung wird Krochmal, stellenweise in bombastischer Sprache, verhimmelt. Das ginge noch an, wenn es nicht an einer Stelle auf Kosten Rapoport's geschehen wäre. Wieviel 'in dem Artikel „Agadah" Krochmal und wieviel Rapoport gehört, entzieht sich unserer Beurteilung. Es handelt sich wohl um Ergebnisse eines durch längere Zeit fortgesetzten mündlichen Gedankenaustausches, auf welchen jeder der beiden Gelehrten subjektiv wenigstens gleichen Anspruch machen konnte. Wenn sich aber Krochmal in einem Privatbrief eine abfällige Bemerkung über Rapoport's Charakter erlaubt (während Rapoport in seinem Krochmal gewidmeten Nachruf diesem hohe Verehrung zollt), so spricht doch dies nicht gegen Rapoport, sondern vielmehr gegen Krochmal — und warum sollte denn nicht auch dieser Philosoph seinen Tribut an die menschliche Schwäche zahlen? Die Verhimmlung Krochmals in der Einleitung geht so weit, daß Landau der Ansicht Krochmals über die Bedeutung Ihn Esras als Philosoph nicht nur ganz kritiklos gegenübersteht, sondern diese noch zu übertreffen sucht. Krochmal kaprizierte sich auf die Philosophie Jbn Esras, bewies aber durch seine wortklauberische und zuweilen sehr gezwungene und weithergeholte philosophische Homiletik doch nichts mehr, als daß Jbn Esra das philosophische Wissen seinerzeit in sich ausgenommen hat, keineswegs daß er ein selbständiger Philosoph war mit eigenem System. Landau hingegen fühlt sich überdies zu der Behauptung verleitet, es gäbe im jüdischen Mittelalter außer Maimonides und Jbn Esra überhaupt keinen Philosophen mehr. Und er läßt sich beim Wort nehmen; ohne jeden aus dem Zusammenhang sich irgendwie ergebenden Grund legt sich Landau auf diese Behauptung fest und — tritt einfach den Beweis an. Und wie er beweist? Die anderen gefeierten Denker der spanisch-maurischen Periode, die bis ins 15. Jahrhundert gewirkt haben, können ja bei aller Würdigung ihrer Geistesschärfe, bei allem Schimmer ihrer zuweilen blitzartig hervorsprühenden Gedanken (wie gnädig, zugleich jedoch vorsichtig!) doch nicht im Ernst Philosophen genannt werden! Gabirol ist kein jüdischer Philosoph, die anderen sind nicht ernst zu nehmen, ihre Werke sind zumeist „apologetischer Natur", Jeh. Halevi und Bachja (warum diese Reihenfolge?) halten überhaupt nicht viel auf den Erkenntniswert der Philosophie in Sachen der Religion, ergo — waren sie keine Philosophen (ergo: wohl auch nicht Spinoza, auch nicht Kant!) „Joseph Albo, ein Jünger des Chasdai Crescas . . . sein y Dr I. Landau: Nachman Krochmal, ein Hegelianer, Berlin, Calvary 1904, 69 S. Buch trägt aber schon den Stempel der Decadence." . Und was Jbn David? Hillel de Verona (oder: di Lombardia) und Crescas selbst? andere, weniger bedeutende philosophische Schriftsteller gar nicht zu erwähnen. Landau entscheidet: „Unter all den hier genannten Denkern ragt die Persönlichkeit Jbn Esras neben der Maimonides hervor." Maimonides kommt also noch glimpflich davon. Nur bleibt es noch lange nicht dabei. Im Verfolge dieser sonderbaren Kollegs über die jüdische Religionsphilosophie wird auch Maimonides eine Bank weitergeschoben. So die Einleitung. Und wie paßt zu dieser Einleitung die Schrift selbst? Wäre die These der Schrift aus dieser selbst ohne Hilfe von Titel und Einleitung zu erraten, so. würde sie von mindestens 99 Prozent der Leser etwa so formuliert werden: Nachman Krochmal war ein Plagiator, und ein plumper Plagiator obendrein! Abgesehen von zwei Noten zwischen den zwei Teilen (l. Zur Religionsphilosophie, II. Zur Logik), Noten, deren Modell bescheidenerweise von Grätz' Geschichte hergeholt ist, von denen man jedoch nicht recht weiß, was sie in diesem Zusammenhänge eigentlich sollen — abgesehen von diesen Noten besteht die Schrift aus einer mehr oder minder richtigen Uebersetzung von sprungweise gewählten Stücken aus Krochmals Buch: „More Nebuche Ha-S'man", wozu in den Anmerkungen die Parallelstellen herangetragen werden. Der Verfasser fühlt es selbst, daß er sich an dem teuren Andenken Krochmals versündigt. In der Einleitung meint er, Krochmal selbst habe gewiß die Quellen in Anmerkungen angegeben, nur Zunz hätte sie weggelassen. Später werden trotzdem andere Entschuldigungen dafür gesucht, daß Krochmal an einer Stelle Maimonides zitiert, wo er nach der Ansicht Landaus viel bequemer (nämlich: bequemer für den Quellen forscher Landau) Hegel hätte zitieren können. Ein anderes Mal wird mit einem Talmudzitat ein ähnliches Verhör angestellt. Wieder ein anderes Mal vindiziert sich der Verfasser das Verdienst, die Quellen des Verfassers zum ersten Male geprüft zu haben: Krochmal habe nicht nur Hegel, sondern auch S. Maimon ausgeschrieben; er nahm nur einige Aenderungen vor, „wo es Abweichungen im Simne Hegels zu pointieren galt. Krochmal selbst kam nicht mehr dazu, die Quellen anzugeben, Zunz hat das Buch, wie es scheint, auf seine Quellen nicht geprüft (aber Krochmal hat ja die Quellen angegeben und Zunz hat sie weggelassen welch weiter Weg von S. 17 bis S. 61!) und auch den anderen sind die meisten Quellen unbekannt geblieben, zumindest haben sie auf dieselben nicht aufmerksam gemacht." — Ja, gewiß hat niemand darauf aufmerksam gemacht, weil es allgemein bekannt ist, weil es Krochmal selbst gesagt hat, daß er sich Hegelsche Gedanken angeeignet. Landau geht aber so. weit, selbst allgemeine Sätze, welche in den philosophischen Kompendien aller Zeiten und Schulen sich wiederfinden, „quellenkritisch" aus Hegel äbzuleiten. Kurz, Landau ist auf dem Holzwege. Zwei Tatsachen hätten ihn doch stutzig machen sollen: Landau mußte das fünfte Kapitel „überspringen", weil sich das sechste inhaltlich besser an die ersten vier anschließt. Dann greift er bald zum sechszehnten Kapitel, und philosophiert darüber, was Zunz wohl bewogen haben mag, diese dem Zweck Landaus durchaus unbequeme Anordnung zu treffen. Zunz muß doch auch, von der Sache was verstanden haben. Er sagt ja in der Einleitung: Die ganzen philosophischen Auseinandersetzungen Krochmals sind nur der geschichtsphilosophischen Betrachtung willen da. Das fünfte Kapitel: „Die Absicht und der Zweck" hat seinen ganz richtigen Platz vor den geschichtsphilosophischen Abschnitten, das sechzehnte Kapitel ist eine Einleitung zum siebzehnten (das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.