Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heitmüller schafft sich den Boden für seine Untersuchung, indeiy. er den Sprachgebrauch des^ Neuen Testaments lediglich aus dem Griechischen erklären will. Er' will das Neue Testament sprachlich völlig, loslösen vom Hebräischen und Aramäischen, und unter Berufung , auf Philo bezweifelt er, daß die Autoren des Neuen Testaments — von vereinzelten Ausnahmen abgesehen —hebräisch konnten. Dabei läßt er völlig außer achtdaß Philo nur für alexandrinische Verhältnisse zum Beweise herangezogen werden kann, und muß selbst zugeben, daß durch den Kanal der Septuaginta Hebraismen in die Diktion des Neuen Testaments gelangt-sind, die er aber auch dann noch als Gräcismen, wenngleich als semitische Gräcismen retten will. Einer solch gekünstelten Grundlage bedarf Jacob nicht. Er geht ohne vorgefaßte Meinung an die Arbeit und stellt in sorgfältiger Untersuchung die Bedeutung des „im Namen" an jeder einzelnen Stelle fest. Auch er kommt zu dem Resultate, daß diese Wendung im Neuen Testament vielfach eine andere Bedeutung hat als im Alten Testament, und diese Feststellung und die Aufsuchung ihrer Quellen ist ein wesentlicher Bestandteil seines Buches. Jacob untersucht zunächst alle Stellen, in denen das Word DIP vorkommt und widmet ein eigenes Kapitel der Untersuchung der Stellen mit D*£2. Er legt eingehend und zwingend dax, daß daß hebräische „im Namen" niemals die Bedeutung' hat: „im Aufträge, in Stellvertretung" u. dgl., wie wir etwa heutzutage das Wort gebrauchen. Sehr wertvoll ist ganz besonders der Nachweis, daß diese Bedeutung der Redewendung,, wie sie in dem Tausbefehl und an andern Stellen des Neuen'' Testaments vorkommt, der Sprache des römischen Rechts, namentlich des Bankgeschäfts rc., entstammt. Er kommt zu dem Schluffe: „Religiöse Beziehungen, insbesondere die Taufe, werden also im Neuen Testament als juristische Verhältnisse und als ein Geschäft aufgefaßt." Dieses Ergebnis einer kritischen Untersuchung ist von großer Wichtigkeit, weil noch immer vielfach von christlicher Seite dem Judentum entgegen-' gehalten wird, daß es das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, durch juristische oder im Geschäftsleben gebräuchliche Redewendungen charakterisiere, während das Neue Testament eine' Verinnerlichung dieses Verhältnisses darstelle. Der Nachweis Jacobs bestätigt im Gegensatz hierzu lediglich, was eine nüchterne Erwägung als selbstverständlich ansehen mußte, daß' der Mensch sich zur Darstellung der Beziehungen zu Gott der. Bilder und Redewendungen aus dem täglichen Leben bedient und bedienen muß. Das gilt für das Christentum ganz ebenso wie für das Judentum. Jacobs Nachweis ist aber um deswillen so wertvoll, weil ihm jede apologetische Tendenz völlig fern liegt. Auf die Einzelheiten der Arbeit näher einzugehen, verbietet sich hier von selbst. Nur weniges sei noch hervorgehoben. Jacob weist nach, daß an vielen Stellen die Uebersetzung „der Name Gottes" nicht korrekt ist, sondern lauten müßte „der Name? Gott" (vergl. das französische le nom de . . .,1a ville de Paris rc.). Dieser Nachweis führt dann im Zusammenhang mit einer Reihe anderer Momente zu dem feststehenden Ergebnis, daß der „Name" in der Bibel Niemals eine selbstständige reale Bedeutung hat. Wenn im Neuen Testament' und ebenso im späteren Judentum dem Namen, ganz besonders dem Gottesnämen, eine solche Bedeutung-zugeschrieben wird, so ist das auf Einflüsse zurückzuführen, die von außerjüdischen Vorstellungen herrühren. Der Untersuchung dieser, Einflüsse widmet Jacob ein eingehendes Kapitel. Man - wird ihm unbedenklich beistimmendaß der Namenzauber zum Teil auf ägyptische Einflüsse zurückzuführen sein mag; dagegen scheint die Ablehnung , heidnisch ^semitischer, vor allemalso assyrisch-babylonischer Einflüsse nicht berechtigt; denn die knappe Behandlung gerade dieser Frage bei Jacob reicht nicht aus, um den von ihm gewollten Nachweis zu erbringen. Im einzelnen würden naturgemäß gegen manche seiner Erklärungen und Ausstellungen Einwendungen zu erheben sein. Von einzelnen Jrrtümern abgesehen, unter denen mir die verfehlte -Auffassung der Mischnah Synhedr. 7 b am bedauerlichsten erscheint, möchte ich namentlich gegen zwei Stellen in dem Buche Einspruch erheben. Unrichtig ist es, Palästina als vornehmlich, in der Einflußsphäre gerade des ägyptischen Hellenismus gelegen zu bezeichnen (S. 105). Alexandria war die Metropole der hellenistischen Welt, deren Einwirkungen in dieser ganzen Welt zu verspüren waren; aber es ist erstaunlich, daß der Einfluß Alexandrias, wie ein Blick auf die Traditionsliteratur lehrt, ein verhältnismäßig so geringer gewesen ist. Das hellenistische Judentum Aegyptens hat eine völlig andere Entwicklung genommen als das urwüchsige Judentum Judäas. Und auch abgesehen vonden spezifisch jüdischen Verhältnissen, ist es unrichtig, Palästina eine Kulturprovinz des Ptolemäerreichs zu nennen. Politisch machten sich ägyptische Einflüsse geltend, kulturell war der Einfluß der phönizischen und cöteshrischen hellenistischen Großstädte maßgebend. Der zweite, wesentlichste Punkt ist Jacobs auch sonst geäußerte Negierung der Entwicklung auf religiösem Gebiete (S. 43). Vollauf berechtigt ist seine Zurückweisung von Giesebrechts sophistischer Darlegung, wenn das Neue Testament eine höhere Auffassung zeigt als das Alte Testamentso sei dies für die Christen erfreulich; zeigt es keine höhere Auffassung, so beweise das nur, daß die reinere Auffassung des Christentums eben noch nicht in alle Winkel eingedrungen ist. Gegen diese apologetische Spiegelfechterei, die selbst aus dem Mangel höherer Anschauung eine olche höhere Anschauung für das Christentum folgert, wendet Jacob sich mit vollem Recht. Aber die Entwicklung ür das Alte Testament, und für das Judentum ausschließen zu wollen, ist eine bedauerliche Lieblingsidee Jacobs/' Gewiß ist das'Judentum ein Bruch, eine radikale Absage an seine Umgebung und an seine Vergangenheit. (Das letztere will Jacob zur Not noch zugestehen.) Und in der Tat zeigim uns die biblischen Bücher diese Absage oft in der schärfsten Form, am deutlichsten in den prophetischen Schriften. Aber das Wesen der religiösen Wahrheit besteht nichi darin, daß sie Eigentum einiger auserwählter Geister, sondern Gemeingut des ganzen Volkes ist. Und gerade die biblischen Bücher, die am schärfsten den Bruch mit den Anschauungen der Umgebung und der eigenen Vergangenheit hervortreten lassen, die prophetischen Reden, lassen auch am! klarsten die allmähliche Entwicklung der im Volke vorhandenen religiösen Anschauungen zu höherer Klarheit und Reinheit erkennen. ' Doch ist hier nicht der Ort, in eine eingehende Erörterung des Begriffs der Entwicklung auf religiösem Gebiete einzutreten. Das außerordentlich, lesenswerte Buch, das eine Fülle vortrefflicher Bemerkungen enthält, sei nochmals allseitiger Beachtung wärmstens empfohlen. Den Abschluß der eigentlichen Abhandlung, der noch ein Exkurs über die Abschaffung des Wortes Idvd folgt, bilden die Worte: Das Judentum ist Bruch, radikaler Bruch mit dein Urirrtum alles Heidentums, das Geschöpf zu verwechseln mit dem. Schöpfer. Das Christentum-ist Kompromiß. Aber im letzten Grunde beruht dies .-auf Unterschieden der/Völkerseelen. Das Christentum: ist mehr als ein' exegetisches Mißverständnis des Alten Testäments, die Exegese hat nicht das letzte Wort."