Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · p. Seite 90

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 90 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228645--61504-3275328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Eine Prüfungskommission; wurde ernannt und Max sandte zum Entsetzen der Zeloten in diese den gefeierten Johann Reuchlin, den größten Philologen seiner Zeit, der zuerst dem Studium der hebräischen Sprache durch sein berühmtes hebräisches Wörterbuch Bahn brach. Reuchlin wurde vor 450'Jahren, am 22. Februar 1455, zu Pforzheim geboren, ward 1481 Lehrer der Jurisprudenz und der schönen Wissenschaften zu Tübingen, bereiste mehrmals Italien, lebte dann am. Hofe des Kurfürsten Philipp von der Pfalz. Er war elf 'Jahre lang Vorsitzender des schwäbischen Bundesgerichtes, bis er 1520 Professor an der Universität zu Ingolstadt wurde, woselbst er am 30. Juni 1522 starb. Reuchlin trat in der Kommission, die zur Prüfung des Talmuds eingesetzt wurde, entschieden und mit dem ganzen Rüstzeug seiner stützenden Gelehrsamkeit für den Talmud ein, er zeigte, daß von alledem, was Pfefferkorn daraus denunzierte, nichts in demselben stehe, daß dieser in denselben hineingelesen, was er herauslesen wollte, ja, daß ihm auch die primitivsten Kenntnisse fehlten, um den Talmud verstehen zu können, und daß er sein angebliches Wissen aus zweiter und ebenso unreiner Hand von dem Priester Victor v. Karben, einen: verjagten früheren Rabbi, bezogen habe. Pfefferkorn, dieser mittelalterliche Muster- Antisemit, verdächtigte in seinem berüchtigten /Handspiegel" Reuchlin als „Judenknecht" und „von den Juden bestochen"; dieser aber hielt ihm seinen „Augenspiegel" vor, nagelte ihn däüüt als Betrüger an den Schandpfahl und veröffentlichte — die erste Schrift zugunsten einer Judenemanzipation — die ganze Streitfrage auch in deutscher Sprache. Daraus weht der Odem, einer neuen Zeit. Reuchlins Ansehen wuchs unendlich; die Gebildeten in allen deutschen Gauen traten auf seine Seite;' Pirkheimer schreibt seine „Apologia Reuchlini“, Ulrich von Hutten „Reuchlins Triumph", und als er vor das Ketzergericht in Mainz geladen wurde, befahl der Medicäer, der am päpstlichen Stuhle saß, den Prozeß niederzuschlagen und Leo X. legte seine Hand schützend auf ihn. Was Wunder, daß auch Leo X. in späteren Pamphleten als Jude auftaucht, oder doch von den Juden erkauft, deren Geld erbrauchte, um ferne Prunkbäuten auszuführen. - . Aber Leo X. war kein Jude; er'war der Sohn des größten Medicäers und an der Tafelrunde seines Vaters, Lorenzos des Prächtigen, hatte er längst Reuchlin kennen und schätzen gelernt und war durch seinen Leibarzt, den gelehrten spanischen Rabbi Samuel Sarfati, mit der jüdischen Literatur wohlbekannt. Aber auch der jüdische Leibarzt kann — nebenbei bemerkt — Papst Leo X. nicht an die Schuldtafel gekreidet werden, denn mit sehr wenigen Ausnahmen hatten beinahe alle Päpste Jahrhundert hinein jüdische Leibärzte. Die Namen derselben finden sich in dem Register des Vatikans, welches dem Werke des Mandosio und später des Märini „Degli archiatri pontifici“ zugrunde liegt — darunter auch die judenfeindlichsten, ja, und. das ist der Humor der Sache, auch solche, welche den jüdischen Aerzten die .Ausübung ihrer Kunst bei Christen mit schweren Strafen bedrohte. Auch Pius IX. langjähriger Leibarzt Mauricio Jaqueto de Tasso war ein Jude, und zwar ein mährischer, der recte Moriz Jacob Taussig hieß und durch den Donchrediger Veith dem Papst empfohlen war. Max aber wandte sich an seinen, erleuchteten Berater, den Bischof von Trittheim, mit der Frage, die Friedrich den Großen schon um Jahrhunderte antizipiert: „Da das Christentum nur einen kleinen Teil der Erde begreift, sollte nicht jeder, der einen Gott glaubt, ohne weiteres in seiner Religion selig werden?" In seinen Schriften findet sie sich unter den „Fragen" genau verzeichnet. Eine Antwort hatte aber schon vorher Reuchlin, der edle deutsche Mann, in sei n en Schriften gegeben. Obwohl Kaiser und Papst ihn schließlich im Stiche ließen, setzte der „Phönix Germaniens" mutig und unentwegt seine Verteidigung des jüdischen Schrifttums fort. Sein Streit mit den Dominikanern wegen des Talmuds war der Anfang einer durchgreifenden Umwälzung im geistigen Leben Deutschlands. Und darum wird sein Andenken in hohen Ehren fortleben in der Kulturgeschichte der Menschheit. Im Mamm Gottes." Von Dr. Hermann Vogelstein-Königsberg. s gibt Phrasen und Wendungen, die uns so selbstverständlich erscheinen, daß wir fast erstaunt sind, wenn jemand die Frage aufwirft: Was bedeutet diese Redewendung? Zu diesen Redewendungen gehört auch die Phrase: „im Namen Gottes". Was ist nicht alles „im Namen Gottes" ausgesprochen worden! Man segnet und man flucht im Namen Gottes; zu Gebet, zu heiliger, bedeutsamer Handlung schickt man sich an im Namen Gottes; bei den Juden, und noch weit mehr bei' Christen und Muselmanen ist die Redewendung gang und gäbe. Freilich verdeckt der Gebrauch dieser Phrase oft nur einen argen Mißbrauch des Gottesnamens. Aber was die Phrase selbst bedeutet, scheint so überaus klar, daß es gar' keiner Erklärung bedarf. In neuester Zeit haben mehrere christliche Gelehrte Untersuchungen über die Bedeutung des „im Namen" angestellt. Von jüdischer Seite ist Jacob der erste, der diese Materie behandelt. Die Schrift verdient aus mehreren Gründen ernste Beachtung. Die wissenschaftliche Bibelforschung und die religionsgeschichtliche Untersuchung, die von Rechts wegen unsere Domäne sein müßte, haben wir Juden leider fast ausschließlich den evangelischen Theologen überlassen. Nur sehr spärlich ist die Zahl bibel- oder religionswissenschaftlicher Schriften von jüdischen Autoren. Liegt aber einmal ein solches'Buch eines ernst zu nehmenden jüdischen Gelehrten vor, so hat es schon aus diesem Grunde Anspruch auf Beachtung. Und Jacob ist auf alle Fälle, wie immer man sich zu den Ergebnissen stellen mag, ein sehr ernst zu nehmender Autor, der, was bei uns leider auch vielfach vermißt wird, mit gründlicher philologischer Schulung an den Stoff herantritt. Es ist ein. eigenartiges. Zusammentreffen, daß. fast gleichzeitig ein Göttinger Privatdozent der evangelischen Theologie ein Buch „Im Namen Jesu" und der Göttinger Rabbiner ein Buch „Im Namen Gottes" veröffentlicht hat: Eine eingehende Besprechung und Nebeneinanderstellung der beiden Arbeiten kann an dieser Stelle nicht gegeben werden. Nur ganz kurz sei bemerkt, daß die. beiden Bücher ihrer ganzen Anlage nach grundverschieden sind. Heitmüller trennt die religionsgeschichtliche von der sprachgeschichtlichen Untersuchung, Jacob verbindet beide eng miteinander. Heitmüller zieht zwar zur Untersuchung auch das Alte Testament in der hebräischen Ursprache heran; aber die Ausgabe, die er sich gestellt hat, ist wesentlich die Feststellung der Bedeutung im Christentum. Jacob hat hingegen die jüdische und die christliche Bibel gleichermaßen im Auge. Für ihn kommt das spätere Christentum nicht mehr ln Betracht, seine Absicht ist die Feststellung der Übereinstimmung, wie der Verschieden-, heit der Bedeutung im Alten und im Neuen Testament und die Darstellung und Erklärung des - Bedeutungswandels. Dr. B. Jacob, Im Namen Gottes. Eine sprachliche und religionsgeschichtliche Untersuchung zum Alten und Neuen Testament. Berlin (S. Calvary & '@o.) 1903.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.