Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
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89 —— erfahrenen Berufspädagogen gelegt würde. Man wähle einen Gymnasialprofessor oder älteren Oberlehrer, der ein begeisterter Jude und in den Religionswissenschaften bewandert ist. Das Provinzialschulkollegiunr würde einen ihnr durch seine Lehrtätigkeit bekannten Herrn gern bestätigen, und ihm vielleicht — unter Vorschlag zur Verleihung des Titels „Schulrat" — das Dezernat über den gesamten jüdischen Religionsunterricht feines Verwaltungsbereichs übertragen. Die Direktoren und jüdischen Religionslehrer der höheren Lehranstalten würden einem früheren Kollegen, der den jüdischen Unterricht inspiziert, seine Aufgabe in jeder Weise erleichtern. Ein altbewährter Pädagoge kann schließlich dem Religionslehrer weit wertvollere Winke erteilen als ein Theologe, der bei der Besprechung einer gehörten Lektion naturgemäß hauptsächlich auf den Stoff eingehen würde. Die Befürchtung, daß die Rabbiner die Inspektion ihres Unterrichts durch einen Nichttheologen nicht gern sehen würden, ist der Grund gewesen, weshalb die Gemeindebehörden in dieser so wichtigen Angelegenheit bisher noch kein entscheidendes Wort gesprochen haben. Indessen diese Befürchtung darf als grundlos angesehen werden. Die jüdischen Geistlichen, selbst die gefeiertsten Kanzelredner, sind einsichtsvoll genug, um in dem mit der Inspektion der Neligionsschule betrauten Gemeindebeamten nicht einen Beurteiler ihrer theologischen Gelehrsamkeit, sondern lediglich ihrer Unterrichtsmethoden und -Erfolge zu sehen. In der Schule ist der Rabbiner nur der Lehrer; er wird es sich daher gefallen lassen, mit demselben Maße gemessen zu werden, wie alle anderen Lehrer. Wir Israeliten stehen nicht auf dem hierarchischen Standpunkte der Katholiken, wonach die Kirche und ihre Organe, also die Geistlichen, die geborenen Lehrer und Erzieher sind: wir halten es vielmehr für nicht unmöglich, daß ein gelehrter Theologe, ein redegewaltiger Prediger als Lehrer vielleicht nur Mittelmäßiges leisten kann. Wohl dem Theologen, der auf Kanzel und Katheder gleich Hervorragendes leistet! ■ Wie es sich von selbst versteht, ist die Hauptaufgabe des jüdischen Schulinspektors, zu überwachen, daß in den ihm unterstellten Schulen eine glaubensfreudige, für das Judentum begeisterte Jugend herangebildet werde. Ob dies Ziel auf liberalemoderorthodoxem Wege erstrebt wird, bleibe ihm gleichgültig. Als Beamter der Gemeinde, welche Glieder aller religiösen Schattierungen umfaßt, stehe er über den Parteien und lasse daher die Eigenart des betreffenden Unterrichts unangetastet. Energisch aber und mit allen Mitteln schreite-er ein, wo die Grenzen der Lehrfreiheit überschritten und die Jugend nicht in jüdischem Geiste unterwiesen wird. Es ist etwas Hohes, Moral zu lehren; Moral aber sollte die Vorbedingung, nicht der Zweck des Religionsunterrichts sein. Der Unterricht soll nicht bloß ethisch, er soll vor allem jüdisch, sein: Und gerade diese Forderung behalten manche Religionslehrer nicht immer im Auge. Jede Stunde ist verloren, in der nicht wenigstens durch einen Gedanken, durch einen Hinweis Begeisterung in den so empfänglichen Herzen der Jugend geweckt wird. Es wird die nächste Aufgabe des Schulinspektors sein, von der Erteilung des jüdischen Unterrichts alle dieser hohen Aufgabe nicht gewachsenen Elemente auszuschließen. Gelehrsamkeit allein macht den Religionslehrer noch lange nicht aus. Der jüdische Unterricht ist nicht dazu da, sonst unbeschäftigte Lehrer zu versorgen und. Lehrerinnen zur Anstellung zu verhelfen. Mit dem Rechte, ungeeignete Kräfte zu entfernen, gebe uran ihm zugleich die Befugnis, neue Lehrkräfte zu präsentieren, zu überwachen und im Falle der Bewährung ihre feste Anstellung zu befürworten. Daß dem Inspizienten auch die Aufsicht über die Lehrpläne, Methoden, Lehrmittel rc. untersteht, ist selbstverständlich. Aus der Aufzählung dieser Aufgaben, die der neue Inspektor zu erledigen hat, dürfte sich ergeben haben, wie wichtig und notwendig die Anstellung eines solchen Beamten ist, die als eine der ersten Vorlagen der neugewählten Repräsentantenkammer zugehen sollte. Hoffen wir, daß ihre Wahl auf den rechten Mann falle! Reroünensis. Der rrltr Talmudoertkidigkr. Von R. Kars. ie der Menschengeift -im Erlöschen oft noch eimnal zur leuchtenden Flamme aufflackert, wie die letzten Worte großer Menschen ihr ganzes Leben noch mit einem Hauch erzählen, so rafft sich auch das erlöschende Mittelalter mit seiner von Sang und Schwank durchfluteten, von der Poesie geweihten Ritterlichkeit, seiner vollblütigen Romantik und himmelstürmenden Bravour noch einmal auf, um in Kaiser Max eine volle Blüte zu treiben. Der letzte Ritter ist die Apotheose des Mittelalters, die letzten Strahlen desselben verklären seine Gestalt in magischer Beleuchtung. An der Wegscheide der neuen Zeit stellt sich Max an die Spitze der neuen Geistesströmung in Deutschland; er schätzt und fördert Kunst und Wissenschaft, er berühmt sich, daß nach der Abstammung von Rudolf von Habsburg ihn nichts mit so großem Stolze erfülle, als daß „durch sein Beispiel dem Adel die Wissenschaft als höchste Zier gelte". Mit einer stattlichen Zahl ausgezeichneter Männer stand er in regstem Verkehr; sie gehörten zu seiner Tafelrunde, wie der gelehrte Augsburger Syndikus Peutinger, den er als Gesandten nach Rußland sandte — Max ist der erste europäische Fürst, der die seither asiatische Macht in die europäische Staatenfamilie aufnahm — der ausgezeichnete Nürnberger Ratsherr, Pirkheimer, ein Gelehrter und ein Held, der ebenso tapfer das Schwert wie die Feder führte, durch Uebertragung griechischer und römischer Klassiker die humanistischen Studien förderte, mit Rubianus und Hutten ein Hauptmitarbeiter der „Epistolae vironim odsourorum" war, in seinem Lobliede auf das Podagra die Qual, die ihm seine aus dem Feldleben aquirierte Gicht bereitet, poetisch-ironisch zu lösen suchte. Da ist vor allem der freisinnige Wormser Bischof Dalberg, der als Kanzler der Universität Heidelberg, diese zur hervorragenden Stätte der humanistischen Bildung erhob, und als Präsident an der Spitze der Zoeietas literaria Rhenana stand, einer freien Vereinigung gelehrter Männer zur Ausbreitung des Humanismus, welche in ganz Deutschland Sektionen errichtete und Wanderversammlungen hielt, und von Konrad Celtes gegründet wurde, der nach dem Muster derselben zuerst in Ofen, dann in Wien die „Literarische Donaugesellschaft" errichtete. Einen leuchtenden Beweis seines freien Geistes, der so ganz von der Idee des Humanismus erfüllt war, gab Max in der Streitsache des Johann Pfefferkorn, welche damals ganz Deutschland aufwühlte. Pfefferkorn, ein verbrecherischer Wicht, hatte sich taufen lassen und trat nun, von seinen Glaubensgenossen verfolgt und ausgestoßen, als Antisemit aus. Er schrieb eine Anzahl Schmäh- und Sturmschriften „über und wider die dräulichen Juden", und trat endlich, gestützt von den Dominikanern in Köln, an den Kaiser heran, er möge eine Untersuchung gegen die Juden veranlassen und alle hebräischen Bücher, auch die medizinischen, vor allem aber den Talmud verbrennen lassen.