Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · p. Seite 87

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228645--61501-3275325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

so darf man deshalb die Hoffnung nicht aufgeben, auf der erlangten Basis weiter zu arbeiten, wozu der eine der Herren Negierungsvertreter ausdrücklich die Beteiligten ermutigte. Die Meinung, daß Rußland sich jeder ausländischen Einwirkung in dieser Richtung entziehe, dürste dann gar bald eine erfreuliche Korrektur erfahren. '' . * , ' Es ist in den letzten Sitzungen der französischen Kammer bekannt geworden,. daß der von dem Unterrichtsminister ausgearbeitete Entwurf über die Trennung von Kirche und Staat sich von dem Entwurf des. früheren Ministerpräsidenten Combes insbesondere dadurch unterscheidet, daß die Kultusvereinigungen Verbände bilden und sich auch, über andere Departements erstrecken und anderen Beistand leisten dürfen. Diese Bestimmung wird, wie man glaubt,, zweifellos nicht nur von den-Katholiken, sondern auch von Protestanten und von den Juden mit großer Befriedigung ausgenommen werden. Es steht also nichts im Wege, daß die Konfistorialverfassung fortbestehen bleibt, da, wie es scheint, die französischen Juden keine Neigung haben, diese abzuschaffen. Die Pensionsverhältnisse der Rabbiner werden allerdings, soweit sie der Staat regelt, recht dürftig sein und einer Aufbesserung durch die Gemeinden oder einer besondern Pensionskasse bedürfen. Im übrigen ist es jetzt wohl sicher, daß^ der Gesetzentwurf über die Trennung der Kirche vom Staat angenommen werden wird. * Nach der englischen Thronrede steht es,nunmehr fest, daß die Fremdenbill im Parlament wieder eingebracht werden wird. Und nach dem letzten .Siege der Regierung steht es ebenso fest, daß sie dabei auf die konservative Mehrheit zählen darf. So erscheint denn ein die Einwanderung erschwerendes oder gar unmöglich machendes Gesetz leider unvermeidlich. Selbst viele Liberale werden nicht den Mut haben, dagegen zu stimmen. In dieser Beziehung sind die meisten Engländer derselben Meinung. Englands Produktion ist, wenigstens in gewissen Zweigen, in den letzten Jahren zurückgegangen. Es hat einen schweren, wirtschaftlichen Kampf mit Deutschland und Amerika zu bestehen.' In London grassiert das Elend, tausende von Unbeschäftigten lungern in den Straßen herum — und da kommen immer neue Ströme von Wanderern aus dem Osten. Es ist ja auch dem verbissensten Fremdenfeinde klar, daß sie Fähigkeiten, Kräfte, Talente besitzen. Aber bevor diese zur Entfaltung gelangen werden, müssen einige Jahre vergehen. Und während dieser Jahre müssen die Fremden in den schmutzigsten Löchern, in den „Schwitzhöllen" zu Hungerlöhnen arbeiten. Und dadurch könnten sie die Einheimischen schädigen, die Preise unterbieten. Das ist die sehr begreifliche Logik der Antinlieniften, die absolut nichts mit Antisemitismus zu tun hat. Der Effekt ist freilich derselbe. In Rußland herrscht wieder einmal der „rote Schrecken." Die Ermordung des Großfürsten Sergei am 17. d. M. in Moskau hat von neuem den handgreiflichen Beweis dafür erbracht, daß der Druck Gegendruck erzeugt, , daß der Triumph der selbstherrlichen Regierung nur das Vorspiel .zu schauerlichen und nihilistischen Mordtaten ist, daß durch die Verweigerung konstitutioneller Forderungen die revolutionäre Bewegung Nahrung erhält, die.brutale Gewalt kühner Verschwörer jedenpolizeilichen Schutzzum Spott zu machen weiß. Es ist eine grausige Tat, und es ist tief beklagenswert, daß die Ratgeber des Zaren ihr nicht durch Erwirkung kluger, und hochherziger Entschließungen zuvorzukommen: verstanden. Es ist dies um so beklagenswerter, als ja der Terrorismus fast immer nur die Männer trifft, gegen, die sich der allgemeine Volkshaß gewendet. Zu diesem gehörte der Großfürst in erster Reihe. Als Gouverneur von Moskau hat er Jahre hindurch ein rücksichtsloses, oft gewalttätiges Regiment geführt. Mit außerordentlichen Vollmachten ausgerüstet und jeder Kontrolle enthoben konnte er ungestört das Ziel verfolgen, das-er sich gesteckt hatte: die zweite russische Residenzstadt zu einer Hochburg der Reaktion zu machen. Besonders auch bemühte er sich, von der „weißsteinernen" Hauptstadt alle Juden sernzuhalten. Dort wurden in bezug auf das Wohnsitzrecht der Juden nicht einmal diejenigen seltenen Ausnahmen gemacht, die selbst in Petersburg zugelassen waren. Aus die in Moskau ergriffenen Inden wurden sogar Prämien ausgesetzt, wie auf wilde Tiere! Großfürst Sergius hat die einst blühende Gemeinde dezimiert und tausende von Existenzen buchstäblich zugrunde gerichtet. Wer die Geschichte dieser Gemeinde während der letzten zwanzig Jahre schreiben wird, der wird eine Tragödie voll Blut und Thränen darzustellen haben . .... Und nicht nur gegen die Juden, sondern gegen jede Regung freien Geistes in der Bürgerschaft, wie bei Studenten und Arbeitern hat er und sein Gehilfe Trepow jederzeit die schärfsten Maßnahmen getroffen. Unter solchen Anständen müssen die Verhältnisse des Zarenreichs angesichts der Fortdauer eines erfolglosen Riesenkmnpfes nach außen und einer zu so entsetzlichen Ausbrüchen führenden Gärung inr Innern trüber und unheimlicher erscheinen als je. Und es erscheint uns auch unwahrscheinlicher als je, daß das furchtbare Attentat in Moskau im Verein mit den eben erst überstandenen und noch nachzuckenden Bewegungen in der Arbeiterschaft die leitenden Kreise zu entschiedenerem Vorgehen auf dem Pfade der von so weiten Kreisen in Rußland ersehnten durchgreifenden Reformen treiben wird. & Die bei solchen Zuständen nur zu begreifliche Befürchtung, die gegenwärtige Bewegung in Rußland könnte sich in eine Reihe schwerer Judenkrawalle auflösen, wird von eingeweihten Kennern der Verhältnisse nicht geteilt. So lieb es manchem kleinen russischen Despötchen auch wäre, wenn die in seinem Verwaltungsbezirk herrschende ihm sehr unbequeme Gärung ihren Schluß in einer Judenschlägerei finden würde, so denken die wirklich ausschlaggebenden Faktoren doch keineswegs daran, zu einem solchen Auskunstsmittel zu greifen, das in Wirklichkeit keins ist. Die Judenkrawalle sind niemals von den Großen des Reiches, den wirklichen Herren der Situation, sondern von Emporkömmlingen wie Plehwe oder von kleinen Agenten ausgegangen, welche die Regierung leicht von ihren Rockschößen abschütteln konnte. Es ist daher kaum anzunehmen, daß von dieser Seite Judenkrawalle im großen Stile geplant werden, da solche geeignet wären, Rußland noch mehr vor Europa zu blamieren und seine Machtstellung als Kulturstaat noch weiter zu erschüttern. Aber selbst wenn die großen Herrn entschlossen sein sollten, zu Judenkrawallen als ultima ratio zu greifen, würde es ihnen bald an den nötigen' Werkzeugen, um ihren Plan in Szene zu setzen, fehlen. Da die Juden: meist in den Städten wohnen, so läßtsich ein Krawall nicht durch Bauern inszenieren. Dazu gehört eine regierungsfreundliche und jndenfeindliche Stadtbevölkerung,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.