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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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Erwiderungen von jüdischer Seite erfolgt, aber sie beschränkten i sich aus einzelne Bemerkungen und Widerlegungen. Der ganze Komplex^ der Fragen,. die Harnack behandelt, erheischte eine besondere Besprechung. . Die Frage des Verhältnisses vom Christentum zum Judentum,- ihres geschichtlichen Zusammenhangs wie'ihrer dogmatischen und weiteren Verschiedenheiten,, erforderte eine neue Behandlung von jüdischer Seite. Mutig und entschieden geht Cschelbacher diesen Fragen zu Leibe. Welcher Anteil kommt den Juden an den Ideen zu, die das Christentum verkündigt und in weite Kreise getragen hat? In welcher Gestalt hat dieses sie ausgenommen und wie hat es sie weiter verarbeitet? Waren sie bis zur. Entstehung des Christentums auf den engen Kreis des Judentums beschränkt geblieben oder hat dieses selbst sie schon früher in weiteren Kreisen zu verbreiten, gesucht? Wetzhalb Haben die Juden Jesus nicht, als Messias anerkannt und weshalb wurde er gekreuzigt? Welchen Gang nahm die eigene messianische Erhaltung des Judentums? Alle diese Fragen -finden in eingehender Betrachtung und fortwährender Vergleichung mit den Darlegungen Harnacks in diesem Buche eine ebenso entschiedene wie sachgemäße Antwort. Schon das erste Kapitel, welches das Verhältnis vom Judentum zum Christentum im allgemeinen behandelt, redet eine sehr deutliche Sprache. Mit voller Befriedigung wird auf Grund eingehender Untersuchungen konstatiert, daß von einem geistvollen und die Gründe des Christentums begeistert verkündenden Theologen infolge einer umfassenden und tief eindringenden wissenschaftlichen Kritik gerade dasjenige verworfen wird, was unsere Väter seit jeher verworfen haben; und daß derselbe andererseits als das wahre Evangelium, als. das Wesen der Religion, .das Unzerstörbare in den wildesten Zeiten, in.den rohesten Formen und 'den abergläubischsten. Gebilden, diejenigen Lehren bezeichnet, welche . der Mensch Jesus in Judäa dem um ihn sich sammelnden Volke gepredigt hat. Es folgt nun eine sehr, seine Untersuchung über den. geschichtlichen Zusammenhang des Christentums mit dem Judentum. Sodann aber geht Cschelbacher dazu über, die drei Hauptgedanken Jesu auf ihren jüdischen Ursprung .zurückzuführen. Diese drei Hauptgedanken sind die Lehre vom Reich Gottes, die Lehre von Gott dem Vater und den unendlichen Wert der Menschenseele, die bessere Gerechtigkeit und das Gebot der Liebe. Aber diese drei Hauptgedanken stammen aus dem Judentum. Dies wird unwiderleglich aus Bibel und Talmud nachgewiesen. Wie sie sich jedoch in der christlichen Religion entwickelt haben, weist Cschelbacher mit genauer Sachkenntnis nach. Es schließt sich hieran eine Betrachtung über den Gang der christlichen Religion durch die Geschichte und über die jüdische Propaganda, welche dem Erfolg des Christentums wesentlich vorgearbeitet hat. Das letzte Kapitel behandelt. das Christentum in seiner selbständigen Entwicklung. Wir wünschten, daß auch nur ein einziges Mal ein angesehener protestantischer Theologe mit der gleichen Milde und Vorurteilslosigkeit über das Judentum spräche, wie dieser strenggläubige jüdische Theologe über das Christentum! Hier finden wir nichts von der scheuen Zurückhaltung, die nur zu oft das offene Wort eines Juden über christliche Lehren und Gebräuche mied,: Mit voller Offenheit hebt der Verfasser die unterscheidenden Merkmale der beiden Religionen hervor, und mit . eben solcher Entschiedenheit tritt er für das jüdische Bekenntnis ein, dem, wie er nachweist,, ein großer Teil an den religiösen und geistigen Gütern der Menschheit zukommt. „Der von ihm erkannten Ueberzeugung folgend, ist es unbeirrt durch alle Erfolge und ungebrochen durch Verfolgungen, Schmähungen und Verleumdungen -seinen-Weg durch die verschiedensten Wandlungen der Geschichte gegangen. Es wird auch ferner auf ihm weiter schreiten, Gott getreu, 'im Dienste alles Guten und im Glauben an eine lichte:Zukunft, des ganzen Menschengeschlechts." ' Gar oft ist in den letztest Jahren, namentlich von' seiten der Jugend, der Ruf erhobene worden: gebt uns Schriften, aus denen wir lernen, was das Wesen des Judentums eigentlich ausmacht, und mit denen wir die Einwürfe gegen das Judentum von gegnerischer Seite beantworten können. Nun denn. Hier habt'ihr zwei solcher'Werke, aus denen ihr das Positive wie das Negative nach jeder Richtung, hin erfahren könnt! Die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" wird mit diesen beiden Schriften hoffentlich einen großen Erfolg erringen. Es ist aber dringend zu wünschen, daß dieser geistige Erfolg sichnun auch - in Täten umsetze, und daß'in den weitesten Kreisen der.Gesellschaft das Interesse und die Teilnahme entgegengebracht werden, deren diese bedarf, um ihre großen Ziele weiter zu verfolgen. Die Woche. Berlin, 21. Februar, uch in der abgelaufenen Woche wurde die Debatte über die Handelsverträge noch fortgesetzt. In der betreffenden Reichstagskommission besprach, der Abgeordnete Singer die Behandlung der jüdischen Kausleute in Rußland ausführlich. Er meinte, daß die deutschen Unterhändler betreffs der Gleichstellung der Juden mehr, hätten erreichen können, erkannte aber an, daß für die jüdischen Handelsreisenden eine Verbesserung erreicht ist. Ferner frug er, ob man sich bemüht habe, allgemeine Zugeständnisse zu ’ verlangen und ob etwa, auf dem Wege der lokalen Zuschläge wieder eine Differenzierung der christlichen und jüdischen Reifenden eintreten werde. Geh. Legationsrat v. Göbel erwiderte, daß.man sich die größte Mühe gegeben habe, eine völlig e Gleichstellung für die nach Rußland gehenden jüdischen Gewerbetreibenden zu erzielen. Unter großen Schwierigkeiten und mit besonderen Anstrengungen habe man Zugeständnisse für die jüdischen Handlungsreisenden erlangt. Uebrigens haben sich alle Beschwerden, die an die verbündeten Regierungen gelangt sind, in erster Linie, auf die Handlungsreifenden bezogen, Weitere Konzessionen zu erreichen, sei mit Rücksicht auf die russische Rechtsauffassung über die Stellung der Juden nicht möglich gewesen. Eine Differenzierung der christlichen und jüdischen Handlungsreisenden durch Ortszuschläge' sei nich t zu befürchten. Abgeordneter Kämpf hob hervor, daß auch andere Berussftände sich durch die Behandlung in Rußland beschwert fühlen, und daß nach wie vor den jüdischen Reisenden ganze Gouvernements verschlossen feien. Unterstaatssekretär Wermuth betonte, daß für den Handelsstand das Wichtigste erreicht sei. Auf der erlangten Basis werde man Weiterarbeiten können und versuchen, die noch weiter bestehenden Schwierigkeiten zu beseitigen. . Gegenüber ferneren Ausstellungen des Abgeordneten' Singer bemerkte Staatssekretär Graf v. Posadowsky: Man habe gewiß noch manche weitere Wünsche, zum Beispiel hinsichtlich der freien. Niederlassung, aber die russischen Unterhändler hätten sich völlig außerstande erklärt, weitere Kon- -zessionen:zu machen., Das hänge mit der ganzen russischen Staatsverfassung zusarnmen, die sich natürlich jeder ausländischen Einwirkung entziehe.',. - Die- Erklärungen der Regierungsvertreter sind zweifellos von großem Interesse. Sind sie mich nicht besonders ermutigend.

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