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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-17 · Heft 7 (17.2.1905) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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sich ein jeder auf - seinen Platz. Der Kamonenser aber eilte zu Josef hin, faßte ihn bei der Hand, zog ihn nach sich und stellte ihn Reb Chajim vor. „Hier ist er, mein Landsmann, mein Verwandter, Gemara hat er gelernt . ."• - Josef stand verwirrt und zitternd da, wie ein Angeklagter. „Woher bist Du, mein Junge?" frug ihn Chajim. „Aus dem Dorfe Ljednicyny." „Aus einem Dorfe?" „Jawohl." „Aus welcher Gegend?" * „Unweit von der Stadt S." „Wie nennt sich die Stadt?" Josef wiederholte den Namen. „Ich habe nie diese Stadt nennen hören." „Der dortige Rabbiner war früher Schuloberhaupt in N." „Und was führt Dich hierher?" „Lernen, möchte ich hier. Oh, ich möchte gar sehr . . ." „Gibt es denn in Deiner Gegend keine Städte, daß Du hierher kommen mußtest?" „Wandere weithin, um nur zur Quelle der Thora zu gelangen, lehrten unsere Weisen." „Was hast Du bis bisher gelernt?" „Gemara, mit Thosaphoth und Maharscha." „Ja, ja," bestätigte der Kamonenser die Worte des Knaben, „alles das hat er gelernt." „Ich möchte mich gern einer Prüfung unterziehen, Reb Chajim," wagte Josef zu flüstern. Chajims Züge umwölkten sich auf einmal, er blickte auf den Knaben mit trüben Augen. Traurige Erinnerungen stiegen in ihm auf und es durchrieselte heiß sein Herz. „Es tut mir leid," sprach er mit weicher Stimme, aber ich kann und ich darf nichts zu Deinen Gunsten unternehmen. Für so junge Knaben wie Du ist hier nicht der Platz. „Kommt es denn auf die Zahl der Jahre an?" „Siehst Du, mein Kind, das hat seinen guten Grund- Für einen jungen Knaben, der was lernen will, ist es am besten, in einer kleinen Stadt zu sitzen, wo für seine leiblichen Bedürfnisse gesorgt wird und das Beth Hamidrasch nicht so voll gedrängt ist, wie hier. Für verheiratete oder erwachsene Jünglinge ist es besser,, sie bekommen ein trocknes Stück Brot hierher geschickt, wenn sie es nur nicht nötig haben, an einem fremden Tisch zu sitzen, was für sie eine große Demütigung bedeuten würde. Habe ich nicht recht?" „Aber ich bin ja absichtlich hierher gekommen, weil ich hoffte hier Männer zu finden, die mir alle Schwierigkeiten lösen könnten. Im übrigen kann man in einem leeren Beth Hamidrasch gar nicht fleißig lernen." „Warum?" „Die Stille schläfert den einsamen Studierenden ein." „Was soll ich machen, mein Kind, kann ich denn eigenmächtig einen alten Brauch ändern?" „Mir zu Liebe tut es, Reb Chajim, mir zu Liebe," rief der Kamonenser und war dem Weinen nahe. „Acht Jahre arbeite ich schon hier, länger noch als acht Jahre. . ." „Dir zu Liebe, Dir zu Liebe," spottete Reb Chajim. „Was geht Dich eigentlich der Junge an, er ist ja gar nicht Dein Verwandter, Du Lügenmaul!" „Gewiß, Reb Chajim!" entschuldigte sich der Kamonenser verlegen, und Schweißtropfen bedeckten sein Gesicht. „Es kann sein, daß er mein Verwandter ist, es kann leicht sein..... Sicher weiß ich es freilich nicht, aber er dauert mich. Er kommt weit her, zu Fuß hat er den ganzen Weg zurückgelegt, und Gemara hat er gelernt, mit... mit noch anderen Dingen." - „Ich will sehr fleißig sein. Tag und Nacht will ich lernen," 1 flüsterte der Knabe, „nichts wünsche ich so sehnlich, wie zu lernen. Mein Vater hat mich hierher geschickt, auch er wünschte, daß ich hier lerne." Zwei Tränen entquollen den Augen des Knaben. Chajims Finger tasteten verlegen an den vereinzelten. Haren, die an seinem Kinn wuchsen, seine Lippen bewegten sich, und er blickte eine Weile traurig den Knaben an. „Du bist ja erst seit gestern hier," sagte er schließlich mit unschwerer Stimme, „ich habe noch keine Ordnung gemacht, in den letzten Tagen sind viele Peruschim hinzugekommen und die Anzahl der Tage für alle ist noch nicht voll. Warte noch einige Tage, dann wollen wir sehen, was sich machen läßt." „Gut", rief der Kamonenser triumphierend. „Hast Tu etwas Geld bei Dir?" frug Chajim. „Nein!" beeilte sich der Kamonenser zu antworten- ,-er hat nicht einen roten Heller." „Ich habe einen ganzen Silberrubel und noch etwas Kleingeld," sagte Josef. „Davon habe ich gar nicht gewußt," entschuldigte sich der Kamonenser und wurde feuerrot. (Forts, folgt.) Dir tzrlprd-Wsge. (Rischinew.) *) Von Börries, Freiherr von Münchhausen. em der Tag die Kniee müd gemacht, Lindes Lager breitet dem die Nacht. Wer am Tag im Todeskrampf erblichen, Nacht hat ihm die Falten glatt gestrichen. Namen, die der Tag dem Leben stahl, Hesped nennt sie abends noch einmal, Das Gebet, das Jakobs Samen kennt, Weil es einmal jeden Namen nennt. Kischinew. Der Tag schrie heiser: Töte! Schamrot war das Not der Abendröte, Bis es vor Entsetzen ist erblichen. Weil so viele Nainen ausgestrichen. Kops an Kops. Im Tempel glühn die Lichter Und bescheinen blasse Angesichter, Hesped wird gesagt, und alle Toten Werden laut bei Namen aufgeboten, Alle Namen ausgelöscht am Tage Nennt noch einmal das Gebet der Klage: Nabbi Simon! Judassohn! Löb Schmeien!" Lange, lange, lange Namenreihen! „Saul Rachmowski! Samuel Abraham!" Viele Blätter von Jehudas Stamm! „Baruch Mose! Sarah und Ruth Trüber!" Geisterhaft die Namen ziehn vorüber, . Vaters-Namen, Brüder-, Schwester-Namen. Schweigend Hörens, die zur Feier kamen. Nur als alle Namen ausgesprochen, Ist ein lautes Schluchzen ausgebrochen, Als es hieß: „Und in der Mutter Schoß Ein klein Kindlein, das noch namenlos!" *) Aus dem eben erschienenen Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur für 1905. Die Red. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Baüchwitz in Berlin.

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