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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-17 · Heft 7 (17.2.1905) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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eine weite Speisekarte, es erstreckt sich vomMoloch-und: Astarte-Dienst bis. zunr^ Tieropfer und seinen symbolischen Meberbleibseln. Gegen diese Auffassungdes Gottesdienstes, als?- der - 'Sittlichkeit, mutzte < die - Religion Einspruch erheben. -Diese Taten durften nicht als die zulängliche Tat des reinen Willens in Geltung bleiben. Gegen diese ' Tat rufen die Propheten und die Apostel das Gewissen auf. - Gott sieht ins Herz. Gott erkennen, das heißt , daher Gott lieben und ihm dienen. Ein Gott der Gesinnung ist der Herr, so darf man wohl den Plural des Wortes übersetzen, welches im Singular Wissen und Einsicht bedeutet. So ist auch im Neuen Testament die Gesinnung in bedeutungsvoller Weise hervorgehoben worden. Nicht in der legalen Befolgung von Gebräuchen, denen das alte Testament und der Talmud, wenngleich in Unterscheidung von dem rein Sittlichen, dennoch aber in einem lebendigen Zusammenhang mit diesem, den Charakter und den Wert eines religiösen Gesetzes zuerteilten, liegt der.wahre Gottesdienst, die unzweideutige sittliche Tat. Das ist eine klare geschichtliche Tendenz, die von entscheidender Bedeutung 7 geworden und geblieben ist Dennoch sind auch hier die Zweideutigkeiten sogleich hervorgetreten, die bei dieser Ignorierung der Tat, bei dieser Pointiernng der Gesinnung unvermeidlich sind. . Schon die Attacke gegen das Gesetz schießt über das Ziel hinaus, insofern unter dem Gesetz nicht allein der Ritus bekämpft, sondern in der kühnen Konsequenz des Gedankens auch das sittliche Gesetz in den zehn Geboten mitgetroffen wird. Und ferner, wie könnte irgend eine -Religion auf den Gottesdienst des Gebetes und der festlichen Versammlung verzichten? Könnte es etwa, oder müßte es die reine Ethik für die Sammlung der Menschen zu sittlichen Gedanken und Gefühlen? Die einseitige Betonung der Gesinnung drängt das einseitige Element des Denkens hervor; und diese Einseitigkeit wird um so gefährlicher, wenn dieses Denken es doch nimmermehr zur Erkenntnis zu bringen vermag." „Wir stehen an diesem Punkt vor einem Schiboleth in der Religionsgeschichte. Die Gesinnung wird zum Glauben im Kampf gegen die Werke. - Freilich wenn die Werke die Opferwerke der Kirche sind, und wenn diese das unfehlbare und zulängliche Zeugnis der .Gesinnung sein sollen. s0 mutz der . Glaube . dagegen ausgerufen werden. Aber die Zweideutigkeit beginnt, wenn die Tat. als die Frucht des Glaubens dennoch bezeichnet wird. Wenn sie die. Frucht ist, so muß die Blüte bis in die Reifung der Knospe nachwirken. Sie darf nicht zum'Abfall der Gesinnung werden. Bis in die äußersten Ausläufer der Tat muß die Gesinnung Mitwirken." „So weist alles darauf hin, daß die Gesinnung und das Denken noch eines anderen psychischen Faktors bedürfen, der sie zur Erzeugung der Tat befähigt. Und dieser Faktor ist und bleibt der Affekt. Der' Affekt soll es verhüten, daß man die Vorstellung und das Denken -überschätzt und überbürdet, zugleich aber auch, daß man die Tat zu einem bloßen Effekt inacht." Wenn aber der Affekt nicht ausgeschaltet, werden darf und . auch der Zusammenhang mit der Vorstellung und dem Denken erhalten bleiben soll, so gibt es keine andere Möglichkeit der Vereinigung, als die Uebertragung der Reinheitsmethode auf den Affekt. Der Gedanke einer falschen Analogie soll uns nicht schrecken. Das Wesen des Affekts ist der Vor-. satz, der eine der wichtigsten Stationen bildet auf dem Wege zwischen der Gesinnung und der Tat. Er entspricht am besten dem Begriff der propensione, in welchem Galilei seinen neuen Begriff der Bewegung zum Ausdruck bringt. Erst durch diesen Begriff wird das Denken die Gesinnung zur Aktivität der Handlung weitergeführt. Indessen erhebt sich hier eine neue Schwierigkeit. Kann der.Affekt in derBewegung, in dem Vorsatz als Material in Betracht kommen, an dem die Gesetze der Reinheit sich vollziehen? Wurde nicht zu allen Zeiten die Bewegung als ein Attribut der Materie, als etwas Gegebenes betrachtet? Wird dann aber nicht gerade durch die Bewegung, durch die Materie der Wille seines Reinheitscharakters,, seiner Einheit entkleidet, wenn das Denken der Erkenntnis, die Tat aber der Materie zugewiesen wird. Die ganze Schwierigkeit wird jedoch dadurch überwunden, daß Cohen mit'Berücksichtigung aller Datender neueren Psychologie die Bewegung als eine Denkkategörie enthüllt, - die bereits als Antizipation, dem Zeitbegriff zugrunde liegt. Denn die Antizipation, wie sie besonders in dem Additionstheorem zum Ausdruck kommt, ist ja nichts anderes als. Bewegung. -Das Pluszeichen gilt als untrügliches Symbol. Wenn' aber die Bewegung im Denken selbst gegründet ist. also selbst eine Kategorie bildet, so ist auch für die Anwendung der Reinheitsgesetze die Bahn "frei, der Begründung ‘ des reinen Willens steht nichts mehr im Wege. Die Bewegung kommt nicht von außen, in -der.. Seele entsteht sie. Sie ist Selbstbewegung, weil sie wie das reine Denken, in. sich selbst ihren Ursprung hat, weil sie wie das Denken nicht aus dem Etwasj sondern aus dem Nichts entsteht: So fordert es das Urteil des Ursprungs. Doch, in welchem Momente des Affekts erblicken wir seinen Ursprung? Welcher Begriff steht uns zur Verfügung für diesen Ursprungsmoment, der in Analogie zu setzen wäre mit mit dem Ursprungselement des reinen Denkens, der infinitesimalen Realität? Die Tendenz soll diesen- Ursprungsmoment bezeichnen. Sie erinnert an die Bestrebung ' zum Unterschiede von' der Begehrung. Die' Begehrung ist transitivsie hat ein bestimmtes äußeres Ziel im Auge. Die Bestrebung ist intransitiv, sie bezeichnet einen rein inneren Zustand, losgelöst von jedem äußeren Gegenstand. Sie zeichnet das Streben an sich, das Reine des Willens, das Reine des Affekts. Die Tendenz erzeugt sich selbst den Inhalt, sie ist souverän und rein. Die Innerlichkeit bildet ihre Signatur, im Gegensatz zur physikalischen Bewegung, . die auf das Außen, die Außenwelt sich bezieht. Und noch in einer anderen Art gibt sich' der Unterschied Denken und Wollen zwischen Logik und Ethik zu erkennen. Das Denken vollzieht sich in der Sonderung zur Vereinigung. Wenn die Mehrheit sich bilden soll, so müssen erst kraft' der Antizipation die einzelnen, isolierten Elemente ersondert werden, in deren. Vereinigung die Mehrheit sich enthüllt. Ohne Isolierung keine Vereinigung der Mehrheit. So fordert es die Logik. Ganz anders verhält es sich beim Willen. Gerade die Isoliertheit, die Ersonderung einzelner Elemente schließt er als eine Unterbrechung des Strebens, der Tendenz ans. Der Begriff der Tendenz darf die Mehrheit nicht auf dem Umwege der Isolierung verlangen. Denn jede Isolierung würde den einheitlichen Fortschrittscharakter des Strebens durchbrechen. Die Tendenz selbst muß kraft ihrer begrifflichen Konstitution die Mehrheit vertreten. Die Tendenz, d. i. die Mehrheit der Tendenzen, ' das ewige Jortschreitendas ununterbrochene über Sichhinausgehen. So fordert es die Ethik. Aus diesen Erörterungen geht klar hervor, wie - der Reinheitscharakter sich völlig auf den Willen, aufden Affekt in fruchtbarer Weise übertragen läßt, ohne daß hierbei der Unterschied zwischen Logik und Ethik verloren ginge. „Die Reinheit muß den Unterschied klarstellen, der zwischen der Begehrung und dem Willen, also auch dem Affekte zu errichten ist. Dieser Unterschied geht auf den Gegensatz zu dem Gegebenen aller Art. Das Begehren geht auf ein Ding; es sei Speise oder Besitz oder Herrschaft. Der Wille, sofern er ein reiner ist, hat gemäß und vermöge der Methode der Reinheit seinen gesamten Inh alt sich erst zu erzen gen ." Doch, was ist das für ein Inhalt, den der Wille mittels der Reinheitsmethode zu erzeugenhat? Wir haben bereitsfestgestellt, daß der „Vorsatz" als die Vertretung des Affekts zu betrachten sei. Der Vorsatz geht über das Denken hinaus, er biegt in die Richtung des Handelns ein. Der Vorsatz verbürgt

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