Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
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Gott der Religion gegenüber den Göttern der Mythologie ist. Denn d6r wahre Gott ist der Grund der Sittlichkeit, die er fordert und deren Forderung schlechterdings sein Wesen ausmacht." . Zwar unterscheidet sich die Ethik von der Religion gerade darin, daß kein auswärtiger Grund, ja nicht einmal ein Gott die methodische Voraussetzung der Ethik bildet. Aber darin stimmen beide überein, daß die Wahrheit und nur die Wahrheit den Geltungswert der ethischen Erkenntnis bildet. Die Wahrheit bedeutet den Bestand, die Möglichkeit der-ethischen Idee. Die Wahrheit ist weder ein logischer noch ein ethischer Begriff; sie vollzieht vielmehr die Verbindung, den Zusammenhang der Probleme, ohne hierdurch die Selbständigkeit des einen Problems durch dieses anderen zu vernichten. Doch durch welche Methode, durch welchen Begriff kann die Wahrheit ihrer Zusammenhang stiftenden Tendenz gerecht werden? Es ist die Methode, welche in der Logik den Kern bildet, welche die Logik zur Logik der reinen, schöpferischen Erkenntnis erhebt, die Methode der Reinheit. Die Reinheit bedeutet den erzeugenden Charakter des Bewußtseins. Sie bildet die Signatur des Platonischen Idealismus. Sie vernichtet das Vorurteil der Empfindung. Sie erzeugt erst die Dinge durch die Erkenntnis, durch die Wissenschaft. Und in der Methode der Reinheit allein soll auch die Ethik ihren Aufbau, ihre Begründung vollziehen. So bildet die Reinheit das Einheitsprinzip, das Ethik und Logik aus sich heraus gebiert. Die Wahrheit muß zur Reinheit sich entfalten, wenn sie ihrer harmonisierenden Aufgabe entsprechen soll. Die Fruchtbarkeit des Neinheitsprinzips für die Ethik läßt sich auf Schritt und Tritt erkennen. Die Souveränität der Vorurteile schwindet. Die Unabänderlichkeit der Rechts- und Wirtschaftsformen wird zur Jlusfion. Die Reinheit der Ethik hat ewig neu die Kultur zu korrigieren und zu erzeugen. Und nicht allein die Absolutheit der Kulturobjekte wird verworfen, auch das Vorurteil vom guten und bösen Charakter wird vernichtet. Der Charakter, das Subjekt bilden keine gegebene Naturtatsachen, aus denen heraus die Taten quellen, als ob sie gleich von Anbeginn im Subjekt enthalten wären, um bei günstiger Gelegenheit in Erscheinung zu treten. Der Charakter, das Subjekt werden in jedem Momente des Seins neu erzeugt, je nachdem die ethische Aufgabe ihrer Verwirklichung näher geführt wird. Das Subjekt kann nur Ziel und Zweck, niemals aber der Grund der ethischen Aufgabe sein. „Denn welchen Sinn hätte die Ethik, wenn das Subjekt als gegeben, als geboren und in seinem Milieu erzogen, schlechterdings zu fassen wäre. Die Ethik ginge dann eben in Anthropologie auf, die ihrerseits dieses menschliche Subjekt zur Demonstration brächte." , Und wie sich bei den Begriffen des Subjekts und Objekts der Reinheitscharakter der Ethik bewährt, so zeigt sich dies noch deutlicher bei dem Begriff des Gesetzes. In der Logik der reinen Erkenntnis gibt es keine Naturgesetze, die als ewig unabänderliche Grundlagen zu gelten hätten. Die Grundlagen werden hier vielmehr zu Grundlegungen, zu Hypothesen, zu Lösungsversuchen. Und wenn es ihnen gelingt, den Zusammenhang der Erscheinungen zu. erklären, so haben sie ihre Berechtigung erwiesen. Genau so muß es sich in der Ethik verhalten. Auch hier gibt es keine Gesetze, darf es keine geben, die gleich unabänderlichen Naturgesetzen zu Grundlagen der Ethik verhalten. Auch hier bilden die Gesetze der Ethik Grundlegungen hypothetischen Charakters, die die Kulturerscheinungen der Weltgeschichte als die Verwirklichungen der Allheitsidee zu deuten haben. Niemals darf das Sittengesetz als ein Naturgesetz betrachtet, werden, das in irgend einer Physiologischen Tatsache seinen Grund hätte. Wäre dies der Fall, *so könnte es allerdings schwer sein, in der Geschichte dem adäquaten Ausdruck dieser Gesetze zu finden. Kann doch weder ein einzelnes physiologisches Phänomen noch die Gesamtheit der Phänomene einen zureichenden Grund für die Handlungen des Individuums abgeben. Mit der absoluten Geltung des Sittengesetzes in der Weltgeschichte wäre bei einer physiologischen Kausalität nicht mehr zu rechnen. „Die. sittlichen Ideen werden Meinungen. Und die Meinung ist, wie der Hegelsche Witz lautet, die Meinige." Kann es nun als erwiesen gelten, daß die Ethik ihren wissenschaftlichen Geltungswert nur dann behauptet, wenn sie in der Methode der Reinheit begründet wird, so könnte es doch noch fraglich sein, ob die Methode der Reinheit sich durchführen läßt im Hinblick auf das Material, das der Ethik als Voraussetzung dient. Kann der reine Wille mit den gleichen Denkgesetzen, die die Erkenntnis zur reinen Erkenntnis erheben, begründet werden? Finden auch hier die Gesetze der Identität, der Realität und der Kontinuität ihre sachgemäße Anwendung? Mit der Beantwortung dieser Fragen schreiten wir zur Grundlegung des reinen Willens. Im Anschluß an den Platonischen #vpi6-g erblickt Cohen das Wesen des Willens vor allen Dingen im Affekt. Der Affekt scheidet den Willen vom Denken. Und dennoch darf der Zusammenhang mit der Vernunft, mit der Vorstellung und dein Denken nicht verloren gehen, wenn der Erkenntnischarakter der Ethik gewahrt werden soll. Freilich darf der Zusammenhang nicht so aufgesaßt werden, als ob entweder das Denken zum Affekt oder der Affekt zum Denken nivelliert werden sollte. In den ersten Fehler verfiel Spinoza, der hierdurch das sittliche Denken vernichtete. In den zweiten das Paulinische Christentum der Gesinnung, das'sich von dem Vorurteil nicht befreien, konnte, „daß die Reinheit des Willens lediglich, oder auch nur vornehmlich aus das Element des Denkens im Willen bezogen werden dürfe!" Die schädlichen Folgen dieses Vorurteils werden von Cohen mit folgenden Worten gekennzeichnet : „Dies ist das dichteste und schädlichste Vorurteil, mit dem der reine Wille zu kämpfen hat, daß er nur in der Gesinnung wurzeln dürfe und nur als Gesinnung in die Erscheinung treten könne. Nicht darauf geht unser Einwurf, daß das Innere der Gesinnung nicht in die Erscheinung treten könne; vielmehr soll der reine Wille es zur Erscheinung bringen, aber dagegen richtet sich die Frage, ob es ausschließlich die Gesinnung sein-dürfe und sein müsse, welche in die Erscheinung tritt, als ob nicht auch die Erscheinung selbst das in die Erscheinung Treten und das in die Erscheinung Bringen von einer eigenen Bedeutung und von sittlicher Selbständigkeit wären. Nach der gewöhnlichen Vorstellung liegt die Sittlichkeit, also der reine Wille in der Gesinnung beschlossen. Sie ist das Innere, lind auf dies allein kommt es an. Das Aeußere ist das Aeußerliche, das Nebensächliche, das Fremde, was gar nicht zur Sache gehört. Das ist der Fehler. So wird der Wille schlechterdings zum Denken. Daß er in eine Tat übergeht, das steht auf einem anderen Blatt. Darin liegt nur die Veräußerlichung, zu der der Wille gleichsam verdammt ist. Ist es denn aber wirklich und wahrhaftig dem Willen äußerlich und und unwesentlich, daß er in einer Tat sich auslöst? Wäre es ausreichend für ihn, würde er seinen Begriff und seine Aufgabe erfüllen, wenn er in der Gesinnung eingesenkt bliebe?" Indessen begnügt sich Cohen nicht mit einer Charakteristik der sogenanyten Gesinnungsethik, er weist ans die religionsgeschichtlichen Fehlerquellen Hirt, denen jene Pseudoethik ihre Entstehung verdankt: „Ueber den guten Sinn freilich, den die Religion mit der Gesinnung verbindet, kann kein Zweifel sein. Die Religion ist aus dem Heidentum entsprungen, also aus dem Opserdienst. Das Opfer hat