Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
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80 werde nicht verfehlen, bei erster Gelegenheit die Aufmerksamkeit des Königs auf die wieder aufgerollte Frage zu lenken. Die Vertreibung der Juden wirft einen trüben Schatten auf die Negierung des katholischen Königspaares." Spanien — das geben heute auch schon viele Spanier zu — Spanien /hat durch die Vertreibung der Juden aufgehört, eine europäische Großmacht zu sein. Die Juden wieder aufzunehmen ist eine gebieterische Forderung der Gerechtigkeit sowohl wie der nationalen Interessen. Unsere Politiker, ruft ein spanischer Gelehrter aus, unsere Industriellen und Kaufleute wollen dies nicht einsehen: sie stehen der staatlichen Regeneration so fern, wie fern Europa zu Amerika vor dessen Entdeckung stand. Wie verhielt sich nun zu dieser so überaus wichtigen nationalen Frage die heimatliche Presse? Sie wurde in Journalen und Zeitschriften nicht btos vom linguistischen, sondern auch vom sozialen und politischen Gesichtspunkte aus beleuchtet. Wie viele Juden noch jetzt, über vierhundert Jahre nach der Vertreibung, die Sprache der alten Heimat reden, läßt sich nicht genau bestimmen. In der ganzen europäischen Türkei, in Bulgarien, zum Teil auch in Palästina und Serbien, in ganz Marokko sprechen die Juden Spaniolisch. In Tetuan, Carache, Arcilla, Ceuta, Fez sind die reichsten Juden Spaniolen. Die Zahl der zerstreuten Spaniolen beziehungsweise der spanisch redenden Juden beläuft sich auf mehr als eine halbe Million. Es wurde der Einwand erhoben, daß die meisten spanischen Juden im Orient arm sind und kümmerlich ihr Leben fristen. Spanien wolle und könne nur wohlhabende Juden aufnehmen. Mit Recht wurde dagegen geltend gemacht, daß es unter ihnen auch besser situierte und gebildete gebe. Die spanischen Juden haben ein ganz besonderes Sprachentalent. . Ich kenne hier einen . Dienstmann, einen Spaniolen aus Sätonichi, der außer türkisch und spanisch, auch deutsch, italienisch und ungarisch spricht, und gern als Fremdenführer benutzt wird. In Serbien und Bulgarien sind Spaniolen, welche fünf Sprachen reden, gar nicht selten. Der ehemalige serbische Generalkonsul in Triest, H. S. Davitscho und sein Bruder, haben mehr als fünfzehn Dramen von Echegaray ins Serbische übersetzt, welche im Belgrader Nationaltheater zur Aufführung gelangten. Was den Spanier am meisten imponiert und ihn für die Spaniolen einnimmt, ist, daß sie sich überall mit Stolz Spanier nennen, und noch immer selbst als Packträger in Salonichi und als Brotverkäufer in Smyrna das vornehme aristokratische Wesen sich erhalten haben. Es ist bezeichnend, daß selbst die Nachkommen derer, welche die Juden so schonungslos behandelt und so grausam vertrieben haben/ willig eingestehen, daß die Juden, welche durch die Verfolgungen, durch ihre eigenartige Bestimmung Kosmopoliten geworden, „ein auserwählter Stamm" sind, daß ihre strenge Moral, die Festigkeit ihres Charakters, die Schärfe ihres Geistes, ihre Zähigkeit und Ausdauer auch bei den Spaniern Anerkennung finden. Die Rückkehr der Juden nach Spanien wäre ein Ereignis von hoher politischer Bedeutung, wäre eine nationale Evolution. Spanien ist heute so zu sagen — entvölkert; der Bodenraunr, auf welchem sich in anderen Staaten zweihundert Personen befinden, wird in Spanien von sechsunddreißig Personen bewohnt. Spaniens Handel und Industrie würde durch die Juden vermöge ihrer Geschicklichkeit und Tüchtigkeit zu neuer Blüte gelangen. Es wird mit offenen Armen diejenigen ausnehmen, welche sich in seinem Lande ansiedeln wollen. Und doch, fragen selbst wohlwollende Freunde der Juden : kann man ihnen raten, die Türkei, welche sich stets so gastfrei gegen sie benommen hat, zu verlassen, und sich in das Land zu begeben, in dem die Vorurteile gegen Andersgläubige noch tief wurzeln, in die Heimat Torquemadas, der Inquisition? Mit der so oft wiederholten Behauptung, daß durch die Konstitution das Verbannungsedikt von 1492 und alle Gesetze, welche die religiöse Freiheit beschränkten, aufgehoben seien, ist ebenso wenig getan wie mit der Versicherung, daß Spanien heute ein freies Volk und seine religiöse Toleranz die beste Garantie für die Wohlfahrt der Juden sei. So lange nicht Gesetze geschaffen sind, welche das Verheißene klar und bündig aussprechen, bleibt die pon den freiheitsliebenden Spaniern angeregte Frage noch immer eine -offene. Möglich, daß Herr Senator Don Angel Pulido in seinem neuen Buche, das, wie er mir schreibt, in kürzester Zeit erscheinen soll, neue annehmbare Vorschläge macht. Hermann Cohens „Lthik des reinen Millens." Von Dr. B. Kellermann. HI.1) weierlei haben wir nunmehr gewonnen: Die Selbstständigkeit der Ethik als Wissenschaft, und das Faktum der Rechtswissenschaft, indem sie ihre begriffliche Zeugungskraft vollzieht. Und doch droht schon eine neue Gefahr! Die Ethik soll eine selbständige Wissenschaft bedeuten. Als Wissenschaft, als Erkenntnis ist sie auf die Logik angewiesen, von welcher sie ihr begriffliches Rüstzeug bezieht. Wo bleibt aber die Selbstständigkeit, wenn sie in ihren Prinzipien, in ihren Lösungsversuchen des Menschheitsproblems auf die Hilfe und begriffliche Mitarbeiterschaft der Logik sich angewiesen sieht? Ist Sokrates nicht doch im Recht, daß Tugend Wissen und nur Wissen sei? Dieser Besorgnis können wir uns getrost entschlagen. Der Gegenstand trennt die Probleme. Die Logik hat das Sein und nur das Sein zum Vorwurf, soweit dieses in der Naturwissenschaft sich zu erkennen gibt. Das Problem des Seins der Geschichte, des Menschen, wie er in der Geschichte der sittlichen Idee sich enthüllt, dieses Problem steht außerhalb der logischen Kompetenz, es bildet ein Sein eigener Art und eigener Gesetze, es bildet den Gegenstand der Ethik. Allein, nicht nur Trennung bewirkt der Gegenstand, sondern ebenso sehr auch Verbindung und gegenseitige Ergänzung. Die Logik kann die Lösung des Menscheitsproblems ohne Ethik nicht vollziehen, und die Ethik sähe sich ihres Stabes und ihrer Stütze beraubt, sie bliebe ein Luftgebilde, so sie nicht in der Logik ihr Fundament, in der Welt des Seins ihre Realisierungsmöglichkeit erblicken dürfte. Und nur in dem lebendigen Einklang, den die Ethik bei ihrem Aufbau mit der Logik innehält, kann sie auf Verwirklichung hoffen. Dieser Zusammenhang zwischen dem theoretischen und dem ethischen Problem bildet die unverbrüchliche Voraussetzung der Ethik, die Wahrheit ihrer Erkenntnis, den Inbegriff der Wahrheit überhaupt. „In der Verbindung von Logik und.Ethik allein ist Wahrheit zu suchen; für diese Verbindung allein ist sie zu fordern." „Nur diese Verbindung gilt uns Wahrheit." Auch hier berührt sich die Ethik mit der Religion, mit dem Monotheismus der Propheten. „Gott ist wahr, und Gott ist die Wahrheit, das find die tiefen Ausdrücke, mit denen die Propheten den einzigen Gott erdenken. Vielleicht darf man sagen, daß charakteristischer noch als die Einzigkeit die Wahrheit für den l) Bergl. Nr. 3, 5.