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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-17 · Heft 7 (17.2.1905) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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-' 79 nicht innerlich von der Mitwelt abzuschließen vermocht. Mit der Neigung des Judentums, in fremde -Gedankenkreise einzudringen, . darin heimisch zu werden und sich durch die edelsten -Ideen befruchten zu lassen, wurden auch Brücken geschlagen■ zu menschlicher Annäherung und Duldung und zu besserem Verständnis fremder Kulturen und Geistesschätze. Die Metamorphose ist schnell genug vor sich, gegangen. Aber ein ganzes Geschlecht mußte doch an der Erwerbung der neuen Kulturgüter emsig schaffen, um sie dem folgenden als fertigen Besitz übergeben zu können. Wer war nun dieser Kulturvermittler? Es war der jüdische Lehrer und die jüdische Schule. Dienichtstaatliche jüdische Schule hat diese Kulturleistung in kurzer Zeit vollbracht; es war eine Großtat, die dem jüdischen Lehrer ein Ruhmesblatt, wenn nicht in der allgemeinen, so doch in der jüdischen Geschichte sichert. Der ganze Anschluß an das Kulturleben hätte sich ohne den jüdischen Lehrer nicht so leicht bewerkstelligen lassen. Sein Anteil an der Erziehung des damaligen Geschlechts zu einer neuen Geschichtsära ist wohl noch nicht genau festgestellt, sann aber nicht hoch genug eingeschätzt werden, wobei nur der Begriff Lehrer insofern einer weitgehenden Modifikation unterzogen werden muß, als man darunter nicht gerade immer eine amtlich abgestempelte Unterrichtsperson zu verstehen hat. Es waren Bachurim, groß gesäugt an den Brüsten des Talmud, unmittelbar angeweht von dem Hauch Mendelsohns und. Lessings, genährt von allen guten und großen Geistern alter und neuer Zeit, erfüllt von einem ebenso unstillbaren Lernwie Lehrdrang und einer Menschenliebe, die nur in der Weiterverpflanzung von Erkenntnis und. allen sittlichen Idealen ihr Genüge findet. Solche Lehrer haben das Wunder der raschen Verjüngung gewirkt. In ihnen paarte sich oft Scharf- und Edelsinn mit tiefem Wissen, eindringendem Verstand und hoher Intelligenz. Eine solche Schar von Universalsten, die sich zumeist aus eigener Kraft heraufgearbeitet hatten, hat in den jüdischen Gemeinden Pionierdienste getan zu einer Zeit, als der unversorgte und zum Krüppel geschlagene Unteroffizier gut genug war, der übrigen deutschen Jugend das Alphabet einzubläuen. Solche Verdienste der jüdischen Schule berechtigen zu frohen Hoffnungen für die Zukunft. Sie hat das alte Erbe mit dem lebendigen. Geiste der Gegenwart und der fortschreitenden Erkenntnis zu durchdringen und die späteren Geschlechter zu treuen Söhnen des Judentums zu erziehen. Sie wird sich der.Aufgabe ebenso gewachsen zeigen, wie die Schule der Emanzipationsära, und sich dem Zeitgeist mehr anzupassen vermögen als die anderen Volksschülarten. Nur. wird die Schule eine öffentliche sein müssen. Um ihr diesen Charakter zu geben, wird es der größten Anstrengung seitens der jüdischen Gemeinden und maßgebenden Verbände bedürfen. Die Agitation hierfür muß, wenn sie nicht zu spät kommen und was erreichen will, sehr bald, ihre Hebel ansetzen. Hierbei wird die Adlersche Schrift allen denen, die mit der Schule, .sei es als Lehrer, Eltern, Vorsteher von Gemeinden oder jüdischen Schulanstalten, in irgend welcher Verbindung stehen, den notwendigen Fingerzeig bieten. Der besonderen Beachtung empfohlen seien die fünf Thesen, in denen die aufgestellten Forderungen gipfeln. Sie führen eine offene, unerschrockene, beherzte Sprache und formulieren in wohlerwogenen Sätzen recht deutlich die der Regierung und dem Parlament zu unterbreitenden Wünsche der preußischen Juden, welche bei Gelegenheit der Beratung des Schulunterhaltungsgesetzes die öffentlichen Gewalten gleichfalls beschäftigen sollen. ' Spanien und dir Inden. - Von Dr. M. K ahs erlin g. II. ie von dem spanischen Senator Don Angel Pulido in seinem von uns besprochenen Buche wieder angeregte Idee hat nicht nur die zerstreuten spanischen Juden in freudige Aufregung versetzt, sondern auch in Spanien selbst ein nicht geringes Aufsehen erregt.. Viele hundert Dank- und Anerkennungsschreiben sind dem Verfasser aus Konstantinopel und Jerusalem, aus Salonichi und Smyrna, aus Serbien und Bulgarien, aus Tanger und Marokko zugegangen. Auch Max Nordau hat sich über diese neue Judenfrage geäußert. Der Verfasser der „Konventionellen Lügen", ein geborener Budapester, behauptet, daß sein Ahn ein Spanier und zwar ein Segovianer, also ein Landsmann jenes Don Abraham Senior war, der unter Ferdinand dem Katholischen eine sehr einflußreiche Stellung einnahm. Mit einem wahren .Feuereifer wurde die Idee der Rückkehr der Juden nach Spanien von einem jungen Marrannen erfaßt, der den Mut hatte, im ,>Liberal" und im ,^Paris", den beiden liberalen Journalen Madrids, Israel und das . Judentum zu verherrlichen. Dieser junge Mann entstannnt einer alten, berühmten Marrannenfamilie, deren Namen auch er noch trägt. Einer feiner Ahnen wurde mit denjenigeu verbrannt, welche sich gegen die Ein-, führung der Inquisition in Sevilla erhoben. Die Nachkommen dieses Märtyrers blieben als Marrannen in Spanien. Ein anderer Zweig dieser Familie, welcher dem Judentum treu blieb, ließ sich in Oran, Mazalqüivir und anderen Städten Nordafrikas nieder und zeichnete sich durch seltene Treue und Hingebung an Spanien aus. 'Dieser junge Mann, seines Faches Kaufmann, teilte mir schon vor einigen Jahren mit, daß er fest entschlossen sei, sich öffentlich zum Judentum zu bekennen, daß er bereits hebräisch lesen könne und nichts sehnlicher wünsche, als ein hebräisches Gebetbuch zu besitzen. Mit welchem Jubel begrüßte er Pulidos Bestreben! Mit Genugtuung registrieren wir, daß sich auch liberal denkende Christen lebhaft für die Angelegenheit interessieren. „Das jüdische Volk kann es nie vergessen," schreibt Don Jose Parache in Madrid, „daß es auf dem geheiligten spanischen Boden den Gipfel seiner Wohlfahrt erreicht habe. Unter der Regierung der glorreichen Könige Don Jaimel. von Aragonien und Don Alfonso X. von Castilien zeigten sich die spanischen Juden dem Staate außerordentlich nützlich Nicht bloß dadurch, baß sie mit ungewöhnlicher Sachkenntnis und Geschicklichkeit die Steuern verwalteten, sondern auch durch die Subsidien, mit welchen sie dem Staate stets zu Hilfe kamen. Wie wünschen wir so sehnlich, daß jene herrlichen Zeiten wieder kommen, daß das von Gott erwählte Volk in dem Lande, in dem seine Vorfahren geweilt, wieder Gesänge anstimme und Gebete zum Höchsten emporsende. Es lebe die Vereinigung aller spanisch redenden Völker und Stämme!" Die unter dem Protektorate des Königs Don Alfonso XIll. stehende „Union Jberio -Americana“ in Madrid, welche in wissenschaftlicher und Merkantiler Beziehung um alle spanisch redenden Völker ein einigendes Band zu schlingen bestrebt ist und hervorragende spanische und amerikanische Gelehrte zu ihren Mitgliedern zählt, hat die Angelegenheit zu ihrer eigenen gemacht. Selbst Persönlichkeiten, welche dem spanische Hofe nahe -stehen, kommen dieser Judensrage Mit . großem Interesse entgegen. So schrieb die Infantin Donna Maria de la Paz jüngst an den gelehrten Linguisten P. de Mugica: „Welche Freude war es für mich zu vernehmen, daß die Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden uns, was natürlich wäre, nicht hassen. Ich

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