Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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Wozu sich an einer Sache, die Finger verbrennen/ die einem keinen Vorteil gewährt, wohl aber schweren Nachteil zufügt und deren nur zu eifervolle. Vertretung noch zum Ueberfluß das Uebelwollen der Regierung zuzieht! Die Leidenschaft für die christliche Simultanschule — das ist sie nun einmal, trotz aller Hirngespinste — ist ein zweischneidiges Schwert, und es wird außer -der jüdischen keine Bevölkerungsgruppe - geben, die durch das Eintreten für eine ihren Interessen zuwiderlausende Institution. die Gesetze der Selbsterhaltung mit Füßen tritt, um sich Illusionen hinzugeben, denen erst nach Jahrhunderten eine Verwirklichung blüht. , Wie verhalten sich denn diejenigen, deren Stimme in dieser Frage sicherlich um schwersten ins Gewicht fällt: die Lehrer selbst? Wer unterrichtet ist, weiß, daß die Lehrer im großen und ganzen treu zur Simultanschule stehen, aber zur Simultanschule in ihrer jetzigen Gestalt und Ausprägung, doch sehr weit entfernt davon sind, sich für völlige Gleichstellung aller Konfessionen zu erhitzen. Am wenigsten Sympathie dürfte der Gedanke haben, dem jüdischen Lehrer und dem jüdischen Religionsunterricht eine ganz koordinierte Stellung einzuräumen. Es sind Verlautbarungen von hervorragenden liberalen Schulmännern beglaubigt, nach denen die Errichtung rein jüdischer Schulen eine recht erstrebenswerte Sache wäre. Man erinnert sich noch der durch, derartige Aeußerungen hervorgerufenen Mißstimmung unter den Berliner jüdischen Wählern, eine Mißstimmung, die aus den Ausgang der Wahl in einem der hauptstädtischen, Wahlkreise nicht ohne Wirkung geblieben ist. — Die Negierung, das Parlament, das offiziell seligmächende Unterrichtssystem, sowie die aus einem Seminar, das einen vorsintflutlichen Geist atmet, hervorgegangenen Lehrer sind die' vereinigten Mächte, die der Volksschule eine streng konfessionelle Gliederung sichern. Hier hilft kein Sichaufbäumen einer in phantastischen Idealen befangenen, kleinen, sehr unmaßgeblichen nnd einflußlosen Schicht von Intellektuellen und Freidenkern, aus die Staatsleitung und Gesetzgebung in Preußen schlecht zu sprechen ist. . Es stellt'der weitherzigen Auffassung der jüdischen Lehrer ein glänzendes Zeugnis aus, wenn sie, unbekümmert um die Ungunst der Gegenwart, die allgemeine Staatsschule als die für die Zukunft zu erstrebende Schulform erklärt. . Aber die jüdischen Lehrer hätten den Vorwurf der Aufdringlichkeit, den man ihnen machen würde, auch verdient, wenn sie diese Forderung für die Gegenwart erhoben hätten und um ein Plätzchen bettelten, das man'ihnen von keiner Seite einzuräumen geneigt.ist. Selbst diese innige jüdische Verbrüderungssehnsucht mußte sich bei so geringem Entgegenkommen eine kaum kurable Erkältung zuziehen. - Adler steht auf dem Standpunkt des unentwegten Liberalismus. Seinem Programm sind seine politischen und seine Schulideale entlehnt, aber auch er sieht sich gezwungen, die Verwirklichung seines Schulideals — die allgemeine Staatsschule — zugunsten der vorläufig allein in Betracht kommenden jüdischen Volksschule auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Denn bei der Verallgemeinerung der immer christlichen Simultanschule würden die Juden die Kosten zu bezahlen haben, und der Preis, die Selbstentleibung des jüdischen Lehrerstandes und die Demütigungdes Judentums, ist Adler mit Recht zu hoch. Hierin hat er sicherlich die gesamte jüdische Lehrerschaft hinter sich. Denn in dem Augenblick, wo sich diese für die jetzige christliche Simultanschule, die ein Zerrbild von Parität darstellt, erklärt, hat.sie sich selber nicht nur. das Todesurteil .gesprochen, sondern es auch gleich an sich vollzogen. Mit der Erfüllung der liberalen Forderungen ist es überhaupteine . eigentümliche Sache. Als fromme -Wünsche nahmen sie 'jedes Gemüt gefangen; aber als sie in. -die Tatumgesetzt wurden, . bekamen sie ein durchaus. reaktionäres Gesicht, über das mansich-nicht sonderlich aufregte, da nur die Juden die Geschädigten waren. - Der Jude war der Mohr — er hatte eben seine politische und materielle Schuldigkeit getan. Wie sehr der - feine Aether freiheitlicher Ideen bei ihrer Versetzung in die irdischen Niederungen mit Erdenschlamm vermischt wird, geht aus einem auf eine Eingabe der jüdischen Gemeinde ergangenen Antwortschreiben des hochliberalen Breslauer Stadtmagistrats hervor. Die jüdische Gemeinde — dieser Fäll hochmütiger Brüskierung des jüdischen Vorstandes wird in der Adlerschen Schrift mitgeteilt — hatte den Magistrat von Breslau ersucht, die die städtischen Schulen besuchenden Kinder, etwa 500, mit Religionsunterricht zu versorgen, eigentlich eine ganz selbstverständliche Pflicht, die jeder Kommune obliegt. Aber wessen man sich selbst von einer als so liberal berühmten Verwaltung zu versehen hat, beweist die völlige Ablehnung des Antrages unter der gequälten Motivierung, „die Schuldeputation vermöge nicht zu erkennen, welches besondere Interesse die Synagogengemeinde angesichts der für sie bestehenden. gesetzlichen Verpflichtung an den begehrten Maßnahmen haben kann." In der Tat eine sehr liberale Antwort, die zu dem Schaden auch noch den Spott hinzusügt. Die freiwilligen jüdischen Millionenstiftungen haben in den Augen des hohen Magistrats allerdings Gnade gefunden und wurden nicht verschmäht, ebenso wenig die immensen jüdischen Arbeitskräfte, die im Ehrendienste der Kommune stehen. Aber etwas verlangen, was Evangelischen und Katholischen ohne besonderen Wunsch aus freien Stücken gewährt werden muß, da hört die „liberale" Gemütlichkeit auf. Man hat sich gewöhnt, die jüdischen Leistungen als eine ganz selbstverständliche verdammte Pflicht und Schuldigkeit anzusehen, dagegen etwaige Ansprüche, die sich säst nie oder nur sehr leise hervorwagen, vornehm zu überhören. . . Demgegenüber gibt es nur ein Mittel, um jüdischen Lehrern und Schülern den Genuß völliger Gleichheit mit den christlichen zu bieten: die öffentliche-jüdische Volksschule. Sie allein kann uns vor den Rechtsverkümmerungen und unausbleiblichen Demütigungen schützen, die die Simultanschule — so lange ihre innere Verfassung keine andere wird — für uns ganz von selbst mit sich bringt. Die jüdische Volksschule ist nicht nur das von der gesamten Lehrerschaft aufgestellte Ideal für die Zukunft, sondern sie hat auch eine ruhmreiche historische Vergangenheit, die nur den einen Fehler hat, daß sie zu wenig gekannt wird. Adler unternimmt es, die jüdische Volksschule, ihr Wesen, ihre Entwicklung und ihre Leistungen.in das rechte Licht zu setzen. Er tritt für die jüdische Volksschule-um so lieber ein, als er in ihr infolge seiner tiefen Kenntnis aller Schulformen eine größere Bürgschaft für eine in humanem Sinne geführte Charakterbildung erblickt,' als in der nach engherzigen Prinzipien geleiteten und in der Zusammensetzung ihres Lehrkörpers einseitigen christlichen Simultanschule. Die durch die klassische und allgemeine Bildung erweiterte und gemilderte Weltanschauung, die das Judentum in seinen Bekennern zur Ausprägung bringt, ist an sich' schon ein bewährtes Schutzmittel vor Ausartung^in Verfolgungssucht und Ausschließlichkeit. Auch; frühere Zeitalter haben bei aller theoretischen Absonderlichkeit und Befangenheit das Judentum