Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
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77 bloßen Aufstellung so löblicher Grundsätze nicht, sondern schickte sich an, sie in die gemeine Praxis des Lebens und der Schule umzusetzen. Eine in diesen Blättern bereits genannte Broschüre*) enthält aus jener Epoche eine Fülle interessanten Materials, das den denkenden Leser zu für unsere Zeit beschämenden Vergleichen heraussordert. Bevor ich ein Beispiel für die geradezu ideale Gleichheit in der Behandlung jüdischer Schüler mit den christlichen anführe, möge hier eine historische Ausgrabung eine Stelle finden, die geradezu charakteristisch für die Ironie ist, in der die Weltgeschichte sich so oft gefällt. Das preußische Oberkonsistorium — es ist kein Druckfehler — man denke, das preußische Oberkonsifterium will 1799, daß der Religionsunterricht sich auf die allgemeinen Wahrheiten und die allen Parteien gemeinsame Sitt"enlehre beschränken soll. Welcher Abstand Zwischen dem. preußischen Oberkonsistorium von 1799 und den: preußischen Oberkonsistorium von anno 1905! Während wir zeitlich um 100 Jahre und mehr weiter gerückt sind, sind die in fraglichen Instanzen ihren Anschauungen nach um wenigstens 300 Jahre zurückgeschritten. Wir sehen uns vergeblich nach dem Gesetz der Entwicklung um, das nach den überzeugenden Versicherungen unserer. Gelehrten die Welt beherrschen soll. Aus dieser und den folgenden Tatsachen ließe sich wohl eher das Gesetz nicht der vorwärts laufenden, sondern der rückläufigen Entwicklung entlehnen. Heute würde man in den maßgebenden Kreisen die Anschauung des preußischen Oberkonfistvriums von 1799 eine gott- und religionslose nennen. Für die Gemüter der Zeitgenossen vom Jahre des Heils 1905 noch aufregender ist eine andere Reminiszenz, die hellte, wo antisemitisch Trumpf! ist, nicht verfehlen wird, die einen mit Entsetzen und die anderen mit innigenr Neid zu erfüllen. In den Schulen Sachsen-Weimars war damals der Grundsatz völliger Gleichheit zwischen Juden und Christen in der Weise zum Ausdruck gebracht, daß am Sonnabend nur die christlichen Kinder Unterricht, und zwar nur in der christlichen Religion, Sonntag die jüdischen Kinder, und zwar gleichfalls nur in ihrer Religion, erhielten. Mit wie viel Bleiklumpen ist dieses unübertreffliche Ideal seitdem beschwert worden. War das nicht die höchste Potenzierung der in jenem Zeitalter proklamierten religiösen Gleichheit, eine Potenzierung, der gegenüber jede Abweichung nur ein Herabgleiten von jenem Gipfel bedeutete? In wie viel Watte unterwürfiger Ergebenheit müßte heute eine Bitte um Rücksichtnahme aus religiösen Gründen gewickelt werden. Die wenigen historischen Fakta lassen den Geist erkennen, aus welchem die heutige Schule geboren wurde. Und welche Aehnlichkeit im Punkte der Parität zeigen die aus solchen Anstalten hervorgegangenen Simultanschulen? . Nun, ihre Klafsenwände schließen zwar Kinder der verschiedensten, auch des jüdischen Bekenntnisses ein. Aber das ist kein besonderes Merkmal der Simultanschule allein, auch evangelische und katholische Schulen nehmen jüdische Kinder, wenn keine jüdische Schule am Platze ist, bereitwillig auf. Die Simultanschule ist aber heute, im Gegensätze zu dem Willen des gottseligen preußischen Oberkonsistoriums von einstmals, eine einseitige im Dienste christlicher und kirchlicher Erziehung und Zucht stehende Anstalt. Um so merkwürdiger ist ihre Beliebtheit bei den Juden, die *) Das Schulunterhaltungsgesetz und die preußischen Bürger jüdischen Glaubens von RealschuldirektorDr. Adler in Frankfurt a.M., Verlag von I. Kauffmann, ebendaselbst. denn auch ein großes Kontingent zur Erkämpsung derselben stellten. Woher diese befremdliche Erscheinung? Vielleicht entspringt ihre Bevorzugung der Einbildung: vor den Toren dieses Schulhauses mache der feindselige Geist, der den Juden verfolgt, ängstlich Halt, eine etwas naive Anschauung, die durch trübe Erfahrungen längst Lügen gestraft ist. In der Hauptsache aber wird die leidenschaftliche Parteinahme für dieselbe von der Vorstellung eingegeben, die Simultanschule gewähre absolute Garantie für gleiche Behandlung aller anerkannten Bekenntnisse. Daß dies ein für sie allzu günstiges Vorurteil ist, sollte nach den Berliner Vorkommnissen, mit denen die Presse sich lange Zeit beschäftigen mußte, für jeden, der sehen und hören will, offenkundig geworden sein. Dennoch — die Parität existiert, aber, wie auf allen Gebieten im lieben Preußen, nur zwischen den beiden großen christlichen Konfessionen. Die Juden haben zwar ihre staatsbürgerlichen Pflichten pünktlich zu erfüllen, aber keine noch so selbstverständlichen Ansprüche zu erheben. Weder im Lehr- und Stundenplan, noch in der Festsetzung und Dauer der Ferien wird irgendwie Bedacht auf die Interessen dieser Gruppe von Staatsbürgern genommen. Gegen ihren Religionsunterricht, der dem Staat doch sonst so sehr am Herzen liegt, verhält er sich indifferent, und nur die Angst vor dem Umsichgreifen umstürzlerischer Tendenzen hat ihn in letzter Zeit bewogen, hin und wieder aus seiner Reserve herauszutreten, ohne diese jedoch grundsätzlich und in paritätischer Weise seinen starken Schutz zu leihen. Nicht etwa bloß durch liberale Fürsorge für den christlichen Religionsunterricht, die ja durchaus begreiflich ist, wird der christliche Charakter der Simultanschule klar erwiesen, sondern vor allem durch die von maßgebender Seite ergangene Anweisung, allen Unterrichtsfächern durch die Behandlung eine christlich-religiöse Färbung zu geben. Infolge der starken Betonung der christlichen Tendenz wird der jüdische Lehrer ungeeignet, sich bei konfessionell gemischter Schulbevölkerung unterrichtlich zu betätigen. Der jüdische Lehrer spürt die Parität an seinem eigenen Leibe. Er hat in der christlichen Simultanschule keinen Raum, und mag die Lehrernot turnchoch steigen, soweit vergißt sich die preußische Schulverwaltung nicht, mit diesem anerkannt intelligenten Material die klaffenden Lücken auszusüllen. Und zwar rechtfertigt die Regierung ihr Verhalten nicht etwa mit der Schonung antisemitischer Empfindlichkeiten, sondern sie gibt dafür ernsthaft die Erklärung ab, der Jude könne doch unmöglich ein Pfleger christlicher Lehre und christlichen Geistes sein, der auch in den sogenannten profanen Disziplinen zum Durchbruch kommen müsse. Ist so die Simultanschule offen eingestandenermaßen spezifisch christlichen Charakters, wie kommt die jüdische Intelligenz dazu, ihr die Schleppe nachzutragen und sich als Vorkämpfer für dieselbe hervorzutun? In den maßgebenden Kreisen hat aber diese christliche Simultanschule sehr wenig Freunde, nicht etwa, weil man ihr aus freiheitlichen Prinzipien die konfessionellen Unterschiedlichkeiten nehmen will, sondern weil man in konsequenter Verfolgung der hier schon betätigten Grundsätze die Schulen zu rein konfessionellen, evangelischen oder katholischen, machen will, Der Simultanschule wird aus diesem Grunde langsam aber sicher der feste Boden unter den Füßen sortgezogen. Nur wenige Säulen noch zeugen von verschwundener Pracht. Und speziell wir Juden haben die wenigste Ursache, ihren völligen Einsturz zu verhindern oder auch nur aufzuhalten. -;.1 -—.