Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 die vollständige Judenemanzipation beschlossen hat. Es wurde in dieser Sitzung 8 6 des Zarenmanifestes vorn 25. Dezember betreffend die Behandlung Andersgläubiger beraten. Schon in einer früheren Sitzung hat sich das Ministerkomitee theoretisch gegen alle provisorischen Gesetze und Ministerialverordnnngen ausgesprochen und beschlossen, die Lage der Andersgläubigen auf Grund feststehender Gesetze zu regeln. Der Sitzung vom 7. d. M. wohnte auch der heilige Antony, Metropolit von Petersburg, bei. Der hohe kirchliche Würdenträger sprach sich für die volle Freiheit der Religionsübung aus, worauf das Komitee beschloß, das; der Uebertritt der Angehörigen der orthodoxen Kirche zu einem andern Glauben fortan straflos bleiben soll. Es wurde ferner beschlossen, das; die Administration sich in Glaubenssachen nicht mehr hineinzumischen hat. Endlich wurde konstatiert, daß der größte Teil aller für Andersgläubige in Rußland bestehenden Beschränkungen ungesetzlich sei, da sie alle auf provisorischen Ministerialerlassen beruhen. Die Beratungen mußten wegen . vorgerückter Zeit abgebrochen werden. Vorher wurden jedoch noch zwei überaus wichtige Beschlüsse gefaßt. In erster Reihe wurde beschlossen, zu der nächsten Sitzung die geistlichen Vertreter aller nicht orthodoxen Konfessionen einzuladen, damit sie ihre Meinung über diese Frage äußern. Dann aber wurde beschlossen, den Zaren in einer Eingabe zu bitten, sofort und ohne auf die allgemeine Regelung der, Frage zu warten, sämmtliche provisorischen Gesetze und ungesetzlichen administrativen Beschränkungen der Rechte der Andersgläubigen mit einem Schlage aufzuheben. In der ganzen Beratung wurden die Juden nicht besonders erwähnt, und es ist wohl möglich, daß selbst bei der Aufhebung aller Ausnahmegesetze gegen die Andersgläubigen für die andersgläubigen Juden noch ein besonderes Ausnahmegesetz ausgeklügelt werden könnte. Sehr wahrscheinlich ist überdies, daß der Zar die Bittschrift des Ministerkomitees in den Papierkorb oder doch in seinen Aktenschrank legen wird. Dort wird sie so lange ruhen bis — Kuropatkin die Japaner geschlagen haben wird. Immerhin ist der Beschluß des Ministerkomitees von ganz enormer Tragweite. fr Vom 17. bis 19. v. M. hat in Chikago die Generalversammlung der „Union ok ^meriean kledrew Oongregraiions", also des amerikanisch-jüdischen Gemeindebundes getagt. Die Verhandlungen waren diesmal von besonderem . Interesse. Wir heben nur die wichtigsten Tatsachen hervor. Bekanntlich steht das Üedrew Union College in Cincinnati unter der Aegide des Gemeindebundes. Es konnte nun die erfreuliche Mitteilung gemacht werden, daß der Garantiefonds von 500000 Dollars, der zum Andenken des unvergeßlichen Begründers dieser Anstalt, des sel. Dr. Wise, von den Zöglingen und Freunden desselben gesammelt worden, fast vollständig fei. Das ist ein Erfolg für das freisinnige Judentum in Amerika, der nicht hoch genug anzuschlagen ist. Wir freuen uns dieses Erfolges, wenn wir auch nicht ohne Wehmut daran denken können, daß derartiges für ein Rabbinerseminar in Europa kaum zu erreichen wäre. Das Kollege bleibt in Cincinnati und wird nicht nach Newyork verlegt werden, wie das vordem in der Absicht lag. Außerdem wurde mitgeteilt, daß die Sinai-Gemeinde in Chikago einen besonderen Lehrstuhl am Kollege errichten werde. Von nicht geringerem Interesse waren auch die Mitteilungen des Komitees der Delegierten für die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden in Amerika. Simon Wolf, der unermüdliche Vorkämpfer dieser Rechte, sagte in seinem Bericht, daß die Agitation für Abschaffung der besonderen Paßschwierigkeiten für amerikanische Staatsbürger jüdischen Glaubens sicher von Erfolg fein werde, indem Rußland zugegeben habe, das; es jüdische wie christliche Amerikaner gleich behandeln werde. Nur was die in Amerika naturalisierten Russen betreffe, soll es bei den bisherigen Bestimmungen bleiben. — Die Empfehlung des letzten Konzils', daß Gemeinde- und Sabbatschulen in kleinen Ortschaften gegründet werden sollten, ist zur Ausführung gelangt und die Resultate sind höchst erfreulich gewesen. Sechzig solcher Gemeinde- und Sabbatschulen sind im Laufe der letzten beiden Jahre gegründet worden. In Amerika hat sich in den letzten Jahren eine erhöhte religiöse Bewegung kundgegeben. Wir freuen uns, daß das liberale Element, welches in dieser „Union ok American üebrexv Congregation" vereinigt ist, dabei nicht zürückbleibt, sondern für seine religiösen Anschauungen mit voller Energie und Opferfreudigkeit eintritt. Simultan- oder Milche Volksschule? Von Bernhard Traubenberg. s ist eine bemerkenswerte Erscheinung, daß große Ideen, l wenn sie impulsiv und mit der Unbezwinglichkeit einer Natnrgewalt Hervorbrechen, von allem Anfang an in einer kaum steigerungssühigen Vollkommenheit das Licht der Welt j erblicken. Der Genius packt nicht blos einen einzelnen, sondern manchmal ein ganzes Volk und befreit es, indem er es himmelan trägt, von Jahrhunderte alten Schranken und Engnissen, von Urväter Haus- und Unrat, in dem ganze Geschlechter ersticken mußten. Aber diese Erhebung über sich hinaus verträgt ein Volk nicht allzulange. Sie ist wie ein Blitz, der schnell, aber nicht für immer die Köpfe erhellt. Auch der Genius erliegt der Anstrengung, die seine Schwungkraft aushalten mußte, | und dann hängen seine Flügel matt am Boden. j: Man denke nur daran, wie hehr der Gedanke der Freiheit % und unterschiedloser Gleichheit aus den Fluten der großen j Revolution emportauchte und vergleiche einmal unser heutiges Jammerbild mit dem damaligen Ideal. Man kann dabei auf den Gedanken kommen, daß die großen Ideen viel von ihrem Goldglanz verlieren, wenn man den Versuch macht, sie in dem Dunstkreis des Irdischen g heimisch zu machen. Der Rost, den die Figur der Freiheit angesetzt, ist wahrlich kein Edelrost. Heute möchte man eine Entschuldigung stammeln, wenn maws überhaupt wagen will, j an die Errungenschaften aus jener großen Zeit zu erinnern. Als jener Menschheitsmorgen sein neues Licht über die f Erde aus goß, da fiel ein Bündel erhellender Strahlen auch in einen Winkel, in dem Spinngewebe und alter Wust und Staub einen undurchdringlichen Schleier bildete und den Atem beklommen genug machte: in das Gebiet der Schule. Auch hier wirkte das Gewitter luftreinigend. Wie befreiend war das Aussprechen so ketzerischer Gedanke:;, wie: Erziehung zu Menschentum statt in einseitigem Kon-; sessionalismus, Erzeugung selbsttätiger Triebe statt Einhaltung toten Wissens, Befähigung zu irdischer Glückseligkeit statt Ausstellung eines Wechsels auf die jenseitige Seligkeit. Und ebenso ■ entschieden, wie das Moment des Menschlichen in den Erziehungsproblemen betont wurde, wurde auch als Objekt der | neuen Unterrichtsgrundsätze die ganze Menschheit angesehen. 1 Es war für jene Zeit eine Kühnheit sondergleichen, daß die j Juden aus dem Rahmen der ganzen Menschheit nicht heraustz fielen, und was mehr wert ist, man begnügte sich mit der jj