Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-17 · Heft 7 (17.2.1905) · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228644--61484-3275307
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

75 erzielten Vertrage, dessen Genehmigung der Reichskanzler im Interesse S des Vaterlandes für geboten erachtet, seine Zustimmung verweigern W solle; aber/darauf muß gesehen werden, das; dieser Sachverhalt in der fl Oeffentlichkeit nicht unterdrückt wird und das; wahrend der bevorfl stehenden zwölf Jahre ster Geltung des Handelsvertrages jede passende fl Gelegenheit nnt allen Kräften benützt wird, dem Prinzip dev Gleichfl berechtigullg der Konfessionen zum Ziele zu verhelfen, soweit in dieser fl Sache dem Prinzip entgegen gehandelt wird. * Ein ergötzliches Bild hat die antisemitische Presse anläßich der ungarischen Wahlen dargeboten. Die Einen haben die Niederlage der liberalen Partei, die Anderen den Sieg der oppositionellen Parteien den Juden in die Schuhe geschoben. Man ersieht allein schon daraus, wie lächerlich das ganze Gerede ist. Begreiflich ist es ja, daß noch immer nach zureichenden Gründen für das Phänomen des gewaltigen Rückgangs der Liberalen bei den letzten Wahlen gesucht wird. Natürlich ist man bei dieser Motivensuche nun auch bei den Juden angelangt. „Die innige Verschmelzung mit dem Judentum e," lesen wir in dem antisemitischen Wiener „Deuschen Volksblatt", „hat die Partei in weiten Schichten des magyarischen Volkes verhaßt gemacht und es ist nur dem Wahlsysteme Zuzuschreiben, wenn nicht schon längst in Ungarn eine starke antisemitische Partei entstand. Zu den Elementen, die die Hauptschuld an der Niederlage der Partei haben, gehört in erster Linie das Judentum. Es scheint sogar, als wenn die Liberalen sich dieser Gefahr bewußt gewesen wären und noch im letzten Moment von den Juden abzurücken versucht hätten." Am 20. Januar hat die zionistische „Welt" geklagt, daß das Wahlkomitee jüdische Kandidaten möglichst auszuschließen suche und. daraus folgerte ein anderes Blatt, daß in Ungarn eine ziemlich starke antisemitische Strömung vorhanden sei, der eine etwaige Erweiterung des Wahlrechtes erst die Möglichkeit freier Entfaltung geben würde. Die Tatsache aber, daß auch bei den diesmaligen Wahlen genau so viel Juden in den Reichstag gewählt wurden, wie voriges Mal, diese interessante Tatsache verschweigen die Gegner einfach, weil sie ihnen unbequem und in ihr Verleumdungscalcul nicht paßt. * Noch schlimmer steht es in dieser Beziehung um Rußland. Dort ist jetzt der Verleumdungsseuche Tür und Tor geöffnet. Und die europäische Antisemitenpresse ist mit im Bunde, durch allerlei erlogene Nachrichten dieses edle Werk tüchtig zu fördern. Daß aber wirklich die russischen Behörden es sind, vom Generalgouverneur bis zum letzten Pristaw herunter, die sich redliche Mühe geben, antisemitische Unruhen anzuzetteln, ist jetzt eine feststehende Tatsache, die von allen Seiten übereinstimmend berichtet wird. Die Aufforderung zum Mord der Juden wird von der Regierung wieder systematisch in die revoltierenden Massen in Russisch-Polen geworfen, schreibt ein deutsches Blatt. Vorige Woche mischten sich in Lodz Polizisten, die als Arbeiter verkleidet waren, unter die aus der Kirche strömenden Arbeiter und erzählten laut, die Juden hätten bei Lodz einen katholischen Geistlichen erschlagen, die Juden hätten auch das Kloster in Czenstochau (ein im ganzen Lande bekannter Wallfahrtsort) gestürmt. Man müsse nun endlich auf die Juden losschlagen. In Riga sprach auf dem Nikolai-Boulevard eist Arbeiter zu einer Menge von 10 000 bis 12 000 Menschen: »Ich will bloß einige Worte sagen über unsere Taktik. Ihr wißt, Brüder, daß heute die Polizei den Demonstranten auf der Moskauerstraße zugeredet hat, „die Juden zu schlagen." Damit wollte sie unsere friedliche Kundgebung in einen Pogrom (Judenhetzc) verwandeln, um uns einerseits in den Augen der ganzen Welt zu erniedrigen, andererseits aber um einen schönen Vorwand zu haben, sogleich gegen uns die Waffen zu gebrauchen. Wir aber haben nicht nur die Ruhe der Bürger nicht gestört, sondern sogar die Monopolbuden (die staatlichen Branntweinhandlungen) unangerührt gelassen. Ja, könnten wir Gewalt gegen unsere Henkersknechte gebrauchen, wahrlich, wir wären nicht zu edel, um es zu tunt Jetzt aber, wo wir den günstigen Augenblick verfehlt haben, um die Waffenmagazine zu überfallen und uns der Waffen zu bemächtigen, müssen wir unsere Kundgebung friedlich gestalten, um unnützes Blutvergießen zu vermeiden." Namentlich in Polen hat man es überall versucht, die große Bewegung in antisemitische Bahnen zu lenken. Gott sei Dank, daß dieser teuflische Anschlag völlig mißlungen ist. Aber die Zeche wird nach Ausgang der revolutionären Bewegung schließlich leider doch der Jude zahlen müssen. . * Namentlich der neue Generalgouverneur von Petersburg. General Trepow, gibt sich alle Mühe, die jüngsten Ausstände in Ost und West, Nord und Süd, den Engländern, den Japanern, den — Juden in den Schuhe zu schieben . . . Um letzteres beweisen zu können, bemüht er sich, recht viel Juden zu verhaften, um sie später wegen Aufruhr vors Gericht zu stellen. Das Weitere werden Untersuchungsrichter, Staatsanwälte und Gerichtsvorsitzende ä la Homel schon besorgen. Aus Petersburg, Warschau und dem polnischen Jndustriebezirk laufen Nachrichten von Massenverhaftungen unter den Juden ein. Von den auf den Straßen von Militär und Kosaken blindlings verhafteten Personen wird der größte Teil nach wenigen Stunden wieder entlassen. Nur die verhafteten Juden werden weiter in Haft behalten. Man merkt die Absicht des russischen Tschinowniktum, das mit letzter Kraft sich an ihrer ihnen entschlüpfenden Macht festklammern möchte. In Wirklichkeit nehmen die Juden an der sich drohend erhebenden Revolution nur minimalen Anteil. In Moskau und Petersburg, in Baku und Irkutsk, in Finnland und Sewastopel sind fast gar keine Juden vorhanden, und selbst im polnischen Jndustriebezirk, der sich zum Mittelpunkt der russischen Revolution auswachsen .will, sind nur sehr wenig jüdische Arbeiter, wie ja die Zahl der Juden als Fabrikarbeiter aus hier nicht näher zu erörternden Gründen in Rußland sich auf nicht mehr als 25000 beläuft. Was nun die Häupter der. Liberalen anbelangt, so sitzen in den Semstwos ja gar keine Inden und von den Intellektuellen hat sich nur der Exprofessor Hessen besonders hervorgetan und auch dieser ist — Exjude. Die anderen sind selbst ihrer Geburt nach Vollblutarier. Tut nichts, die Juden sind doch an allem schuld! Inzwischen laufen die jüdischen Deputationen, welche Mirskys Stelle von Trepow besetzt fanden, zu Witte, der aber allem Anscheine nach zurzeit in Petersburg wirklich nichts mehr sagen hat. Der Ministerpräsident ohne Portefeuille empfängt sie freundlich, erkennt alle ihre bescheiden auf die bloße Milderung der Maigesetze hinauslausenden Wunsche als vollberechtigt an, erklärt aber gleichzeitig, daß für die Erfüllung selbst dieser bescheidenen Forderungen die Zeit stoch nicht gekommen sei. Von Witte gehen die Deputationen, an das mit der Beratung von Reformen vom Zaren beauftragte Minister-Komitees Die ziemlich radikalen Beschlüsse dieses Komitees haben jedoch einstweilen nur akademischen Wert und wird es wenig bedeutenwenn man erfährt, daß dieses Komitee in seiner Sitzung vom 7. Januar lHJ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.