Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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KM N MNNWUWUWMWM .74 - y, v; ' früheren Debatte unternahmen, dafür aber -um sv wirksamer' ausgesprochen werden. (Siehe die „Woche"!) Was abep die Hauptsache ist-: Wann wird endlich die differentielle Behandlung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, die keine Kaufleute sind, bei der Reise nach Ruß- - land aufhören? ' Sollte man es wohl glauben, daß berühmte Aerzte, die . zu Kranken berufen werden, angesehene Juristen, die dort in wichtigen Notariatsgeschäften zu tun haben, gefeierte Künstterdie für die ersten Theater und Konzerte daselbst engagiert sind, keinen Paß nach Rußland visiert erhalten, wenn und - weil sie Juden sind? Das ist ein unerhörter Zustand, der nicht länger geduldet werden darf. Amerika hat auch in dieser Hinsicht die lobenswerte Initiative ergriffen und in der Tat auch für seine Bürger wenigstens die Zusicherung seitens der russischen Regierung erhalten, daß eine Revision der bezüglichen Paßvorschriften vorgenommen wird, die eine gleiche Behandlung aller Reisenden bezwecken soll. -Wann diese erfolgen soll, ist freilich nicht gesagt worden. Aber wir dürfen der amerikanischen Diplomatie vertrauen, die die Ränke und Schliche der russischen genau kennt und nicht ruhen wird, bis sie ihr Ziel erreicht hat. ' Kann es sich demnach Deutschland gefallen lassen, daß seine Bürger schlechter behandelt werden als die amerikanischen und englischen? Denn daß die englische Regierung an Rußland die gleiche Forderung stellen, wird, ist so gut wie sicher. Diese Frage sollten sich alle vorlegen, denen die Ehre Deutschlands und sein Ansehen im europäischen Konzert wirklich am Herzen liegt. An uns ist es aber, diese Forderung jetzt nachdrücklich zu erheben und nicht zu ruhen, bis aus diesem Gebiete die Gleichstellung erfolgt ist, auf die die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens nach der Verfassung und nach allen Regeln internationalen Verkehrs ein gutes Recht haben. Dir Woche. 3 Berlin, 14 Februar, m Reichstag haben natürlich bei der Debatte über die Handelsverträge fast alle Redner die Erleichterungen, welche den jüdischen Handlungsreisenden zugute kommen sollen, zur Sprache gebracht. Der freisinnige Abgeordnete Kämpf sprach seine Anerkennung dafür, aber auch sein Bedenken aus, ob die jüdischen Handlungsreisenden auch in bezug auf die übrige Behandlung gleichgestellt werden, worüber der Handelsvertrag schweige. Er mußte sich deshalb schon vom Zentrumsabgeordneten Speck sagen lassen, daß er sich der jüdischen Handlungsreisenden angenommen und die Landwirtschaft preisgegeben habe. Roch schärfer ging' der antisemitische Abgeordnete Zimmermann ins Zeug. Er sagte unter anderem: „Wenn die deutschen Juden in Rußland jetzt besser behandelt werden, so besteht die große Gefahr, daß wir gegen die russischen Juden nicht ordentlich, auftreten können. Mir werden also mit ausländischen Juden überschwemmt werden, das hat ein Artikel des „Grenzboten" schon ausgeführt. In Leipzig sind von den 10000 Juden 6000 im Auslande geboren. Warum macht die sächsische Regierung von ihrem Ausweisungsrecht nicht mehr Gebrauch? Bei dem Menschenaustausch der neben dem Warenaustausch doch auch eine große Rolle spielt, sind Oesterreich-Ungarn und Rußland uns gegenüber der gewinnende .Teil. Zu uns kommen diese Ausländer nur um zu schachern und ihre Lebenshaltung zu verbessern. Wir werden jetzt schon eine.Million Ausländer in dem Reiche haben. Die 'Rassenöernnschung » muß schädigend aus das Rationalgesühl wirken. Rußland besitzt Vorschriften gegen alte Ausländer, wir nicht." Wenn derselbe Abgeordnete in einem Zuge mach dieser menschenfreundlichen Aufforderung an die- Behörden von der ^Wahrung der idealen Güter" sprach, so kann das in der Tat weniger zum Widerspruch als zum Lachen reizen. Der Abgeordnete Singer hatte es leicht, diese Ausführungen. zu - widerlegen, obwohl es eigentlich unnötig gewesen ist. Zur Sache selbst bemerken wir nochdaß in Leipzig, wie uns von maßgebender Seite mitgeteilt wird, höchstens 8000, wahrscheinlich nur 7500 Juden und unter diesen wiederum höchstens 3000, wahrscheinlich aber nur 2000 bis 2500. russisch-polnische Juden wohnen. Wir erhalten zu der Angelegenheit der Handelsverträ ge von angesehener Seite noch die nachfolgenden zutreffenden Bemerkungen:. . - —t München, 5. Februar. Mehrere Blätter bringen über den Inhalt des der Beratung des Reichstages unterliegenden deutschrussischen Handelsvertrages Mitteilungen, die in verschiedenen Beziehungen der Ergänzung bedürfen. Wenn insbesondere mit Recht sicher die Verdienste des Centralvereins hervorgehoben werden, so entspricht es der. Pflicht der Dank? barkeit und unseren Interessen, jederzeit zu betonen, daß insbesondere die Reichstagsabgeordneten Kämpf, Vorsitzender der Corporation der Aeltesten der Kaufmannschaft in Berlin, und Dr. Müller (Sagan) in der 70. Sitzung des Reichstags vom 19. April 1904 in solch übersichtlicher, klarer und überzeugender Weise tdie bis dorthin in Rußland gegen die Reisenden jüdischer Konfession geübten Unbilden dargestellt haben, daß sich die Reichsregierung ihrer Verpflichtung zur Abhilfe gelegentlich des Abschlusses des neuen Handelsvertrages nicht weiter entziehen konnte. Daß die zwei Abgeordneten, auf denen bei der geringen Anzahl ihrer Fraktionsgenossen leider eine Unsumme von parlamentarischer Arbeit fortwährend lastet, das mühselig allerwärts zusammenzuholende Material sich nicht selbst erholen konnten, liegt auf der Hand. Der Dankbarkeit, welche wir ihnen schulden, wird deshalb kein Abbruch getan, wenn auch der verdienstvollen Männer gedacht wird,, welche bei ihren Reisen in Rußland unter den Unbilden, die den Juden dort zugefügt werden, gelitten haben, und welche zu charaktervoll stets waren, um sich diese Unbilden durch Verleugnung ihrer Religion zu ersparen. Würde nicht zu befürchten sein, daß der Bescheidenheit dieser Männer zu nahe getreten würde, oder daß sie in dem Lobe ihres charaktervollen Verhaltens, das die Verleugnung der angestammten Religion ihnen nicht gestattet hat, eine Kränkung ersehen, so würden wir uns nicht nehmen lassen, ihre Namen der historischen Wahrheit wegen sestzustellen. Dagegen muß leider daraus hingewiesen werden, daß die in der Zwischenzeit vom Reichskanzler bereits in der Reichstagssitzung hervvrgehobenen' im Interesse der deutschen Juden erzielten Errungenschaften überaus mäßig sind, wenn auch die Mühe der Erzielung dieser Errungenschaften noch sehr groß war und der den: Reichskanzler gebührende Dank für diese ihm nicht vorenthalten sein soll. Wenn nämlich auch die Steuer für Erteilung von Gewerbe-. scheinen künftig bei Juden und Christen in gleicher Höhe erhoben werden soll, so steht in dem Vertrage doch weiter, daß die lokalen Zuschläge für diese Steuer für Gewerbescheine unberührt bleiben sollen. Nun wird beispielsweise in Odessa von Juden ein mehrfaches der Staatssteuern an lokalen Zuschlägen gegenüber christlichen Reisenden erhoben und . ebenso ist es vielfach anderweitig. Außerdem dürften die Aufenthaltsbeschränkungen, welche durch lolale Anordnungen beispielsweise im Gebiete der Dottffchen Kosaken und des Kaukasus für Juden bestehen, durch den Vertrag kaum aus der Welt geschafft sein. Es liegt auf der Hand, daß wir Juden nicht jetzt allenfalls verlangen können, daß der Reichstag dem unter Aufwand aller Kräfte .