Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 luibecfirctieu, aber cs gehe nicht, an, die Angehörigen eines anderen. Glaubensbekenntnisses zn hassen, da Christus mit den Worten „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" alle Menschen ohne Ausnahme mit inbegriffen habe. Kürzlich erzählte Dekan Seeberger in Bamberg folgende Geschichte, die bezeichnend ist für die Gesinnung des Verstorbenen: „Bevor ich in Urlaub abreiste, brachte ich den; Erzbischof noch meine Glückwünsche zu seinem 50jährigen Priesterjubiläum dar. Ich glaube keine Indiskretion zu begehen, wenn ich erzähle, daß dieser hohe Herr mit bewegten Worten mir sagte, das; die Aufrechterhaltung des konfessionellen Friedens ihm ein Herzensanliegen sei. Aus innerster Neberzeugung konnte ich ihm erwidern': „Das wissen nur, Exzellenz!" Möge auch den Nachfolger des Verstorbenen dieser Geist der Friedensliebe beseelen! — Ein Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse", der den Erzbischof im Sommer in Brennerbad wiederholt sah und sprach, erzählt noch folgende Einzelheiten: Sehr erbittert zeigte sich Schork im Hinblick aus Wiener Zustände über das Zusammengehen eines Teiles des katholischen Klerus mit der Demagogie, und hier anknüpfend, bemerkte er: „Ihr Herr Dr. Lueger muß aber ein sehr gewandter Mann sein; er kam zu uns nach München behufs antisemitischer Propaganda und hielt eine Versammlung ab. Als er etwa zehn Minuten nach Beginn seiner Rede merkte, daß er keinen Anklang fand, wendete er sich prompt einem anderen Thema zn und sprach noch eine Stunde lang von allem anderen, nur nicht von den Juden. Er war doch nur aus die letzteren vorbereitet — das muß ein sehr schlagfertiger Herr sein! Ja," fügte der Bischof hinzu, „der Antisemitismus fällt bei uns in Bayern ans keinen fruchtbaren Boden, ich habe in meiner Diözese keinen einzigen antisemitischen Pfarrer. Vor nicht langer Zeit hatte ich eine Verhandlung mit einen; höheren protestantischen Geistlichen, welche diesem Anlaß gab, mich zu fragen, ob ich auch Antisemit sei. Ich antwortete: „Nein, und zwar aus drei Gründen: erstens bin ich Mensch und darf als solcher nicht hassen; zweitens bin ich Christ und muß als solcher meinen Nächsten lieben, und drittens" — hier wurde er heftig — „bin ich überzeugt, daß dieser Schlamm des Antisemitismus auch noch unsere heilige Kirche bespritzen wird." Und als dann der Lutheraner meine Argumente bekämpfen wollte und zu nörgeln fortfuhr, replizierte ich scharf: „Nun, ich habe nach einen vierten Grund: ich bin kein Antisemit, weil Sie einer sind." Oesterreich-Ungarn. lvcknngen vor; Kautionen, Veruntreuung anvertranter Gelder betrügerischen Heiratsschwindels und anderer Delikte befunden, und vor den Geschworenen verblaßte der Nimbus, mit dem sich der fromme Herr gern umgab, im Angesichte der krassen Betrugssälle, die ihm nachgewiesen wurden; unter den Geschädigten befindet sich auch der durch seine agitatorische Tätigkeit bekannte Pater Eichhorn. Metz, im Februab. Am 17. v. M. fand hier eine von den Vorsitzenden sämtlicher jüdischer Vereine einberufene gut besuchte Versammlung statt. Nach kurzen Ansprachen der Herren Dr. Julius Meyer und Raphael Bernard hielt Herr Arthur Meyerowitz aus Berlin einen Vortrag über den „Hilfsverein der Deutschen Juden, seine Ziele und Aufgaben." Der Referent wies auf die besonderen Ausgaben hin, welche dein Hilssverein in der Gegenwart zufallen und betonte insbesondere das freundschaftliche Einvernehmen zwischen dem Hilfsverein und der Alliance Israelite Universelle. Herr Dr. Shlvain Weil behandelte dasselbe Thema in französischer Sprache. In der darauffolgenden Diskussion wurde von den Rednern allgemein die Tätigkeit des Hilfsvereins anerkannt und es wurde beschlossen ein Provinzialkonütce für Lothringen zu bilde;;, den; fast alle Anwesenden sofort beigetreten sind. LH Wien, 6. Februar. Die traurigen Geschehnisse in Rußland haben bereits ihre Lösung gefunden — was dieselben herbeigeführt hat, nämlich, das hat mit richtigen; Blick unser B ü rg ermeister Lueger erkannt: Die russischen Juden haben das ganze eingeleitet,;;;;; auch in Rußland den mächtigen Einfluß zu gervinnen, .den sie bereits in der ganzen übrigen Welt genießen — wahrlich, wäre cs nicht so furchtbar traurig, man müßte lachen über diese kluge Auslegung des russischen Dramas im Sinne unseres über alles gerechten Bürgermeisters! — Eine sehr interessante Gerichtsverhandlung hat Sonnabend mit der Verurteilung des Angeklagten zu einer vierjährigen Kerkerstrase, verschärft durch Fasttage sowie dem Verlust des Adels ihren Abschluß gefunden. Der Angeklagte, Advokat Ritter v. Orlowski, den man in Polen „den Vater des Antisemitismus" nannte, und der sich der Gönnerschaft hoher geistlicher Würdenträger erfreute, hatte sich unter der Anklage zahlloser Schwindeleien, Heraus- 8'. Budapest, 5. Februar. Die Reichstagswahlen sind ganz anders ausgefallen als erwartet und von vielen gewünscht wurde. In den; neuen Reichstage sind nicht weniger Juden als in dem ausgelösten. Die Abgeordneten Theodor Wolfner und Berthold Weiß haben von vornherein die Annahme eines Mandats abgelehnt. Die liberalen Abgeordneten Paul Mandel, Arnim Neumann, Franz Heltai und Alexander Nagy sind n;it vielen andern Liberalen nicht wieder gewählt. Wiedergewählt wurden von der liberalen Partei Paul San'dor, Josef Veßi, Julius Rosenberg, Sigm. Nemes und Mor. Nevae, und von der Opposition: Oedve Barta, S. Bakonyi, S. Visonta, Mor. Szamari, Alex Nagy, I. Molnar, S. Kelemen, Mich. Szunyog und Aladar Rast. Neu-gewählt wurden Franz Chorin, der Sohn des gleichnamigen Magnatenhausmitgliedes, S. Fischer und Aladar Souwgyi. Der einzige sozialdemokratische Abgeordnete W. Vüsonyi siegte nach einem einnndvierzigstündigen Kampfe über den Minister Hieronymi. — Sarajevo, in; Januar. Die Juden in Bosnien und Herzogewina sind zum größten Teil Spaniolen. Frägt man dort einen Juden, was bist Du § So antwortet er: Ich bin Spaniole, und auf die Frage: Was sprichst Du, erwidert er: „en cljidio" — Jüdisch, worunter dort das Jüdisch-spanische verstanden wird. Das Jüdischspanische ist in diesen Gegenden noch korrupter als im Orient; es ist ein mit hebräischen, türkischen, deutschen, italienischen und kroatischen Wörtern gemischtes Spanisch. In Sarajevo wohnen 700 spaniolische Familien, sie besitzen eine neue Schule und einen neuen Tempel, in den; der Gottesdienst schon mehr den Anforderungen der Zeit entspricht. In den anderen vier Synagogen wird, der Gottesdienst noch ganz in „alter Weise" abgehalten. Die spanisch-jüdische Gemeinde besitzt auch mehrere Wohltätigkeitsanstalten. Die bedeutendsten sind: „La Benevolencia", deren Präsident der Bankier Salvador David Salon; ist, und „La Humanidad" unter dem Präsidium der Frau Reyna David Alealea. Eine spanisch-jüdische Zeitschrift „La Alborada" — „Die Morgenröte", welche unter der Redaktion des Herrn Abraham A. Cappon eine Zeitlang in Plojesti, dannn in Saravejo erschien, ist aus Mangel an Teilnahme wieder eingegangen. Lutzland. L. A. T. Odessa, 6. Februar. Aus den; Kriegsschauplätze ■ befinden sich gegenwärtig 30000 jüdische Soldaten, und mehr als! 3000 jüdische Aerzte. Der Militärarzt Dr. Rosenbluu; von hier : wurde vor kurzen; zun; Oberarzt eines Regi;nents in Mukden er- I nannt. — Die Witwe des im vorigen Jahre hier verstorbenen Philan-! tropen Moses Mendelevich hat dem jüdischen Hospital 35000 Rubel ■ geschenkt. — Die Lage der arbeitenden Klasse ist eine trostlose; das j Geschäft stockt, dazu der harte Winter und eine große Zahl von! armen Familien der jüdischen Reservisten, die einberufen wurden.! Die kriegerischen Ereignisse im fernen Osten, mit den unsere Stadt i seit vielen Jahren in kommerzielle Verbindung stand, haben Odessa; stark betroffen. Unter diesen Verhältnissen leiden selbstverständlich alle Wohltätigkeitsanstalten, die Not wächst mit jedem Tage. Nur ein baldiger Friede kann unsere einst so blühende Handelsstadt ausrichten. — Der 700jährige Todestag Moses Maimonides wurde in den hiesigen Synagogen feierlich begangen. Anch der bekannte Gelehrte U. Ginzberg (Achad-Haam) hielt kürzlich im jüdischen Verein „Beseda" vor einem zahlreichen Publikum eine treffliche Gedächtnisrede ans diesen großen Mann. — Das „Warschauer Tageblatt" bringt unter dem Titel: „Die Heldentat eines Juden ans dem Kriegsschauplätze" folgende Episode: Der Soldat Hornstein wurde mit noch einigen Soldaten von den Japanern gefangen genommen; der Ort, wohin er gebracht wurde, war von strategischer Beziehung sehr wichtig; außerdem tvaren dort große Vorräte von Proviant und Munition vorhanden. Hornstein zeichnete im geheimen die Lage der Ortschaft wie anch alle befestigten Positionen des Feindes. Den