Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · p. Seite 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228643--61474-3275296
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schreiner besaß vor mehr als 35 Jahren oben in Boryslaw ein Grundstück; dort kam in den Vertiefungen des Bodens oft eine fette, teerartige Masse zutage, welcher von den Bauern der Umgegend schon seit Menschengedenken eine besondere Heilkraft zugeschrieben und die von ihnen zum Auflegen von Wunden,. Geschwüre re. für Menschen und Tiere, übrigens auch als Wagenschmiere benutzt wurde. Abraham Schreiner kam auf die Idee, daß die in jener weichen Erdmasse enthaltene Flüssigkeit vielleicht noch anderweitig verwendet werden könnte; — er formte eine Kugel aus jenem Schlamm, zog einen Docht durch dieselbe, der Docht saugte die Flüssigkeit ein und brannte, angezündet, mit roter Flamme — jedenfalls die erste Petroleumlampe. Wie aber konnte man das Oel dem Boden entziehen? - Schreiner, nicht mehr und nicht weniger gebildet als alle Juden des damaligen Galizien, hatte wohl etwas von „destillieren" gehört, und kannte diesen Vorgang wahrscheinlich aus der Kartoffelspiritusbrennerei,, er wollte die Schlanmnnasse destillieren. Er kaufte einen großen eisernen Topf und stellte aus demselben, so gut er konnte, einen Destillierapparat her. Darauf wurde der Topf mit dem öligen Schlamm angefüllt, über ein Feuer gestellt und nun sollte das Destillieren losgehen, es ging auch los, d. h. der Topf sprang infolge einer Explosion in Scherben, und der arme Schreiner wurde hierbei am ganzen Körper fürchterlich verbrannt. Aber kaum geheilt, machte er sich, zähe wie sein Volk, aufs neue an weitere Versuche; er wußte sich einen wirklichen, wenn auch etwas kleinen Destillierapparat, wie ihn - die Apotheker in ihren Laboratorien haben, zu verschaffen, und erhielt auch von einem Pharmazeuten die nötigen Gebrauchsanweisungen. — Der diesmalige Versuch gelang besser, es resultierte aus demselben ein Destillat, welches sich als sehr penetrant riechendes, schmutzigfarbenes Oel darstellte, — das Petroleum war gefunden! Schreiner füllte das Oel in eine Flasche und verkaufte es im Jahre 1853 an den Apotheker in Drohobyez; er ist demnach nicht nur der erste, der Petroleum erzeugt, sondern auch der erste, der es in den Handel eingeführt hat. Er produzierte nun mehr von dieser Flüssigkeit, verkaufte j einige Flaschen an den Apotheker in Sambor, und einige Tage! später an den Pharmazeuten und Chemiker Nikolasen in Lem-! berg, einen Zentner um 15 Gulden; Herr Nikolasen, der sich für diese Angelegenheit ungemein interessierte, stellte aus dem dunkelfarbigen, ungereinigten Destillat eine vollkommen, farblose, klare Flüssigkeit her, ist demnach der erste Petroleumraffineur. In demselben Jahre soll die Kaiser Ferdinand-Nordbahngesellschaft in Wien durch ihren Inspektor Prokosch auf das neue aufmerksam gemacht, dasselbe zur Beleuchtung der Signale eingeführt und in den Jahren 1853 und 1854 ca. 300 Zentner zum Preise von 20 Gulden per Zentner aus Leinberg bezogen haben. Damit war dem Petroleum als Beleuchtungsmaterial der Weg in die weite Welt geebnet. Schreiner fing nun an, die Gewinnung des Petroleums in größerem Maße zu betreiben; es wurden Löcher in den Boden gegraben, in denen sich das Oel und Wasser ansammelte, dann 1856 die ersten Schächte; er richtete eine Destillation und Raffinerie ein, und war ans dein Wege ein wohlhabender Mann zu werden, als seine Anlage im Jahre 1866 abbrannte. Kaum waren die Bauten wieder aufgestellt, als eine Feuersbrunst sie abermals total einäscherte;, damit hatte Schreiner alles verloren; er war nicht nur arm, sondern auch alt geworden, überall regte sich die Konkurrenz, und es gelang ihm, trotz verschiedener Anstrengungen, nicht wieder, sich aufzurichten; heute ist er 70 Jahre alt, und lebt von den Einkünften eines kleines Schnapsladens. Mit Tränen in den Augen zeigte mir der alte Mann die amtlichen Dokumente, durch welche bestätigt wird, daß er der erste war, der im Jahre 1853 Petroleum zur Beleuchtung erzeugte und verkaufte; es ist demnach wohl völlig klar, daß die Petroleumindustrie in jenem Winkel Galiziens ihren Anfang nahm, da das erste amerikanische Petroleum im Jahre 1854 verkauft wurde, und die Amerikaner selbst den Geburtstag ihrer Petroleumindustrie auf den 27. August 1859 festsetzten. — Obgleich sich Schreiner also nicht nur um Galizien, sondern um die gesamte Menschheit verdient gemacht hat, ist er heute doch wenig mehr als ein Bettler; er erzählte mir, daß er sich um die Tabaktrafik in Boryslaw bemüht, auch eine Audienz beim Kaiser von Oesterreich erlangt habe, daß sich jedoch sein" bescheidener Wunsch nicht erfüllte. Andere Männer in Galizien, die ein oder zwei Jahre später als Schreiner Petroleum erzeugten, dann allerdings durch dasselbe reich geworden sind, ernteten aus ihren Verdiensten um die Petroleumindustrie Galiziens Anerkennungen und Ehren. Als ich den armen, gebrochenen Greis so vor mir sah, nahm ich mir vor, seine Geschichte zu verbreiten; vielleicht hört doch jemand davon, der imstande ist, dahin zu wirken, daß das an diesem Manne begangene Unrecht wieder gut gemacht werde. — Soweit Hugo Warmholz. Die Frage liegt nahe: Was ist aus Abraham Schreiner geworden? Vielleicht weiß jemand aus unserem Leserkreise darauf Antwort zu geben. Un drr Lllkllk. Geschichte eines Knaben. Von Esra Gvldin. Aus dem Hebräischen. VI. eb Chajim Melamed mochte etwa vierzig Jahre alt sein: er hatte ein braunes, blatternarbiges Gesicht, eine kleine, dicke Nase, Kinn und Oberlippe waren mit einem spärlichen Haarwuchs besäet, der nicht gedeihen wollte, trotz der Anstrengungen des Besitzers, der nicht müde wurde, an den einzelnen Härchen umherzutasten und zu ziehen, als wollte er ihr Wachstum auf diese Weise befördern. . . . Die abgetragenen, bescheidenen Kleider, die er anhatte, waren von der peinlichsten Sauberkeit; noch größere Sorgfalt verwendete er auf sein Schuhwerk, das stets blitzblank gewichst sein mußte und keinen Flick aufweisen durfte. Er führte eine streng fromme Lebensweise. In aller Frühe, mit Sonnenaufgang erschien er in der Synagoge, stellte sich bescheiden in einen Winkel hinter dem Almemor und sang hier Psalmen aus dem Buch, während er allemal in die daneben gedruckte volkstümliche jüdische Uebersetzung einen Blick warf. Sobald die zehn ersten der Frühbeter sich versammelt hatten, schritt Chajim zum Vorbeterpult hinan und rezitierte das „Kaddisch derabbonon" mit großer Sorgfalt, Wort für Wort betonend, „wie einer, der Dukaten zählt," dann kehrte er auf seinen Platz zurück und verrichtete voller Andacht sein Gebet. Seine Sprechweise war stets ruhig und gelassen, seine bescheidenen Gesichtszüge trugen den Ausdruck stiller Melancholie.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.