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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
Seite 69 (sequence 9)
Language
German
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69 „Werk" gelten lassen, denn es ist noch kein monumentales Denkmal einer reifen, abgeschlossenen Persönlichkeit, sondern enthält — neben kleinen und kleinsten Arbeiten, die alle sorgsam ausgenommen sind — vorerst nur eine „Reihe geistreicher, poetischer Blätter, delikat gezeichneter, witziger Einfälle, feingeschlisfener Bijous von entzückendem Charme". Sie zeigen aber alle die bewunderungswürdige Feinheit der Linie. Die Kunst der Kontraste und — was charakteristisch für Lilien ist — eine herrliche Schönheit des Körpers unter konsequenter Verleugnung der Sinnlichkeit. Das sind die unleugbaren, großen Vorzüge seiner Kunst,, die ihn zu einem anerkannten Meister der Illustration und vor allem der „Ex libris“ Zeichnung gemacht haben. Was er auf diesem Gebiete geschaffen, gehört zum besten der neuen Kunst; die hebräischen „Ex libris“ sind Kabinettsstückchen. Was uns dabei Lilien interessant und wert macht, das ist, daß er als erster „Jüdisches" künstlerisch gestaltet, daß er Uraltes schöpferisch verjüngt,, Unbeachtetes und Ungeahntes, Jahrtausende lang Schlummerndes zu neuem, blühenden Leben erweckt. Die alten Majuskeln, Geräte, Wahrzeichen und Symbole einer großen Vergangenheit läßt er in moderner Umbildung erstehen, das Nationale in ornamentaler Verwertung "wirken. Er hat für dies alles eine persönliche Note gefunden, die uns ungewöhnlich sympathisch berührt. Er zeichnet Juden weder leis karrikiert noch sacht idealisiert wie biblische Patriarchen in hellenischer Gewandung, sondern so wie sie ein jüdischer Künstler mit dem Auge und dem Herzen seines Volkes erblicken und mit seiner von der Liebe geführten Hand zeichnen m u ß. Wenn man manche seiner Zeichnungen sieht, wie das Gedenkblatt zum fünften Zionistenkongreß, den jüdischen Mai, Ellulmelodien und vor allem Passah und das Gedenkblatt für die Toten von Kischinew, so muß man rückhaltlos — abgesehen von der genialen Wirkung bei einfachsten Mitteln — eingestehen: so hat man sich diese Darstellungen gedacht, so sind sie nicht bloß ein ergreifender Ausdruck, sondern auch eine hochpoetische und doch künstlerisch wahre Gestaltung von Gedanken, die unserem Herzen entstammen. . Hier liegt die Stärke und die Originalität seines Talentes, hier fließt der Quell seiner Begabung am reinsten und mächtigsten, so daß er uns gewähren kann, was wir brauchen, wonach, wir uns sehnen und was einen neuen Pfad uns eröffnen kann — zur Belebung der Religiosität auch durch die Kunst. Das wäre eine neue Renaissance. Was wir in der Religion an bildender Kunst aufzuweisen haben, ist mehr als bescheiden. Einen Einfluß hat sie nie ausüben können. Lag das allein an dem „Kunstparagraphen" in unserem Ritualkodex, dem 8 141 des Schulchan Arucli, Jore dea? Wer hat den eigentlich „abrogiert", wie man in der Sturm- und Drangperiode zu sagen pflegte? Was macht die konsequente Orthodoxie mit ihm? Oder liegt er jenseits der „110 Paragraphen"? Sollte er auch schon bei unseren östlichen Brüdern in milderer Praxis gehandhabt werden? Zweig hat Recht, wenn er sagt: „In Litiens Hand hat sich für viele zum ersten Male die Flamme der Kraft entzündet. Die Kongreßkarte, die fern im tiefsten Rußland einer empfängt und staunend im Dorfe umherzeigt, ist der erste Strahl künstlerischer Kultur, die ihnen von allem Anbeginn in die Augen geleuchtet." Die Kunst hat im Judentum der Gegenwart auch eine Mission und es ist eine verlockende Perspektive, sie in den Dienst unserer Religion gestellt zu wissen. Lilien müßte die Bibel' illustrieren! Das müßte er als „sein Werk" betrachten. Hat schon ein Jude das jüdischeste Buch illustriert? Typisch müßte die Illustration sein, nicht wie früher gleichsam interkonfessionell, so daß man sie für jede Uebersetzung verwenden könnte. Und dazu gehörte dann auch eine Ueberfetzung, die auch ein Kunstwerk sein müßte, in der Form auch den ästhetischen Genuß bietend, den der Urtext dem Kenner bereitet. Und wenn dann der Ewigkeitsgehalt der Bibel, in das Gewand künstlerischen Wortes und Bildes gekleidet, neu erstände, würde nicht das Auge gefesselt und das Herz ergriffen werden? Aber vorerst will Lilien die „Hagada" künstlerisch gestalten. Das ist ein glücklicher, fruchtbarer Gedanke, in dem Lilien nachhaltigst bestärkt werden muß. Das Buch aber müßte „bis in seine innerste Seele Einheit sein mit seiner Gestaltung, so daß jede Kostbarkeit abstrakter Schönheit sich mit einer Linie vermählen müßte, die ihren vergeistigten Wert erfüllte." Bei aller Rücksichtnahme und Schonung des Hagadatextes müßte aber auch an eine Umarbeitung gedacht werden, die auch dem talmudisch ungeschälten Leser die Ideen der Hagada in modernem Gewände zugänglich machte; der Gehalt der uralten Goldbarren müßte in moderne Münze umgeprügt werden, damit sie gangbar würdet) Damit würde der Dank gar vieler erworben werden. Möge Lilien diese Sehnsucht erfüllen. Er kann es. nzb Dnybtp p. Dann wird, was jetzt noch Hoffnung ist, Wirklichkeit werden. Drr Erfinder des Krtroleums. 3N einem älteren Jahrgange von ..Vom Fels z»in Meer" teilt Hugo Warmholz folgende Tatsache mit, die die Leser dieser geschätzten Zeitung sicherlich interessieren dürfte: „Unter anderem besuchte ich die Fabrik der Firma Gartenberg, Lauterbach, Goldhanuner & Co. in Drohobycz, Galizien, wo der Direktor Em. van Haecht, ein liebenswürdiger Belgier, mir die Gewinnung, Zubereitung rc. des Petroleums auf das eingehendste erläuterte. Wir kamen auch auf die Entstehung der Petroleumindustrie zu sprechen, und er war außer sich über die Amerikaner, welche auch da das Recht der „Ersten" für sich in Anspruch nehmen. In seiner Entrüstung rief er mir zu: „Ich werde Ihnen den Vater des Petroleums vorstellen; dem Manne ist das himmelschreiendste Unrecht geschehen, denn er ist es, der das erste Petroleum durch Destillation erzeugt und es in den Handel gebracht; ihm hat die Welt diese große und wertvolle Industrie zu verdanken, durch welche viele steinreich geworden sind, während er selbst heute ein Bettler ist." Nach wenigen Minuten schon kam er an, der „Vater des Petroleums" im zerschlissenen, aber sauberen Sabbatgewand, das den Typus der galizischen Juden tragende Gesicht von Narben durchfurcht; der Mann heißt Abraham Schreiner, steht vor der Schwelle des Greisenalters, und was er durchgemacht hat, ist wohl interessant und der Erzählung wert. h Allgemeine Verbreitung verdiente die Gewohnheit des Herrn Seminarrabbiners Dr. Lewy statt 3" lesen Ies. 2, 1—4. Vgl. dessen vortrefflichen Vortrag: „Das Ritual des Peftach-Abends" S. 21. Programm des Breslauer Seminars 1904.

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