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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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bekenntnisse? Sieh, Ulrike, so wahr dort die Scheibe des Mondes unter den Wolken steht, diese Welt, wie wir Menschen sie in unserer Verblendung und Leidenschaft zun: Tummelplatz unserer Verirrungen, Verbrechen und Mißbräuche veranstaltet haben, wird noch einmal vor ihrem Untergange zu ihrer ersten Bestimmung ein Paradies für die Lieblinge der Gott- - heit zu sein, zurückkehren! Wo nicht, dann Fluch ihr! Dürfen, uns Religionen trennen? Sind Religionen das, was sie sein wollen, wenn sie zwischen Menschen und Menschen Schranken stellen?!" Lea Osmund ist, wie sich aus den gelegentlich gemachten Notizen ergibt, nicht die einzige jüdische Figur, die in dem Romane vorkommt. Vielmehr wohnt sie in den drei Städten in denen sie erscheint, bei nahen Verwandten: rn Wien be Wertheimer, in Bayreuth bei dem Kammerpräsidenten Säckel, in Frankfurt bei Amschel Futd. Nun könnte man ja denken nach dem Gesetze der Kontrastwirkung, daß im Gegensätze zu der voni Licht umstrahlten Hauptperson ihre Glaubensgenossen in desto tiefere Schatten rückten; aber dies ist nicht der Fall Vielmehr erscheinen die erwähnten Juden als kluge Geschäftsmänner, die Frauen als wenig gebildete, aber durchaus nicht als hochmütige oder unangenehme Personen (Emanuel Osmund damals ja ein Kind, wird nicht sonderlich ausführlich charakterisiert'). Der wirklichen Größe des Wiener Wertheimers wird der Verfasser freilich nicht gerecht; bei den anderen gibt er sich, da sie meist nur episodenhaft Vorkommen, nicht allzu viele Mühe mit der Charakteristik. Auch der bayveuthisch» Rrsiden ist eine historische Person; wie weit freilich bei ihm oder auch bei den Frankfurter Juden historische Notizen verwertet sind, vermag ich nicht anzugeben. Gut geschilder ist die Figur des Isidor Prager, des Konkurrenten des Moses Säckel in Bayreuth, eines schlauen Intriganten, dem alle Mittel zur Erlangung des Reichtums recht sind, der in Momenten wirklicher Gefahr den Kopf verliert und in erbärmlicher Feigheit nur auf seine eigene Sicherheit bedacht ist. Man sieht aus diesen Darlegungen, welch breiten Raum die Juden in diesem merkwürdigen Buche einnehmen. Ich kenne nicht viele Beispiele, daß eine Jüdin eine so vornehme Rolle in einem deutschen Roman spielt. Man braucht bei dieser Gestalt freilich nicht ängstlich nach der historischen Grundlage zu suchen. Wenngleich Gutzkow nach der schlechten Manier einer Louise Mühlbach u. a. bei einzelnen Vorfällen, Urkunden, selbst Worten die Note: „geschichtlich, wirklich wahr" oder ähnliches hinzu fügt, die Gestalt der Lea ist ziemlich frei erfunden. Die Biographen Jean Pauls berichten nichts von ihr; das wenige, was wir von Emanuel Osmund geschichtlich erfahren, gibt von dieser treuen Pflegerin seiner Jugend, die als ihre einzige Lebensaufgabe betrachtet, den Knaben zum Manne heranzubilden, keine Kunde. Die Erfindung dieser stolzen, geistreichen, schönen, entsagenden Frau gereicht Gutzkow zur Ehre. Nicht bloß diese Hauptperson und die schon erwähnten Nebenfiguren zeigen des Dichters Interesse für jüdische Dinge. Ueber die Lage der Juden in Wien, Bahren th und Frankfurt über den Haß der Kaiserin Maria Theresia gegen die Juden wird manche Bemerkung .gemacht, die unmöglich hier einzeln aufgeführt und auf ihre Richtigkeit geprüft werden kann. ') Es braucht Gutzkow kein Verbrechen daraus gemacht zu werden, daß er hier die Zeiten etwas vermengt. Nach ihm ist Emanuel 1763 ein zehn- bis fünfzehnjähriger Knabe; danach müßte er 1795, als er mit Jean Paul in Verbindung kam, ein Vierziger gewesen sein; doch wird er von den Biographen als ein jüngerer Mann dem Dichter egenüber bezeichnet, der 1763 geboren war. Nur eine Stelle verdient eine. Erwähnung; sie lautet: „Die Boten der Turn und Taxissichen Post hatten' verhältnismäßig in Frankfurt nirgend mehr Briefe zu besorgen, als in die enge Judengasfe. Das Volk des ewigen Manderns wurde auch das Volk der Kommunikation, die Familie des Juden ist weit verzweigt und den gewonnenen Freund hält der Jude fest. Schwung des Handels macht sich durch ein Hasten an der Scholle nicht. Konjunktur, günstige Gelegenheit — das ist der neckende Kobold, der sich bald hier, bald dort versteckt. Während der Christ mit der Zeit immer mehr Pfahlbürger wurde, wurde der Jude der Kenner der Welt. Und wohin ihn nicht der Handel, nicht die Familie, nicht ein wohlberechnetes Schließen seiner Ehebündnisse trieb, dahin trieb ihn die Religion. Wer hat dargestellt, wie jahrhundertelang, während Lothringen - vom deutschen Reiche losgerissen und völlig französiert wurde, gerade die Judengemeinden, die Synagogen von Metz und Ranzig den Zusammenhang mit Worms, Bonn, Frankfurt a. M. und mit deutschem Wesen überhaupt unterhielten?" Eine solche Stelle bekundet, daß Gutzkow in der Tat ein tiefes Verständnis für die kulturhistorische Stellung der Juden besitzt. Aus diesem Grunde kommt dem Romane Fritz Ellrodt, so viel man auch historisch, ästhetisch und sprachlich dagegen einwenden kann, eine gewisse Bedeutung unter seinen Werken und in der deutschen Literatur überhaupt zu. In dem noch zu schreibenden Werke: „Die Juden in der deutschen Literatur" müßte dieser Roman eine hervorragende Stelle einnehmen. lk. M. £W\m: Sein Wlrrk.' Von Dr. M. Doctor-Brnchsal. mag man die soziale Seite des Zionismus, wie immer auch betrachten, mit dem merkwürdigen Lächeln gegenüber der Utopie oder dem schöpferischen Eifer der Begeisterten — zugestehen muß man, daß er schlafende, künstlerische Werte geweckt hat. Neue kulturelle und nationale Probleme sind aus seiner Gestaltung aufgeleuchtet, die Ideen jüdischer Kunst und nationaler Kultur, die selbst noch Traum und Möglichkeit sind, ein wegloser, urwaldwirrer Pfad von verführerischer grandioser Schönheit. Und Lilien ist der e r st e, der ihn gegangen. Einer der ersten war er auch, die den zionistischen Ideen unterlagen, denn ihn mußte man nicht das Judentum lehren, sondern den bewußten Stolz." Diese Gedanken entwickelt Stefan Zweig in seiner geistreichen Vorrede zu Liliens „Werk", dem der Verlag eine hervorragende Ausstattung gegeben. Die Frage, ob es nicht ein wenig früh gewesen ist, schon jetzt von dem „Werke" Liliens zu sprechen» wollen wir nur streifen. Lilien ist noch ein Werdender und das Werk eiue§ Werdenden wird erst dann Anspruch aus vollgültige Beachtung und Bewertung erheben können, wenn es eine verheißungsvolle Einleitung zu einer „Tat" ist. Lilien hat nun die moralische Verpflichtung 511 halten, was sein Werk verspricht, nur dann wird es als berechtigte zusammensassende Aeußerung eines künstlerischen Könnens angesehen werden dürfen und nicht allein als der Ausdruck eines — wenn auch begreiflichen — Wunsches seiner Freunde, einem der Ihrigen die allgemeine Aufmerksamkeit zuzulenken, nachdem er einem kleineren Kreise ein hochgeschätzter Bekannter geworden ist. Also, als Anweisung für die Zukunft kann man sein ') Verlegt bei Schuster und Löffler. Berlin und Leipzig 1903.

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