Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
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67 weil in ihnen diejenige Frau erscheint, die als eigentliche Heldin des Romans bezeichnet werden kann: Lea Osmund. Dieser Name gibt den literatursreundlichen Lesern vielleicht schon an, in welcher Zeit der Roman spielt, in welche Umgebung und Geistesrichtung wir geführt werden. Lea Osmund ist die ältere Schwester jenes Bayreuther Kaufmanns Emanuel Osmund, der als Freund Jean Pauls auch einen kleinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte einnimmt; es handelt sich also um die 70 er Jahre des 18. Jahrhunderts, um die Mendelssohnffche Zeit. Die Heldin wird sehr stimmungsvoll eingeführt. Ein Haufen betrunkener verabschiedeter Offiziere verfolgt in Wien eine verschleierte Jüdin, die auf der Straße von einem Diener begleitetruhig ihrer Wege geht, und wird von Fritz Ellrvdt, der als bayreuthischer Gesandter in Wien lebt, befreit. Ihr Onkel Wertheimer leistet dein Netter finanzielle Dienste, und bittet ihn, um einen Besuch in seinem Hause. Der Besuch erfolgt, wobei Ellrodt alte Freunde antrifft, von denen einer, der bekannte Schriftsteller Meinhard, Uebersetzer italienischer Poesien, Aesthetiker und Belletrist, sich in hoffnungsloser Leidenschaft für Lea verzehrt. Lea macht sofort auf Fritz Ellrodt einen großen Eindruck. Hier mag die Schilderung Leas nach den Worten Gutzkows folgen, nicht etwa um ein Kabinettstück mitzuteilen, sondern im Gegenteil, um an einem Beispiele die ungefüge Schreibweise eines bekannten deutschen Autors zu zeigen, von der man nur annehmen kann, daß sie durch eine unverzeihliche Nachlässigkeit entstanden ist: „Lea Osmund war eine hohe, schlanke, man hätte sagen können, durchgeistigte Erscheinung. Alles an ihr war zart, ohne mager zu erscheinen, ohne eckig oder spitz zu sein. Die weißen Hände zeigten die Finger, lang und schmal. Ihre Schultern standen inr schönsten Verhältnis zu den Hüften, die in damaligem Geschmack durch einen Jupon gedeckt wurden. Die Taille war zum Umspannen. Der Kopf trug die entschieden orientalische Zeichnung, doch im schöneren Sinne. Die Stirn verband' sich mit den Schläfen nicht durch eirunde Wölbungen, sondern durch länglich ovale. Die untere Lippe trat ein wenig vor, wie die ganze untere Partie des Kopfes, wodurch in der Regel Leidenschaft ausgedrückt wird. Hier, wo der vorgestreckte Bau im haruwnischen Verhältnis zum Oval der Wangen, zur schön geschweiften Nase, den Lippenwinkeln stand, bedeutete diese entschiedene Form nur Charakterstärke, festen Willen. Ein gewisser Hauch, ein Schmelz, wie die Haut auf Pfirsichen oder wie die Milde des Wachses auf plastischen Kirchengebilden besseren Geschmacks lag auf der Haut des allziehenden, schon über die Zwallzig gelangten Mädchens, das seine charaktervolle Art nicht etwa in pedantischer Strenge verriet. Im Gegenteil, es lag eine bezaubernde Milde, eine inlmer lächelnde Anmut auf den Gesichtszügen Leas." Die Aninllt ihrer Erscheinling wirkt auf Ellrodt' ebenso wie die Fülle ihres Geistes. Es komnlt zu illanchen Zusammenkünften, wobei freilich der schon genannte Meinhard mit seinem Zögling, Graf Moltke, sich beteiligt. Ellrodt muß wegen dieses seines Verhältnisses im Kreise der Fürstiil Liechtenstein, in denl er viel verkehrt, nlanche Spöttereien erduldeil. Einige Zeit darauf illuß er sich auf seinen Postell in Bayreuth zurückbegeben, hegt aber die Hoffnung, die Seelenfreundin dort im Hause ihres Verwandten, des Hoffaktors Moses Säckel, wiederzufinden. Diese Hoffnung erfüllt sich, aber auch in Bayreuth wie in Wien kann llnd muß Fritz Ellrodt als Schutzgeist wirken. Zwar gilt cs nicht eine, persönliche Unbill abzuwehren, die dem Mädchen zugefügt werden soll, sondern einen von den Gewalthabern planmäßig vorbereiteten Ueberfall, der zunächst auf Säckels. Schätze abgesehen ist, aber auch der Sicherheit und vielleicht dem Leben der Hausbewohner Gefahr bringen kanll. Freilich den Verlust des Geldes vermag er nicht zu hindern ilnd er, der Minister, der Sohn des früher allgelvaltigen Herrschers im Lande, ist machtlos gegen die Kamarilla, die sich des schwacheil Markgrafen vollkommen bemächtigt hat. Doch ist er jedenfalls imstande, Lea aus dem gefährdeten Hause zu befreien und bringt sie in Sicherheit bei seinen nächsten Verwandten, der Familie des Oberhofpredigers, wo sich zwischen seiner Cousine Sannchen und der schönen Jüdin bald eine harmonische Verbindung entwickelt. Trotz der Klatschsucht der kleinen Stadt weiß Fritz Ellrodt den Umgang mit der Freundin zu pflegen, Spaziergänge mit ihr zu veranstalten. Bei ihm Unmut es zu wärmeren Gefühlen, obgleich er weiß, daß eine adelige Dame Ulrike Löwenhaupt ihn schwärmerisch liebt, daß er allgemein als ihr Verlobter gilt; Lea dagegen, die von Isidor Prager zur Gattin begehrt wird, eine Verbindung, die von ihren Verwandten außerordentlich begünstigt wird — schwelgt nur in einem Seelenbündnis. Sie ist die Stärkere, die die leidenschaftliche Aufwallung des Freundes zurückzudämmen weiß und die hauptsächlich um ihren Freund freizugeben, den Aufenthalt in Bayreuth mit dem in Frankfurt vertauscht. Aber auch dorthin, wo sie in der Judengasse bei ihrem Onkel Amschel Fuld wohnt, kommt Fritz Ellrodt, nicht etwa bloß aus Liebessehnsucht, sondern in offizieller Stellung, als Vertreter seines Markgrafen bei der Kaiserkrönung. Auch dort vermag er wieder seine Rolle als Schutzengel zu spielen: es gilt, die Freundin zu bewahren vor den Zudringlichkeiten eines Herrn von Trützschler, eines übrigens sehr gut gezeichneten gewissenlosen Schmarotzers, der eine zeittang in Bayreuth zur. größten Macht auffteigt, um dann die gebührende Strafe zu erleiden. Dieser will Lea in schlechte Gesellschaft führen, sein Versuch scheitert an Ellrodts Dazwischentreten. Durch das neue Zusammensein mit Lea wird nun bei Ellrodt die Schwärmerei und Leidenschaft hell angefacht, llnd doch ist dieses Zusammensein in Frankfurt, das so angeregt ist, als wenn dadurch die Erreichung des Lebensglücks beider Personen gewährleistet würde, der Anfang vom Ende. Lea nämlich, durch einen Brief des vorhin schon kurz erwähnten merkwürdigen weiblichen Faktotums am bayreuthischen Hofe darüber unterrichtet, daß Ulrike Löwenhaupt sich in Liebe zu Fritz Ellrodt verzehrt, und durch eigene Erwägung dahin gebracht, daß ein Ehebund zwischen ihr, selbst wenn sie die Taufe annähme, und dem Geliebten, beiden keinen Segen bringen könne, tritt freiwillig zurück, ja, drängt den Geliebten dazu, das adelige Mädchen zu heiraten und sich dem Dienste seines Vaterländchens zu widmen. Sie verschwindet aus der Geschichte, man hört nichts weiter vonihrem Schicksal. Bei einem Gespräche mit seiner Gattin aber definiert Fritz Ellrodt die Wirkung, die die schöne Jüdin auf ihn geübt hat, mit den Worten: „Ich verdanke dieser Jüdin die Wiedereroberung meiner Jugend! Sie hat mich in Welten blicken lassen, die mir bis dahin verschlossen geblieben waren, Welten, die ich noch vielleicht ohne sie gesehen haben würde, dann aber vielleicht verkannt, vielleicht bekämpft. Was ich in der Laufbahn, die mir mein Vater eröffnete, nie bemerkt, inr Formendionst der Hosetikette, im oberflächlichen Getändel des Salons nie beobachtet haben würde, das zeigte sie mir! Es weht jetzt ein neuer Frühling durch die Geister, von dem wir in unseren von Kerzenlicht qualmenden Hofsälen keine Ahnung haben!" Und als Ulrike Anstand nimmt, Lea, wenn sie etwa nach Bayreuth käme, zu empfangen, fährt Ellrodt fort: „Warum nimmst Du Anstand? An ihrer Herkunft, ihrem Religions- > ■»r. 1 .vV. ’■„ ^;