Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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64 Anerkennung für das kanadische Judentum, das im vollen Gegensätze zu den englischen Juden die Gefahr, welche dem Lande von seiten der ungebetenen Gäste der jüdischen Paupers drohe, rechtzeitig erkannt hat. Der angerusene Lord Mayor wandte sich aber an den Generalgouverneur und bat ihn, schleunigst Maßregeln zur Erschwerung der Immigration zu treffen. So hat ein Jude selbst in seinem törichten Eifer der jüdischen Immigration einen Bärendienst geleistet. Für die bereits eingetroffenen Emigranten hat die Regierung freilich trefflich gesorgt. Sie hat sie in Quebeck in einem Asyl untergebracht, wo sie bis zum Beginn der Feldarbeiten im April Obdach und Nahrung erhalten. Der Baron Hirsch-Fund ist entlastet, die jüdische Immigration aber hat ein Land weniger, um den müden Schritt unglücklicher Juden dahin zu lenken. Lriek aus Orktrrreich. Mitte Januar. eschlechter gehen, Geschlechter kommen — gerade so machen es bei uns auch die Ministerpräsidenten; — also Korber ging, und Gautsch kam.' Einige meinten allerdings etwas voreilig, Wittek, der Spezialsreund Luegers, werde kommen, aber soweit sind wir in Oesterreich noch nicht gelangt; auf Lueger und seine Freunde sind wir noch nicht gekommen. Warum aber ging Korber? Müßige Frage, sagen die einen, er fiel über die Tschechen; nein, er fiel einer Budgetfrage zum Opfer, sagen die anderen, die dritten aber, und vielleicht sind dies die Wissenden, meinen, Körber hätten weder Tschechen, noch Budgetfragen gestürzt, sondern ein „Alldeutsches Tagblatt". Wie, fragen wir, sind die Alldeutschen und ihre verkrachten Blättchen bei uns fähig, sich den Luxus des Ministerstürzens zu erlauben? Keineswegs. Die Sache verhält sich so: „Besagtes „Alldeutsches Tagblatt", Nachfolger von „Ostdeutscher Rundschau" unseligen Angedenkens, Leibblatt des geschiedenen Ehemanns Wolf, des großen Brüllers, leistete sich eines Tages in der „Los von Rom"-Laune einen Angriff auf ein katholisches Bekenntnis. Darauf großer Lärm im Lager der Klerikalen. Lueger und der Wiener Erzbischof rufen ihre Mannen auf zum Kampfe. Der Ministerpräsident, ohnehin schon der vielen Kämpfe müde, im Bewußtsein, daß er Oesterreich aus dem Sumpfe nicht retten kann, in dem er steckt, wird nun beschuldigt, dem „Alldeutschen Blättchen" nicht kräftig genug entgegengetreten zu sein, als es den Katholizismus angriff. Und so siel er denn, nämlich der Ministerpräsident, und mit ihm der Staatsanwalt, Vobies heißt der Wackere, weil sie Luegern und dem Wiener Erzbischöfe und den höchsten klerikalen Kreisen nicht geholfen, den Katholizismus in Oesterreich zu retten. — Ist das nicht als lebte der Froschmäusekrieg wieder aus? Was wird man von dem Riesen sagen, der es dem Genossen verargt, daß er ihm nicht zu Hilfe gezogen sei, zum Kampfe wider den Zwerg? Und der Katholizismus ist bei uns der alles beherrschende Riese, sagen wir: der Klerikalismus ist^s, und der bedurfte zu seinem Schutze gegen das Zwerglein, genannt „Alldeutsches Tagblatt", einer Hilfe. Man sieht, Oesterreich ist noch immer das Land der unbegrenzten Unwahrscheinlichkeiten und Lächerlichkeiten. Wir Juden werden täglich angegriffen, in den Zeitungen, Schulen, Gemeinderäten, Parlamenten, Volksversammlungen, Landtagen rc. Wer schützt uns? Wurde schon ein Staatsanwalt abgesetzt, weil er einer Zeitung nicht wehrte, die zum Boykott gegen die Juden ausforderte? Lueger hat dies in den verflossenen Tagen getan, seine Zeitungen schrien ihm nach: boykottiert sie, boykottiert sie. Hat sich eine Zunge für uns gerührt, hat uns jemand geschützt, hat jemand für uns gesprochen? Wie viele Staatsanwälte hätten schon fallen müssen, die es nicht der Mühe wert gefunden haben, Blätter zu konfizieren, die zum offenen Kampfe gegen die Juden aufforderten. Ja, Bauer, das ist etwas anderes. Es sind nur Juden. Aber die Kirche, die allgewaltige, die allmächtige, sie beschwört Himmel und Hölle, wenn es ein obskures Blättchen wagt, seine gewiß unmaßgeblichen Aeußerungen über ihre Einrichtungen zu machen. Man soll religiöse Gefühle schonen, und Institutionen der Religion nicht angreifen. Dieser Meinung sind wir auch. Aber was dem einen recht ist, muß dem anderen billig sein. Darauf baut sich der Rechtsstaat auf. Freilich haben die „Oberhäupter" bei uns auch wenig Zeit, sich nur den Schutz des Judentums zu kümmern, sie müssen die kostbare Zeit mit ihren Katzbalgereien verbringen. Wir aber denken, es wäre heute an der Zeit, endlich den Kleinkrieg in unserer Mitte in einen ewigen, festen Frieden zu verwandeln. Dieses fortwährende sich Verkleinern, das bei uns so in die Mode gekommen ist, hat nur ein zweifaches bewirkt: Einmal freuen sich darob unsere Feinde, und dann hat es zur Befestigung der Treue und Anhänglichkeit für unser Judentum gewiß nicht beigetragen. Wenn insbesondere unsere Jugend sieht, wie kleinlich oft diejenigen sind, die unsere Führer sein sollen, kann man sich da wundern, wenn sie von einer Sache abläßt, die sie nicht für die beste hält? Lernen wir doch von den anderen. Wenn es gilt, die Religion zu schützen, da erheben sich Hunderttausende, die Führer an der Spitze, um abzuwehren und zu verteidigen. Will das Alter nichts mehr tun, ist es dazu zu schwach oder zu träge geworden, dann ziehe es sich zurück und überlasse die Arbeit der Jugend. Selbst aber nichts tun, und es der jüngeren Kraft Vorhalten, weil sie mit Feuereifer sich ins Zeug legt, das heißt doch sein Interesse, über das der Gemeinsamkeit stellen. An unsere Streitigkeiten hat Jesaias gewiß nicht gedacht, als er das Gleichnis vom „Kopf und Schweife" prägte. Und dann hüten wir uns noch vor einem anderen falschen Vorgehen: Wir sind heute gewohnt, was wir nicht als richtig erkannt haben, auch bei anderen als unrichtig zu bezeichnen, weil es uns nicht also erscheint. Von diesem subjektiven Standpunkte müssen wir uns entfernen und, selbst wenn wir mit den: Wirken mancher Personen nicht einverstanden sind, ihre Tätigkeit doch unterstützen, wenn wir sie als zum Wohle der Gesamtheit ersprießlich erkannt haben. Grade dadurch ist der Katholizismus groß und mächtig geworden. Hier tritt wirklich die Personenfrage hinter die Frage des allgemeinen Jnteresfes zurück. Jeder, der heute im Judentum in Wort und Tat zu dessen Wohle beiträgt, muß von uns allen geschätzt und gefördert werden. Verletzte Eitelkeit aber, Mißgunst, Neid, Verkleinerungssucht, sie richten in unserer Mitte größere Verheerungen an, als es selbst die Judenfeindlichkeit von außen vermag. Wenn wir also zum Ausgangspunkte unserer diesmaligen Betrachtung zurückkehren, so ergibt sich daraus: mögen Körber und sein Staatsanwalt darüber gefallen sein oder nicht, daß sie allzuwenig die Sache des Katholizismus schützten, aus der einmütigen Abwehr der Angriffe gegen diese Religion wollen wir lernen, in Sachen des Judentums nicht die Menschen nach „Köpfen" und „Schweifen" zu'teilen. Oft gilt ein „Schweif" mehr als mancher „Kopf". Wenn es gilt, die Sache des Judentums zu verteidigen, für fein heilig Recht einzutreten, dann gelten alle gleichviel, die etwas dafür tun, Greife und Junge; aber nochmals müssen wir hervorheben: uns war immer lieber jugendliche Tätigkeit als greisenhafte Trägheit. Schließlich ist es doch kein Verdienst, graure Haae zu besitzen. Iwri.