Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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. '-- 63 --' Gebrauch gemacht werde. Nun ist es niemandem eingefallen, dies Recht in Zweifel zu ziehen, das in den Artikeln 47 und 87 der preußischen Verfassung begründet ist. Es findet aber selbstverständlich seine Grenze in der allgemeinen Bestimmung über die Gleichberechtigung und enthält demgemäß nicht die Befugnis, konfessionell zu differenzieren. Nun konunt aber hinzu — und das ist das wesentliche — daß nach Art. 44 alle Regierungsakte, also auch die Ernennungen, erst durch die Gegenzeichnung eines Ministers gültig werden, und daß der Minister dadurch die Verantwortlichkeit übernimmt. Er ist also nicht nur in der Lage, sondern sogar verpflichtet, über die Anwendung des Ernennungsrechts sich zu verantworten und dem Parlament Auskunft zu geben. Früher ist das auch geschehen. Durch die jetzige Ablehnung hat der Minister das Recht der Volksvertretung negiert, aber gewiß nicht den Eindruck hervorgerufen, daß die erhobenen Beschwerden unberechtigt waren. * * Der Rücktritt des russischen Ministers des Innern, des Fürsten Swiatopolk-Mirski, welcher wegen „angegriffener Gesundheit" erfolgte, ist schon seit einiger Zeit vorausgesehen nwrden, nachdem alle Welt nicht weniger als er selbst erkannt hatte, daß er zwischen zwei Stühlen saß. Als Nachfolger des wegen seiner Härte verhaßten Ministers des Innern v. Plehwe, gab Fürst Swiatopolk-Mirski alsbald nach seinem Amtsantritt zu erkennen, daß er es nicht mit der rücksichtslosen Verwaltungsjustiz dieses seines Vorgängers halte; Männer, die von Plehwe gemaßregelt worden waren, setzte er in ihre vollen Rechte und Ehren wieder ein, und der Ruf der von ihm ausging, war es auch hauptsächlich, der die Juden mit Hoffnungen und mit Mut erfüllte. Während nun einerseits das starre Russentum, wie es in den hohen Kreisen,- in der Beamtenschaft und in dem Staatskirchentum sich verkörpert, Mirski mehr und mehr als seinen Feind ansah und behandelte und ihm alles mögliche in den Weg legte, wuchsen auf der anderen Seite die Reform- Wünsche lawinenartig au, wobei das Bewußtsein, für die großen von einem dem Volke ganz unsympathischen Kriege geforderten Opfer politische Entschädigungen fordern zu dürfen, den stärksten Antrieb abgab. Zu'diesen Blutopfern kamen die fortgesetzten- Niederlagen des Heeres, den politischen Forderungen gesellten sich die sozialen hinzu, das ganze Reich geriet in Gärung, ein Zustand, demgegenüber die Regierung den Kopf verlor, so daß sie nur einen Ausweg sah: Gewalt. Ein Mann wie Mirski, mußte sich unter solchen Umstünden für überflüssig, unnütz halten, und er dankte ab. Bei allem guten Willen war doch auch er nicht entfernt in der Lage, die traurigen Verhältnisse der russischen Juden gründlich ändern zu können. Freilich, sein Nachfolger wird wahrscheinlich nicht einmal den Willen hierzu haben! Es ist dies Herr Bulygin, der bisher Gehilfe des Großfürsten Sergei in Moskau war. Das sagt Alles. . . . Die Hoffnungen der russischen Juden sind wieder einmal zu Nichte geworden. Es ist entsetzlich! » Laut Mitteilung des Ministerium des Innern betrug die Zahl der aus Rumänien in den letzten 6 Jahren ansgewanderten- Inden 41754. Davon waren 13154 Männer, 10 887 Frauen und 16629 Kinder. Unter den 24041 erwachsenen Personen waren 9288 erwerbstätig und von diesen wiederum 5 489 Handwerker. Wir sind nicht in der Lage die Angaben der rumänischen Regierung über Geschlecht, Alter und Beruf der Auswanderer ans ihre Richtigkeit zu prüfen; zweifellos sind aber die Angaben über die Zahl der jüdischen Auswanderer ungenau, wahrscheinlich aber absichtlich geändert. Zufälligerweise veröffentlicht nämlich auch das amerikanische Finanzministerium seit 6 Jahren auch die genaue Angaben der Nationalität der Einwanderer. Aus diesen Angaben geht hervor, daß in dem erwähnten Zeitraum allein in die'Vereinigten Staaten von Nordamerika nicht weniger als 35 892 rumänische Juden eingewandert sind. Dazu kommt noch die Auswanderung nach Kanada, Südafrika und England sowie nach dem europäischen Kontinent, die vermutlich ebensoviel betragen haben mußte. Es ist demnach sehr wahrscheinlich, daß nicht 41754, sondern gegen 70000 Juden in den letzten 6 Jahren Rumänien den Rücken gekehrt haben. Die in der Angabe der rumänischen Negierung fehlenden jüdischen Auswanderer haben Offiziösen entweder ohne Pässe verlassen, oder die rumänischen Offiziösen haben zu schönsärberischen Zwecken wieder einmal die Statistik gefälscht. Auf Grund einer Klage des Bürgermeisters von Winnipeg über die zahlreiche Einwanderung mittelloser Juden hat die Regierung von Kanada, wie bereits gemeldet, eine alte fast vergessene Bestimmung aus dem Jahre 1886 hervorgeholt, laut welcher es dem General-Gouverneur sreisteht, die Einwanderung mittelloser Juden zu inhibieren. Es wird nunmehr von jedem, Immigranten, der keine Verwandten in Kanada hat, der Nachweis eines Barbesitzes von 290 Mark verlangt. Trotz diesem rigorosen Vorgehen braucht die Auswanderung nach Kanada noch keineswegs als erschwert angesehen zu werden. Wir sind im Gegenteil überzeugt, daß mit dem Beginn des Frühlings, wo die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Taglöhner wieder lebhaft werden, die Behörden ein Auge zudrücken und jedem kräftigen Einwanderer, auch wenn er nur sehr geringe Barmittel ausweist, gern zur Landung zulassen wird. Denn Kanada braucht dringend die Einwanderer, um mit ihnen die weiten brachliegenden Länderslüchen zu besiedeln. Es ist aber wichtig zu konstatieren, daß die Erschwerung der Einwanderung nicht von der Regierung ausgegangen ist. Als eine große Partie Auswanderer eines Tages in Montreal anlangte, erbarmte sich der Leiter des dortigen Baron Hirschschen Instituts dieser Leute. Er mietete ein Haus, das er zu einem Asyl für 400 Einwanderer einrichtete. Die Sache wäre damit erledigt, da die Hochflut der Immigration bereits ihren Höhepunkt überschritten hat, und eine weitere Steigerung der Einwandererzahl nicht mehr zu erwarten war. Da mußte jener Herr die unglaubliche Ungeschicklichkeit begehen, an den Bürgermeister von Montreal ein Schreiben folgenden Inhalts zu richten: „Die jüdische Gemeinde von Montreal hat niemals die Hilfe der Armendirektion in Anspruch genommen und stets versucht, aus eigenen Mitteln mit ihren Armen fertig zu werden. Nun aber sehen wir uns dennoch genötigt, die Hilfe der Kommune in Anspruch zu nehmen. Wir sind jetzt von zahllosen mittellosen Immigranten heim- . gesucht und wir bitten die Gemeinde, diese Leute zu beschäftigen, damit sie nicht des Hungers sterben. Wir haben bereits nach Europa telegraphiert, daß man keine Emigranten mehr hierher schickt." Dieses taktlose Schreiben hat eine prompte, für seinen Verfasser aber nicht wenig überraschende Wirkung gehabt. Sämtliche Blätter druckten es ab und fügten ihm einige hämische, für den Briefschreiber wenig schmeichelhafte Bemerkungen hinzu. Der antisemitische Londoner „Globe" kabelte einer gesinnungsgenössischen Zeitung in Montreal seine 8 /}