Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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entstammte einem angesehenen Gelehrtengeschlechte, dessen Sprossen sich ganz besonders in der Medizin hervorgetan haben. Das Geschlecht ist in Königsberg heimisch. Dort stand Ludwig Jacobson (gestorben 1841) als Arzt, Chirurg und Philanthrop in hohem Ansehen. Er rief frühzeitig eine orthopädische Anstalt in der ostpreußischen Hauptstadt ins Leben und tat viel für die Verbesserung des Volksschulunterrichts der Kinder jüdischen Glaubens. 1832. erlangte er die venia legendi bei der medizinischen Fakultät der Universität Königsberg; aber seine Habilitation scheiterte an dem Einsprüche des Kultusministeriums, der es grundsätzlich von sich wies, den Eintritt eines Juden in das akademische Lehramt zu genehmigen! Was dem Vater versagt wurde, wurde zweien seiner Söhne zu teil. Der ältere, Hei nrich Jacobson erlangte in Königsberg eine außerordentliche Professur für medizinische Physik und war von 1872 an bis zu seinem Tode im Jahre 1892 Professor der inneren Medizin und Leiter der inneren Abteilung des jüdischen Krankenhauses in Berlin. Der. jüngere Sohn, Julius Jacobson, hat das Verdienst, den Unterricht in der Augenheilkunde in Königsberg organisiert und die Emanzipation der Augenheilkunde im akademischen Unterrichte an den preußischen Universitäten durchgesetzt zu haben. Er war lange Zeit ordentlicher Professor der Augenheilkunde an der Albertus-Universität Louis Jacobson, ein Sohn Heinrich Jacobsons, wurde 1852 in Königsberg geboren. Er beschäftigte sich zuerst auf der Frerichsschen Klinik in Berlin mit Studium der allgemeinen Pathologie, die sich in derselben Richtung bewegen, wie ein Teil der Hauptarbeiten seines Vaters. In der Folge aber wandte sich Jacobson der Ohrenheilkunde zu. Seine erste Schulung darin erwarb er sich unter Politzer, Gruber und Urbantschitsch in Wien, wo dermalst die Ohrenheilkunde in hoher Blüte stand. Nach der Rückkehr nach Berlin schloß sich Jacobson August Lucae an. Bei seiner Resormarbeit hatte Lucae an Jacobson einen treuen, eifrigen und geschickten Mitarbeiter. Jacobson trat 1877 als Assistent bei der Universitäts-Poliklinik für Ohrenkranke ein. Sein Arbeitsfeld erweiterte sich, als eine Universitätsklinik für Ohrenkranke, die erste ihrer Art in Deutschland, 1881 begründet wurde, der Jacobson 14 Jahre lang seine Arbeitskraft widmete. Nach seinem Ausscheiden aus ihren Diensten rief Jacouson, der 1888 Privatdozent an-der Universität geworden war, zu Unterrichtszwecken eine private Ohrenpoliklinik ins Leben. Das reiche Material der Universitätsohrenklinik — die Zahl der Krankheitsfälle stieg in der Zeit, wo Jacobson an der Klinik wirkte, von etwa 800 auf mehr als 6000 — gab ihm reiche Gelegenheit und Anregung zu wissenschaftlicher Arbeit. Die Gesamtheit seiner Facherfahrungen hat Jacobson in seinem „Lehrbuche der Ohrenheilkunde" dargestellt. Das Buch, das 1893 zuerst herauskam, liegt in dritter Auflage (gemeinsam mit Blau bearbeitet) vor und ist mehrfach in fremde Sprachen übertragen worden. 1897 erhielt Jacobson den Professortitel. Jacobsons Beerdigung fand am 26. d. Bk. von der Leichenhalle des jüdischen Friedhofes in Weißensee statt. x. Danzig, 26. Januar. Wie die „Danzigev Zeitung" berichtet, hatte der angesehene Getreidehändler Gottschalk Scheidemann in Bütow lange Zeit hindurch mit dem Rittergutsbesitzer v. d. Lauken zu Wisschen Geschäfte gemacht, von ihm Getreide gekauft, auch solches an ihn verkauft, mitunter auch ihm Wechsel aus reiner Gefälligkeit und ohne irgendwelche Entschädigung diskontiert. Bei einem Kauf von Saathaser hielt v. d. Lauken sich aber für übervorteilt und hatte Scheidemann wegen Betruges angezeigt. Die Staatsanwaltschaft entschloß sich erst auf Anordnung des Oberstaatsanwalts zur Erhebung der Anklage. Oas Landgericht jedoch lehnte nach dem Ergebnis der Voruntersuchung die Eröffnung der Hauptverhandlung ab, weil Vermögensbeschädigung und Betrug nicht vorliege.' Nach dem Empfang des Bescheides des Oberstaatsanwalts sagte v. d. Lauken in Bütow in seinem Stammlokal zu den Gästen in bezug auf Scheidemann. „Das ist eine Gemeinheit von dem Juden. Er hat Wechselforderungen an mich gehabt und deshalb geglaubt, mir so etwas bieten zu können." Wegen dieser öffentlichen Beleidigung wurde v. d. Lauken von Scheidemann verklagt, aber vom Bütower Schöffengericht f r e i - gesprochen. Trotzdem die Verhandlung, in der die ganze geschäftliche Tätigkeit Scheidemanns einer eingehenden Prüfung unterzogen wurde, ein für den Kläger glänzendes Ergebnis hatte und auch nicht der Schatten eines Verdachtes von Unreellität oder gar Betrug übrig blieb, trotzdem von einer Reihe von Rittergutsbesitzern die über jedem Zweifel erhabene Redlichkeit des Klägers bestätigt wurde, nahm das Bütower Schöffengericht an, die obige Aeußerung sei in Wahrnehmung berechtigter Interessen getan; der Angeklagte hätte in den Glauben versetzt sein können, als wollte Scheidemann ihn täuschen. Daß dieses Urteil von dex Berufungsinstanz in Stolp, an die sich Herr Scheidemann gewandt hat, aufgehoben werden wird, unterliegt kaum einem Zweifel, da bekanntlich für die Wahrnehmung berechtigter Interessen von den Gerichten, besonders vom Reichsgericht, aus wohlerwogenen Gründen außerordentlich enge Grenzen gezogen werden. ol. Tilsit, 17. Januar. Wie Sie bereits mitgeteilt, hat das Schutzkomitee des „Hilfsvereins der deutschen Juden" .die Errichtung einer Herberge beschlossen, damit den Auswanderern körperliche Verwahrlosung und materieller Schaden, denen sie bisher in Herbergen preisgegeben waren, erspart bleibe. Erster Grundsatz war, daß' jeder, der Zutritt zu der Herberge verlange, für seine Unterkunft und Verpflegung zahlen müsse. Mit der Herberge sollte ein Bureau vereinigt werden, wo sämtliche Auswanderer zu einer bestimmten Zeit von Komiteemitgliedern Rat und gegebenenfalls Hilfe erhalten können. Die Polizeiverwaltung hat bereitwillig die Konzession erteilt und ihren Unterbeamten empfohlen, ankommende Auswanderer gleich von der Bahn nach der Herberge zu überweisen. Die Beschaffung einer passenden Wohnung war überaus schwierig, gleich schwer, einen geeigneten Herbergsvater ausfindig zu machen. Dagegen wurde es leicht, die notwendigen Geldmittel zur Anschaffung, der Utensilien zu beschaffen. Die Spenden flössen sehr reichlich. Die Herberge besteht aus sechs Zimmern und Küche; die letztere und zwei Zimmer sind dem Herbergsvater zur eigenen Benutzung abgegeben und ein Zimmer dient als Bureau für die Komiteemitglieder. Die Einrichtung ist derjenigen der Kasernen nachgebildet: Ein großer Saal enthält 30 übereinander stehende eiserne Betten, ein zweites Zimmer weitere 12; ein drittes ist für Frauen reserviert. Gegen fest vorgeschriebene Preise werden den Auswanderern Logis und Beköstigung gewährt. Die Kontrolle der Speisen geschieht durch Damen, die sich freiwillig dazu erboten haben. Ein- bis zweimal des Tages haben je zwei Komiteemitglieder Sprechstunden in dem Bureau der Herberge; die Personalien jedes neu angekommenen Auswanderers werden ausgenommen und — der Statistik wegen — in ein eigens dazu angelegtes Buch eingetragen; die berechtigten Wünsche eines jeden werden, soweit es angeht, berücksichtigt. Die Herberge ist täglich mit ungefähr 30 Gästen besetzt. Trotzdem sie alle zahlen, wird das Komitee jährlich ca. 1000 Mark zuschießen, müssen, da die Preise für Nachtlogis und Speisen nicht zu hoch gehalten werden können. Das Vorgehen des hiesigen Komitees verdient die größte Anerkennung und Nachahmung überall dort, wo die nötigen Voraussetzungen für den finanziellen Bestand der Herberge geschaffen werden können. ----- Kolbevg, 23. Januar. Am 21. d. ist hier der Kaufmann und Rentier Hermann Bernhardt an Lungenlähmung gestorben. Er hat den Feldzug von 1864, insbesondere das Gefecht bei Düppel und den Uebergang nach Alsen mitgemacht. Der Verstorbene hat sich verschiedenen Ehrenämtern gewidmet. Er war vjele Jahre Stadtverordneter und zeigte für das Aufblühen unserer Stadt ein großes Interesse. Herr Bernhardt war Mitbegründer und Vorstandsmitglied des jüdischen Kurhospitals und hat sich auch bei dem Bau des Berliner Sommerheims verdient gemacht. Er war zirka 30 Jahre Mitglied der Feuerwehr und hat von ihrer Gründung an bis vor kurzem das Amt als Brandmeister bekleidet. Sein offener Charakter und sein biederer Sinn haben ihm allgemeine Achtung verschafft; auch als Geschäftsmann war er sehr beliebt. Die Stadt verliert in Herrn Bernhardt einen strebsamen und uneigennützigen Vertreter. Sein Name bleibt hier in treuem Andenken! Lp. Ans der Provinz Posen, im Februar. Der, langjährige Stadtverordnete, Rentier S. Kornicker in Posen, ist neulich nach kurzer Krankheit im Alter von 53 Jahren gestorben. — Folgende Ministerialentscheidung möge jüdischen Gemeinden zur Warnung und Lehre dienen: An der siebenklassigen evangelischen Volksschule in Zempelburg wurde am 15. April'1904 durch den Austritt eines jüdischen Lehrers aus dem Schuldienste eine Lehrerstelle frei, welche die Regierung wieder mit einem jüdischen Lehrer besetzen wollte. Aber