Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Erzählungen als fest und gültig hinstellt, die in seinen Quellen nur als Hypothesen vorgetragen und von 'ihren Autoren nach ganz kurzer Zeit wieder fallen gelassen sind. Der Verfasser hatte die Absicht, einen Kommentar für jüdische Leser zu schreiben (vgl. das Vorwort), allzugroße Ehrfurcht vor den Leistungen und der historischen Objektivität deutscher Theologen hat ihn aus eine falsche Fährte geleitet und einen Kommentar veranlaßt, der den jüdischen Leser mitunter recht seltsam anmutet. Das kann seine Absicht nicht gewesen sein, uns eine knappe Zusammenfassung protestantischer Erklärungen in hebräischer Sprache zu bieten. Wir sind überzeugt, daß es nur einer Anregung bedarf, um diesen Mißstand in künftigen Bänden beseitigt zu sehen. Im Interesse der Brauchbarkeit und der Verbreitung des ganzen Werkes wünschen wir es von Herzen. pn der Melle. Geschichte eines Knaben. Von Esra Goldin. Ans dem Hebräischen. V. ji lZ Josef Plötzlich um Mitternacht die Augen öffnete, war er wie geistesabwesend und wußte im ersten Augenblick nicht, wo er sich befand. Er lag auf einer Bank neben dem Ofen, zu Häupten hatte er sein Bündel, der Kopf war ihm schwer wie ein Bleiklumpen, er konnte ihn nicht von der Stelle rühren, die Beine waren ihm wie eingeklemmt. „Wo bin ich?" fragte er sich angstvoll. Im Saal herrschte tiefes Schweigen. Hier und da brannte eine Kerze an einem Pult und beleuchtete das Angesicht des Mannes, der stehend daneben schlief. Die Bänke hatten sich alle in Schlafstätten verwandelt, wo die Jünger der Lehre ihren festen Schlaf schliefen, die rechte Hand anstatt des Kiffens unter dem Haupt, ein Sack oder ein abgetragenes leichtes Kleid diente ihnen als Bettzeug, der enge Raum gestattete ihnen nicht, Hände und Beine zu recken, die daher in der Lust herabhingen. Hier erwachte der eine und fing an, aus dem Schlafe redend, die Worte der bei Tag gelernten Halacha zu stammeln, dann zog er Hände und Beine zurück, rollte sich zusammen und nahm das unterbrochene Schnarchen wieder auf. Dort in einer Ecke regte sich ein anderer und ließ ein lautes Niesen vernehmen. . . Die Lampe, die an einer langen, dünnen Messingkette herabhing, verbreitete ein gedäinpftes Licht über den ganzen Raum7 „Das ist ja der Saal im Lehrhaus zu Keiwa," besann sich Josef. Vor dem kupfernen Handfaß neben der Tür stand der „Träger" und war mit dem Ausspülen des Geschirrs beschäftigt. Josef trat zu ihm heran und rief ihn beim Namen: „Kamonenser!" „Nun, was denn? Auch bei Nacht gibt man mir keine Ruhe!" brummte der Träger, ohne sich umzusehen. „Ich wollte Dich bitten. . ." „Geh zu Deiner Gemara," erwiderte der Träger unwillig, ohne sich umzublicken. „Laß mich, laß mich nur in Ruhe! Bin ich denn aus Eisen?" „Aber ich will ja gar nichts von Dir." bemühte sich Josef ihn zu beruhigen. „Du hast Dich geirrt. . ." „Nein, ich habe mich nicht geirrt," unterbrach ihn der Träger, „ich habe mich heute gar nicht geirrt, ich habe einem jeden das richtige Effen gebracht, ich habe keins verwechselt." „Nein, nein, Du hast Dich gar nicht geirrt ... ich bin ja erst gestern gekommen. . ." „Noch eine Plage," murrte der Träger und sah sich sein Gegenüber genauer an. „Was willst Du denn hier?" fragte er spöttisch. „Lernen will ich hier." „Wer, wer will?" „Ich!" „Was willst Du hier machen?" „Lernen." „Na, na! Ein neuer Porufch. Du bist ja noch ein Kind." „Ich habe aber schon das dreizehnte Jahr zurückgelegt." „Nun, was ist dabei? Alle hiesigen Peruschim sind Erwachsene, große Männer. Ech, chi, chi! Ein neuer Porufch. Seht Euch mal diesen Porufch an!" „Aber ich habe ja schon viel gelernt." „Wa s hast Du gelernt? Chumesch Haft Du wohl gelernt. Hier lernt man Gemara! Aus dicken, großen Büchern lernt man hier." „Gemara habe ich gelernt, mit Thoffaphot und Maharscha."') „Wer hat das alles gelernt?" „Ich!" „Was? . . . Du?" „Ich habe Gemara mit Thoffaphot und Maharscha gelernt." „Ei, ei! Du machst Dich wohl lustig über mich. Kleiner; wenn die Peruschim das hören, lachen sie, ach, lachen sie aus vollem Halse." „Auf mein Wort, ich spreche die Wahrheit." „Und wo wirst Du schlafen? Sieh her, wie echte Peruschim schlafen. Auf der bloßen Bank, ohne Unterbett, ohne Decke. Die können so schlafen, aber Dm? Du bist ja noch ein Kind!" „Ich werde mich mit der Zeit daran gewöhnen." . „Und wo wirst Du speisen? He?" „Das weiß ich nicht." „Zu wem bist Du gekommen? Hast Du hier Verwandte, Freunde?" „Ich habe hier keinen." „Was wirst Du also essen?" „Wer gibt allen Peruschim zu effen?" „Hm, jene sind etwas anderes und Du bist auch etwas anderes." „Wieso?" „Jene sind erwachsene junge Leute, viele von ihnen sind verheiratet. Du aber bist ja noch ein kleiner Junge." „Nun, was hat eins zum andern? Weil ich jung bin, kann ich nicht Thora lernen?" „Das weiß ich nicht. Ich sage Dir bloß, Du wirst hier nicht ausgenommen." „Wer entscheidet über die Aufnahme? „Reb Chajim Melamed. Aber der wird Dich gar nicht anblicken wollen." „Wer prüft den, der sich zur Aufnahme meldet, ob er würdig ist, unter die Peruschim gezählt zu werden?" „Das weiß ich nicht. Sonst weiß ich hier alles.'" Mehr als acht Jahre bin ich hier Träger. Vor Pessach sind es acht Jahre geworden, da weiß ich hier alles, alles weiß ich hier." Zwei scharfsinnige Kommentare des Talmud, zu deren Verständnis große Reife und Erfahrung gehört.