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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-03 · Heft 5 (3.2.1905) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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58 Lin moderner hedrsilcher Mbelkommentsr. Bon Dr. I. Ellbogen. as Erscheinen eines neuen Bibelkommentars in hebräischer Sprache ist an sich schon ein Ereignis, das weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient; den vorliegenden machen die Umstände, unter denen er in die Oeffentlichkeit tritt, besonderer Beachtung würdig. l) Seit Jahren herrscht in den gebildeten Kreisen der deutschen Juden die Klage darüber, daß unsere Glaubensgenossen an der modernen Bibelforschung so wenig tätigen Anteil nehmen. Es fehlen unter den bedeutenden Vertretern der biblischen Wissenschaft die jüdischen Autoren fast völlig; es herrscht aus der einen Seite eine erklärliche pietätvolle Scheu, die biblische Kritik anzunehmen, auf der anderen ein zu großer Respekt vor den Resultaten der Kritik, um sie abzulehnen. Es darf auch nicht übersehen werden, daß die auf biblischem Gebiete von Juden veröffentlichten Schriften beim Publikum nur eine sehr mangelhafte Förderung gefunden haben, und daß die Erfahrungen nicht gerade geeignet waren, den Eifer der Gelehrten zu ähnlichen Publikationen anzuseuern. So ist es zu erklären, daß die jüdischen Theologen in der letzten Zeit mehr rezeptiv als produktiv in der Bibelwissenschast waren. Wie schädlich dieser Zustand für unsere Wissenschaft nicht minder als für das Judentum ist, wurde oft genug hervorgehoben und hat sich im Streit um Bibel und Babel zur Genüge gezeigt. Nun aber kommt aus dem Osten Europas die Kunde vom Erscheinen eines Werkes, das kühn in diese Fragen eingreift und die Stellung jüdischer Gelehrter zur modernen Bibelsorschung zeigt. Der Kommentar, dessen Beginn vorliegt, bezeichnet sich als einen wissenschaftlichen, „der sich bestrebt, die Bibel nach ihrem ursprünglichen Sinn, ohne Voreingenommenheit zu erläutern und sich von allen theologischen Ansichten und Streitfragen fernhält. Der Kommentar ruht auf der Grundlage der Bibelsorschung und Bibelkritik unserer Tage, bedient sich der alten Uebersetzungen, der semitischen Sprachforschung, der Archäologie rc. rc. Der wissenschaftliche Kommentar ist für freidenkende und gebildete Leser bestimmt, die über die Aussagen der Kritiker sich zu unterrichten und eine gründliche Bibelkenntnis sich anzueignen bestrebt sind." Man muß den Herausgeber, den Schriftsteller Abraham Kahana in Sitomir dafür bewundern, daß er den Mut und die Tatkraft besitzt, ein so großes Unternehmen mit solcher Kühnheit in die Wege zu leiten. Aber auch unseren östlichen Brüdern gebührt Anerkennung, wenn unter ihnen das Verlangen nach einem solchen Kommentar sich regt. Für jeden Freund der Aufklärung muß es eine wahre Genugtuung sein, wenn er gewahrt, welcher Grad von Denkfreiheit unter den Juden Rußlands herrscht. Durch die mächtig angewachsene neuhebräische Literatur der letzten Jahrzehnte ist so viel Bildung und so viel kritischer Sinn — leider allerdings auch ein Geist absoluter Negation und Zersetzung — verbreitet worden, daß nunmehr schon das Bedürfnis nach einem wissenschaftlichen Kommentar zur Bibel vorliegt. Es ist seit Jahrzehnten das erstenmal, daß ein hebräischer Bibelkommentar ohne Schwierigkeiten erscheint, und ein ehrendes Zeichen für die dortigen Juden, daß die wissenschaftliche Leistung, nach der im „aufgeklärten" Deutschland seit so langer Zeit verlangt wird, irt Rußland zuerst zur Ausführung gelangt. Als erste Lieferung des Werkes erschien vor Jahresfrist die Erklärung der Psalmen 1—72 von H. P. Chajes in J) mwwro 821' ttö »ttä dt trairoi D'K’O) min Sitomir 1903 «jrD ffTO« ’*» DTIÖ1Ö D’JlÖlb Florenz, und nunmehr ist auch die zweite Hälfte (73—150) . gefolgt. Der Verfasser ist bemüht,, seine Erklärungen möglichst knapp zu fassen und in gedrängter Form bietet er eine Fülle des Stoffes.. Bei fleißiger Benutzung früherer Erklärer strebt der Kommentar überall mach Selbständigkeit und sucht über alle Fragen ein eigenes Urteil zu gewinnen. Seine Stärke ruht besonders im lexikalischen Teil, wo er mit gelehrter und genauer Sprachvergleichung den Wortbestand untersucht und manchen wertvollen Beitrag zum hebräischen Wörterbuch liefert. Auch die sehr sorgfältige Heranziehung biblischer Parallelstellen, die Beachtung der modernen archäologischen Forschungen und ähnliches machen den Kommentar zu. einer wertvollen Leistung. Nicht leicht wird man sich mit der Behandlung des Textes durch den Verfasser befreunden: am massoretischen Text wird so viel und so häufig geändert, daß das Verfahren des Verfassers sehr oft. an Willkür grenzt. Zu den sehr zahlreichen Konjekturen, die von anderen übernommen sind, werden noch viel mehr neue hinzugefügt und besonders wird aus Grund der alten Uebersetzungen häufig in den Text eingegriffen. Nun ist nicht zu leugnen, daß der Verfasser manchen recht gelungenen Vorschlag macht, aber in den allermeisten Fällen muß seine Emendation als bedenklich zurückgewiesen werden. Auf einen sehr extremen Standpunkt stellt sich Chajes auch in bezug auf die Abfassungszeit der einzelnen Psalmen, die er in den einleitenden Bemerkungen zu jedem Stück bespricht. Er ist fast überall geneigt, der radikalsten Richtung der protestantischen Kritiker sich anzuschließen und die Entstehung der Psalmen in eine sehr späte Zeit herabzusetzen. Gegenüber diesen Ausstellungen am eigenen Standpunkt des Verfassers muß anerkannt werden, daß er entgegenstehende Meinungen nicht verschweigt und dadurch dem Leser die Möglichkeit der Nachprüfung und Kritik läßt. Und wie viel man an der Schrift von Chajes aussetzen mag, der Leser wird das Bewußtsein haben, eine bedeutsame Leistung zu finden, die sich den Verbreitesten christlichen Kommentaren würdig an die Seite stellt. Es ist bedauernswert, daß dem zweiten der bisher erschienenen Teile des Kommentars nicht dieselbe Anerkennung gezollt werden kann. Der Herausgeber, Herr Kahana, hat das erste Buch Mosis zu erklären unternommen und hat sich außerordentliche Mühe gegeben, seinen Kommentar auf die Höhe moderner Wissenschaft zu bringen. Die allerneueste Literatur wird von ihm benutzt, er zieht die babylonischen Parallelen zur Urgeschichte heran, und selbst der Kodex des Hammurabi wird zur Vergleichung verwertet. Man darf dem Verfasser ohne weiteres glauben, wenn er in dem sehr kurzen Vorwort erklärt, Kommentare, Uebersetzungen und Literatur von den ältesten Zeiten bis aus die Gegenwart studiert zu haben. Man muß ihm auch nachrühmen, daß er die überwältigende Fülle des Stoffes sehr zusammengedrängt und den . Kommentar nicht übermäßig ausgedehnt hat. Allein darin liegt auch einer der Mängel des vorliegenden Buches; es ist zu wenig Kommentar darin und zu viel Kritik. In der Kritik aber zeigt sich der Verfasser durchaus unselbständig; er hat sich zu sehr in seine Vorgänger vertieft und den Weg zu seinem eigenen Denken nicht wieder zurückgefunden. Dadurch ist er von den jüngsten Kommentaren protestantischer Theologen abhängig geworden und geblieben; ihre Quellenscheidung bis ins einzelne und religionsgeschichtliche Hypothesen werden kritiklos übernommen. Es ist möglich, daß der Verfasser in der noch ausstehenden Einleitung seinen Standpunkt in der Pentateuchkritik näher begründen wird, der Vorwurf kann ihm nicht erspart werden, daß er in seinen sehr knappen Bemerkungen Sätze über Entstehung und Zweck der biblischen

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