Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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■ --57 ■ -- Diagnose stellen konnten und beizeiten die Mittel angewandt hätten, um das Leben der jungen Königin zu erhalten. Anläßlich ihres 200. Todestages wird man daher diese aus die besten Quellen gestützte Ausführung über das Ableben der unvergeßlichen Fürstin gewiß mit Interesse lesen. Der ärztliche Scharlatan, in dessen Hände Sophie Charlotte fiel, war der Hannoversche Leibarzt und Rat Dr. Br and an August Conerding,ein sonst unbekannter Sohn Aesculaps. Als Sophie Charlotte in Hannover eintraf, hatte sie Halsbeschwerden, zu welchen später wahrscheinlich eine Lungenentzündung zutrat, denen sie anfänglich keine Bedeutung beimaß. Als sich jedoch die Schmerzen erhöhten, wurde der genannte Leibarzt am 28. Januar zu Rate gezogen, doch erkannte er die Natur der Krankheit nicht, wie dies seine an den Hof zu Berlin gesandten Berichte klar bewiesen. Vor allem verstand er es nicht, das hochgradige Fieber der Leidenden zu bannen. Seine Diagnose war erbärmlich, da er nicht zu beurteilen vermochte, ob eine Lungenentzündung vorliege/ oder aber ihr Zustand den „Vapeurs" zuzuschreiben wäre. Er verordnete nicht jene Mittel gegen Hals- und Lungenentzündung, die jeder praktische Arzt jener Zeit sofort in Anwendung gebracht hätte, sondern er griff zu den allerunzweckmäßigsten, ja geradezu absurdesten Medikamenten. Man erkennt die Unfähigkeit dieses gefährlichen Scharlatans sofort, wenn man die Ausführungen des kurfürstlichen Rates und Leibmedikus in seinem „alleruntertänigsten Bericht" über die Krankheit und den Tod Sophie Charlottes vom 19. Februar 1705 liest, die lvir natürlich als nicht hierhergehörig sortlassen müssen. Derselbe Eonerding erhielt von Berlin ans den Befehl, die entseelte Hülle der Königin einzubalsamieren, was er denn auch unter Assistenz der Leib- und Hoschirurgen zu Hannover Samuel la Rosen und, Johann Conrad Bothon sowie des Bergchirurgen Christian Günther vollzog. Auch über diese Manipulation erstattete er einige Tage daraus einen „alleruntertänigsten Bericht" an den König von Preußen, der gleichfalls von absurden Behauptungen und falschen Beobachtungen strotzte.' Es ist auffallend, daß die Presse jener Zeit, soweit ich sie kontrollieren konnte, über das so schnelle Ableben der Königin nicht ihre kritischen Glossen machte, was hauptsächlich daraus zurückzuführen ist, daß die Gutachten des famosen kurfürstlichen Rates und Leibmedikus Conerding nicht veröffentlicht wurden. Die Publikation erfolgte erst im Jahre 1199, und zwar im zweiten Jahrgang der im Verlag von Friedrich Nicolai zu Berlin erschienenen „Neuen Berlinischen Monatsschrift." Groß war der Sturm der Entrüstung in den medizinischen Fachkreisen als diese alleruntertänigsten Berichte bekannt wurden, doch wagten die Söhne Aesculaps im Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts aus politischen und sonstigen Gründen dagegen nicht öffentlich auszutreten. Eine Ausnahme machte nur der Lieblingsschüler Immanuel Kants, der scharfsinnige, geistreiche und gefeierte Arzt, Hofrat und Professor Dr. Marcus Herz, der Berliner Jude aus der Mendelssohnzeit! Unser berühmter Glaubensgenosse publizierte ein vernichtendes Urteil über den Scharlatan Conerding, es unumwunden aussprechend, daß die unglückliche-Königin der ärztlichen Ignoranz zum Opfer gefallen sei. Da dieses Votum nicht allein für die Lebens- und Leidensgeschichte Sophie Charlottens, sondern zugleich auch für die.Beurteilung der ärztlichen Diagnose und Praxis und nicht zum wenigsten für den jüdischen Arzt selbst von besonderem Interesse sein dürfte, sei dasselbe hier dem „Wortlaute nach mitgeteilt. „Die Beschreibung der letzten Krankheit der unvergleichlichen Königin ist ebenso unvollkommen, als ihre Behandlung. Es ist in jener nichts von dem Zustände der ersten Wege erwähnt; nichts von dem abwechselnden Verhalten der Kräfte und der Respiration, worauf doch so viel ankommt; nichts von der Beschaffenheit des Pulses und dessen Veränderungen in den verschiedenen Epochen der Krankheit, außer daß die Patientin im Anfänge eine lebrieulam lentam gehabt; endlich nichts einmal von der Qualität des gelassenen Blutes, von dem sonst nichts gesagt wird, als daß es so beschaffen war, daß man billig befürchtete, es würde schlimmere Suiten haben, obschon Ihre Majestät sich dadurch etwas soulagiert befunden. Von welcher Art mag wohl dies Blut gewesen sein, von dessen Verminderung man so üble Folgen erwartete, obschon sie erleichterte? War es zu sehr aufgelöst? war es entzündungsartig? Sind die Kräfte nach dessen Ausleerung gesunken? hat sich der Puls darauf gehoben, oder wurde er schwächer? Von allem diesen wird kein Wort gesagt. Kurz aus der ganzen Darstellung ist nichts weniger als der Genius der Krankheit zu erkennen. Was die Kurmethode betrifft, so ist es wohl dem geringsten Kunstkenner in die Augen fallend, daß sie ganz kraftlos und uichtsbedeutend war. Ein Klystier aus Milch, Kamillen, Zucker und Butter, ein Brustjulap und eine Gott weiß welche geringfügige Komposition unter der Benennung einer Mixtura resolvenz ex ariiipleuritiris, war alles, womit man während der gauzen höchst wichtigen Krankheit abwechselte. Auf die Brust wurde, heißt es, im Anfänge ein Pflaster, wahrscheinlich ein nichtsbedeutendes sogenanntes zerteilendes, gelegt. Ein Vesikatorium wäre sicher sehr dienlich gewesen; aber dies war jenes Pflaster gewiß nicht, da von dessen Suppuration und Wirkung nicht im mindesten die Rede ist. Die Königin selbst scheint die Krankheit richtiger gefühlt, als ihre Arzte sie eingesehen zu haben/da sie auf Aderlässen so sehr bestand, welches man ihr aber aus dem wunderlichen Grunde weil sie in Transpiration lag, nicht bewilligen wollte. Denn, soviel sich aus der krüppelhaften Krankheitsgeschichte urteilen läßt, war das Uebel höchst wahrscheinlich ein reines, im höchsten Grade inflammatorisches Fieber, das durch eine beherzte antiphlogistische Behandlung gleich im Anfänge wohl hätte gehoben werden können. Es ist zum Erstaunen, daß man selbst bei dem blutigen Auswurf dieses verkannt und vorsätzlich keine Blutausleerung vorgenommen sowie bei der Gefahr der Suffokation nicht mehrere Spanischefliegen an die Waden und auf die Brust gelegt hat. Die mürbe und so leicht zerreißbare Stelle im Magen zeigt offenbar, daß diese nach eii^er heftigen Entzündung in Gangrän übergegangen war; welches wohl, wie gesagt, gleich im Anfang durch starke Aderlässe hätte abgewendet werden können. Merkwürdig ist übrigens die weise Prognosis, welche der müßige Arzt der Königin selbst stellte. Wenn es Vapeurs wären, so hätte man nichts zu befürchten, würden aber die Lungen attakiert, wäre es sehr gefährlich. Freilich kam darauf alles an, besonders bei seiner Behandlung, ob es das eine oder andere war; und das der Herr Leibmedikus diese seine Unwissenheit so geradezu gestand, gibt allerdings einenlmächtigen Beweis von seiner Unbefangenheit, aber daß ernste hatte, einen sehr schwachen von seinen semiotischen Kenntnissen." Heil der medizinischen Wissenschaft, die seit zwei Jahrhunderten solche Fortschritte gemacht hat, daß Scharlatanerien, wie sie der Leibarzt des Königs von Preußen zu Hannover übte, zu den Unmöglichkeiten geworden sind! Wieviel zu diesem Fortschritt die jüdischen Aerzte beigetragen haben, das weiß jeder, der die Geschichte ohne Voreingenommenheit studiert. Aber ein wertvoller Beitrag zu dieser Erkenntnis ist obiges Gutachten sicherlich.