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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-03 · Heft 5 (3.2.1905) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 Bedeutung habe. „Allein, durch die Verbindung der Religion mit der Kunst im Kultus ziehe sie das Uebersinnliche in die Reize der ästhetischen Sinnlichkeit hinein und begebe sich wie freiwillig in die Urzeit des Mythos zurück. „Die Kunst gibt ihr das seelische Geleit." Diese Worte Cohens mögen alle beherzigen, welche in dem geringen Interesse des Judentums für bildende Kunst ein kulturelles Defizit erblicken. Aus all diesen Erörterungen geht klar hervor, daß die Religion des Prophetismus den Inhalt der Ethik schon längst als den Kern der wahren Religion proklamiert, und es nur dem Uebereifer der Ethischen Kultur selbst zuzuschreiben ist, wenn dank mangelhafter historischer Einsicht die Religion in ihrer ethischen Grundbedeutung verworfen und der Mythologie überantwortet wird. Dabei übersieht die Ethische Kultur, daß die theoretische Begründung der Ethik schon deshalb notwendig ist, weil erst „durch die Erkenntnis des Guten das Gutwerden der Menschheit herbeigeführt werden soll." Dieses Ziel entspricht ja der Disposition der Ethik. ' Somit sind nun alle Angriffe gegen die Selbständigkeit und Notwendigkeit der theoretischen Begründung der Ethik abgeschlagen und es bleibt nur noch eine Frage zu beantworten, bevor die eigentliche Grundlegung beginnt. Die welthistorische Bedeutung Kantscher Philosophie besteht darin, daß erst durch sie der Idealismus eine solche gediegene realistische Grundlage erhält, die ein Abschwenken in das unfruchtbare Gebiet metaphysischer Spekulationen ausschließt. Nicht mehr Geniesprünge und Geistesblitze können Philosophie begründen, sondern einzig und allein die gewissenhafte Einsicht in den methodischen Schacht exakter Wissenschaft. Und Philosophie heißt nichts anderes als die Erkenntnis jener logischen Substrate, die den Ursprung der exakten Wissenschaften bedeuten. Ohne Wissenschaft keine Philosophie, ohne Mathematik keine Logik, das ist das Credo Kantscher Philosophie. Doch, auf welches Faktum von Wissenschaft soll sich die Ethik berufen? In welcher Wissenschaft können die ethischen Grundbegriffe des Individuums, der Allheit, des Willens, der Handlung als konstitutive Elemente betrachtet werden? Diese Frage läßt Kant offen;-er hat dieses Faktum der Wissenschaft nicht gefunden. Darin aber besteht das unvergleichliche Verdienst Hermann Cohens, daß er es war, der in der Rechtswissenschaft das wissenschaftliche Faktum der Ethik erkannte, daß er durch die Entdeckung einer solchen Grundlage zum ersten Male der Ethik einen wissenschaftlichen Rückhalt schuf, der endlich den Charakter der Subjektivität ersetzte durch erkenntnistheoretische Objektivität. „Das Analogon zur Mathematik bildet die Rechtswissenschaft. Sie darf als die Mathematik der Geisteswissenschaften und vornehmlich für, die Ethik als ihre Mathematik bezeichnet werden." In allen Problemen der Rechtsphilosophie tritt die schöpferische Kraft der Ethik hervor. Der alte Zusammenhang des Naturrechts mit positivem Recht kann nicht bestritten werden. Wenn aber der Gedanke des Naturrechts aus den altgriechischen Gedanken der „ungeschriebenen Gesetze" zurückgeht, so sind es immer und immer wieder die ewigen Gesetze der sittlichen Vernunft, der Natur, die gegen die Satzungen der Willkür ausgeboten werden. So erweist sich das Naturrecht als die Ethik des Rechts, als das Recht des Rechts. „Es kann keine Rechtswissenschaft sich ausdenken, aus ihre letzten Gründe sich zurückdenken lassen, die den Zusammenhang mit der Ethik verschmäht." Das Grundproblem der Ethik ist die Verwirklichung der Allheit im Individuum. „Das sittliche Individuum soll nicht eine partikulare Einzelheit bleiben; sondern kraft der Allheit, in die es eingegliedert ist, zur Einheit des sittlichen Individuums erhoben werden." Diese Einheit der Allheit vertritt der Rechtsstaat. In ihm allein emanzipiert sich das Individuum von seinen biologischen naturalistischen Bedingungen, um nur als Glied der Allheit, der reinen Menschheit, seinen Geltungswert zu behaupten. (Fortsetzung folgt.) ■ Sophie Charlotte und — Markus her?. Von Dr. Adolph Kohut. u den geistreichsten und verdientesten Fürstinnen aus dem Hause Hohenzollern, deren Namen mit goldenen Lettern in den Büchern der Geschichte und namentlich der Wissenschaft verzeichnet sein wird, zählt die gerade vor 200 Jahren — am 1. Februar 1705 — in Hannover im Alter von noch nicht 37 Jahren verstorbene erste Königin Sophie Charlotte, die zweite Gemahlin Friedrichs I., des ersten preußischen Königs. Sie war eine Schülerin, Freundin und Gönnerin des Philosophen Leibniz, der mit ihr jahrelang in persönlichem und brieflichem Verkehr stand und deren scharfsinnige Unterhaltungen auf philosophischem und religiösem Gebiete ihn u. a. veranlaßten, sein berühmtestes Werk „Die Theodicee" herauszugeben. An ihrem Hofe zu Charlottenburg — früher Lützenburg genannt, aber nach ihrem Tode ihr zu Ehren in Charlottenburg umgetauft — verkehrten die „Ritter des Geistes", namentlich die Paladine der Kunst, Wissenschaft und Literatur. Nicht nur inländische, sondern auch ausländische illustre Gelehrte und Forscher hatten bei ihr Zutritt, und sie waren alle einstinrmig in der Anerkennung und im Lobe der geistigen Eigenschaften der hohen Frau. So schrieb z. B. der Engländer Toland von der „schönsten Prinzessin ihrer Zeit," wie er sie nennt: „Sie gibt keinen Menschen an Annehmlichkeit der Unterhaltung und des Umgangs etwas nach. Sie hat überaus viel gelesen und kann mit allerhand Leuten von allerhand Dingen reden. Man bewundert sowohl ihren scharfen Geist, als ihr gründliches Wissen, so sie in den schwersten Stücken der Weltweisheit erlangt hat. Ja, ich muß frei und ohne Schmeichelei gegen ihre hohe Person bekennen, daß ich in meinem ganzen Leben niemand gehört, welcher geschicktere Einwürfe hätte machen oder die Unzulänglichkeit eines vorgebrachten Arguments oder Schlusses hurtiger entdecken, oder auch die Stärke oder Schwäche einer Meinung leichter penetrieren können als eben sie." Ihr gebührt der Ruhm, daß sie die Begründerin der Berliner Akademie der Wissenschaften war. Eine eifrige Musikfreundin und die Musik auch praktisch ausübend, förderte sie die Oper in Berlin und ebenso die Schauspielkunst, die Malerei, Architektur und überhaupt Kunst und Wissenschaft. Diese philosophische Königin war kräftig gebaut und bot das Bild strotzender Gesundheit. Voll Lebenslust, liebte sie die Fröhlichkeit und die Vergnügen des Daseins. So kam es denn', daß sie am 12. Januar 1705 nach Hannover reiste, wo ihre Mutter, die Kurfürstin Sophie, lebte, um mit der Zustimmung ihres hohen Gemahls, des Königs Friedrich I., an den dortigen Karnevalsbelustigungen teilzunehmen. Niemand hätte gedacht, als sie sich verabschiedete, daß diese blühende Frau schon nach einigen Wochen sterben würde — und doch sollte das Unerwartete geschehen! Es ist bisher nur wenig bekannt, daß Sophie Charlotte das Opfer eines ärztlichen Scharlatans wurde, und daß sie schwerlich in der Blüte ihrer Jahre das Zeitliche gesegnet hätte, wenn sie nicht in Hannover, sondern in Berlin erkrankt wäre, wo tüchtige Leibärzte zur Hand waren, die eine richtige

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