Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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55 besteht auch die tragische Schuld der Paulinischen Lehre, daß sie das Individuum mit all seinem naturalistischen Beiwerk zum Quellpunkt der Ethik erhebt. Sarkastisch genug bemerkt hierzu Lessing: Wohl ihnen, daß er ein so guter Mensch noch war. Und so sind alle Trübungen der sittlichen Idee einzig und allein auf die biologische Fassung des Jndividualbegriffes zurückzuführen. Freilich bildet auch in der Ethik das Individuum einen konstitutiven Grundbegriff. Aber nicht das Individuum der Biologie und Physiologie, das wäre Einzelheit, sondern das Individuum als Vertreter der Allheit. Die Allheit muß in ihm realisiert werden, und diese Allheit ist die Menschheit in ihrer unendlichen Zusammenfassung. Ein solches Individuum ist keine Tatsache, keine Wirklichkeit, sondern im harten Kampfe mit den Mächten der Mehrheit, des Naturalismus und Egoismus muß ewig neu es errungen werden. Niemals kann deshalb die Geschichte die Begründung ethischer Prinzipien übernehmen. Man kennt ja die Anschauungen zur Genüge, die bald das Individuum, bald die Jndividualgruppen der Rassen und Klassen als Schöpfer ethischer Werte deklarieren. Aber man kennt auch die verderblichen Konsequenzen, die sich aus jenen Theorien ergeben. Welche Rasse, welches Individuum soll es denn sein, das Ethik erzeugt, das Nachahmung erheischt? Etwa die „seltenen Exemplare", die Mächtigen, die Heroen, in denen die Natur ihre höchste Entwicklungsfähigkeit erreicht? Doch welcher Heros verdient den Vorzug? Mit welchem Maßstab, unter welchem Rechtstitel entscheiden wir uns für den einen und nicht für den andern? Wir sehen, wie bei solchen Voraussetzungen, bei solcher Fassung des Jndividualbegriffes die Ethik im seichten Bette Persönlicher Empfindungen und subjektiver Relativitäten versandet. Die schädlichen Folgen dieses Jndividualbegriffes zeigen sich noch in anderer Weise. Wenn das Individuum in seiner selbstischen, naturalistischen Grundlage die treibende Kraft in der Geschichte bedeutet, dann bilden alle wahren sittlichen Kulturgüter als Ausfluß der Natur ein unlösbares Problem, und alle ethischen Forderungen, die man von den bestehenden Rechts- und Wirtschaftsformen abstrahierte, wären nichts als reine Reflexbilder, losgelöst von dem reinen erzeugenden Charakter des Bewußtseins. Da aber die sittlichen Ideen auch als reine Erkenntnis gelten, .insofern sie den erzeugenden Charakter theoretischer Begriffe haben, so wäre mit der Preisgabe ihres erzeugenden Wertes der Erzeugungscharakter des Bewußtseins überhaupt aufgehoben, der Geist, das begriffliche Denken, annulliert die Weltgeschichte mit der Naturgeschichte identifiziert. Soll aber die Geschichte in ihrer Selbständigkeit erhalten bleiben, soll sie nicht in einer tautologischen Uebertragung der Naturgesetze auf Elementenkomplexe bestehen, so muß sie Geschichte der sittlichen Ideen werden, die ihres schöpferischen Prioritätswertes in den Höhen und Tiefen der Weltgeschichte sicher werden. Nicht das biologische, sondern das ethische Individuum, das Individuum der Allheitsidee kann als wahrhaftes Geschichtssubstrat, als wahrhafter Kulturerzeuger in Betracht kommen. Mag auch die rauhe Wirklichkeit gar oft den Glanz der Idee verdunkeln, verschwinden kann sie nimmermehr. Und wie in der Geschichte so bilden auch in der Soziologie die ethischen Ideen die stillschweigende Voraussetzung. .Die Soziologie, die Lehre der Gesellschaft, überträgt das Gesetz der biologischen Entwicklung auf das soziale Individuum. Aus der rohen Grundmasse .sozialer Instinkte werden die komplizierten feingliedrigen Elemente herausdifferenziert, um in einer höheren Einheit den sozialen Organismus zu begründen. Und welche Einheit käme hierbei in Frage? Sehen wir nicht, wre gerade in der Korrektur staatlicher Einrichtungen durch den Gesellschaftsbegriff immer wieder unbewußt die Einheit der Allheit zum Durchbruch kommt? Sind es nicht immer wieder die sittlichen Ideen, die jede absolute Starrheit veralteter Institutionen in relative zurückführen? „Es ist nicht richtig, daß die Ideen verdampfte Einrichtungen sind, vielmehr sind die Einrichtungen geronnene Ideen." Ist es nun Cohen gelungen, auf diesem Wege die Selbständigkeit der Ethik als Erkenntnis, als Wissenschaft zu erweisen, so verabsäumt er auch nicht, die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Begründung der Ethik ins rechte Licht zu setzen. Es ist namentlich die „Ethische Kultur", die gerade eine wissenschaftliche Begründung für überflüssig erachtet, da ja ohnedies das Sittliche als etwas Angeborenes und Natürliches sei „und nur die Religion diese Natur des Sittlichen verdorben und unkenntlich gemacht habe". Es sind wahrhaft klassische Worte, die Cohen zur geschichtlichen Ehrenrettung der Religionen spricht: „Der Fehler läßt sich auch als ein solcher in der geschichtlichen Einsicht bezeichnen. Die Religion gehört der Geschichte auch in Rücksicht auf die Geschichte der sittlichen Ideen an. Die sittlichen Ideen sind nicht von selbst gewachsen, sondern Individuen haben sie gedacht und hervorgebracht. Wer waren diese Individuen? Sicherlich waren es auch Philosophen und Dichter und Richter und Staatsmänner; aber vielleicht nicht nur zeitlich vor ihnen allen, sondern der eindringenden Energie und der Wucht nach waren es die Stifter der Religionen, welche die sittlichen Ideen erdachten, für ihren Wert stritten und ihr Leben dahingaben. In neuerer Zeit ist der typische historische Charakter aufgedeckt worden, den die israelitischen Propheten im Leben der Menschheit einnehmen. „Er hat dir gesagt, o Mensch, was gut ist." Dieser Ausspruch bildet die Devise des Prophetismus/ Gott ist es, der verkündet. Das ist die Schranke. Nicht der menschliche Geist, nicht die wissenschaftliche Vernunft ist die Quelle und das souveräne Mittel. Diese Schranke bezeichnet der mythologische Begriff der Offenbarung." „Aber die Offenbarung bleibt nicht bei diesem mythologischen Ausgang stehen. Die Schranke zerbricht sich selbst; die auswärtige Quelle fließt unversehens in eine eigene über: in die der menschlichen Vernunft, sofern der Begriff der Vernunft den Menschen mit Gott vereinbart und versöhnt. Gott verkündet dem Menschen. Und was verkündet er dem Menschen? Was gut ist. So macht der Prophetismus das Gute zum Inhalt der Religion. Nichts anderes soll fernerhin der Vorwurf und das Interesse der Religion sein als das Sittliche. Nichts anderes also als der Mensch; vielmehr die Menschen, wie sie der Eine Gott für die Eine Menschheit vereinigt. Der Name Gott soll fernerhin nichts anderes zu bedeuten haben als die Bürgschaft für diesen Gedanken, für diese Ueberzeugung von der Einen Menschheit." „Es ist daher Unwissenheit und Unbildung, wenn man die Religion mit ihren sittlichen Schätzen und Quellen verdächtigt und entbehrlich zu machen glaubt; wie will man sie denn ersetzen, zumal wenn man auch die Philosophie als Metaphysik ablehnt?" „Wenn anders daher die Religion an der Kenntnis des Sittlichen unverächtliche Verdienste hat, so verscherzt und verliert man ihre praktische Mitarbeit, wenn man für die sittliche Kultur sie abweist und ausschaltet." Dann aber ensteht die große Gefahr, daß. die Religion wieder dem mythologischen Interesse, dem Kultus überantwortet wird, der ja wieder eine Gefährdung der Vernunft bedeutet. „Daher eifern die Propheten gegen den Kultus." Zwar erkennt Cohen gern an, daß der Kultus für die Sammlung des Menschen und seiner Andacht an den Gedanken der Sittlichkeit große