Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228642--61451-3275272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
52 M » dadurch Leben und Eigentum englischer Untertanen in Rußland gefährdet würden. Was sollen aber die armen russischen Juden tun? Ihr Protest würde entweder nicht gehört oder Vielleicht gar noch verhöhnt und bedroht werden. Zum Glück glaubt kein Mensch in und außerhalb Rußlands an jene unsinnigen Behauptungen. Sie sind vielleicht auch nur erfunden. Aber schon' daß sie erfunden und verbreitet werden konnten, zeigt klar und deutlich, was man von dem Geiste der russischen Polizeiwillkür so ziemlich in ganz Europa zu halten hat. Sein letztes Hilfsmittel ist immer die Judenhetze. Man könnte das für eine Geisteskrankheit halten, wenn man nicht genau wüßte, daß es nichts weiter ist als die teuflische Bosheit einerschlechten Politik, die auf dem letzten Loche pfeift. * Man schreibt uns aus Südrußland: „Der offizielle Bericht des Kischinewer Komitees zur Unterstützung der beim Krawall geschädigten Juden, den Sie vor mehreren Monaten bereits ausführlich besprochen haben, liegt nunmehr seit einigen Tagen gedruckt vor. Sehr ist an der Hand des Berichts den: Ursprung der ca. 1 004 000 Rubel, die im Verlauf von 3 Monaten nach Kischinew geflossen sind, nachzugehen. Im ganzen sind aus .668 jüdischen Gemeinden Gelder nach Kischinew geschickt worden, wobei noch zu bemerken ist, daß die im Bericht als Absender angegebenen Gemeinden ihrerseits nur als Sammelstelle, als Bassin für den in zahlreichen Bächlein fließenden. Goldregen funktioniert haben. Es ist nun bezeichnend, daß die Million spaniolischer Juden sich anscheinend bei der Sammlung gar nicht beteiligt haben. Das Wohl und Wehe der jüdischen Gesamtheit berührt offenbar diese abgetrennten Glieder unseres Volkskörpers nur noch sehr wenig. Das holländische Judentum brachte ganze 1100 Rubel, die 30000 Juden Jerusalems 45, die 2000 von Jaffa dagegen 162 Rubel zusammen. Letztere Zahlen sprechen für die veredelnde Wirkung der Kolonisation Palästinas ganze Bände. Auch die Juden Galiziens haben sich insofern zurückhaltend benommen, als sie für Kischinew nicht mehr als 1283 Rubel zusammenbrachten. Nur das Städtchen Tschertkow in Galizien, in dem ein sehr vernünftiger Wunderrabbi residiert, hat sich durch eine Sammlung von 809 Rubel hervorgetan. Auch das übrige Oesterreich ist seinen unwillkürlichen Traditionen treu geblieben, indem es alles in allem 4000 Rubel (es sind das die von der Wiener- Alliance aus Anstand bewilligten 10000 Kronen!) geschickt hat. Ungarn (Budapest) brachte es aus 10 743 Rubel, wobei das „Pester Abendblatt", das 1180 Rubel sammelte, noch tüchtig geholfen hat. Das französische Judentum hat sich bei dieser Gelegenheit gleichfalls nicht mit Lorbeeren bedeckt. Paris sandte 10000 Franks und in Nizza wurden 500 Rubel gesammelt. Das war alles. Das kleine Bulgarien brachte 1767 und das arme Rumänien gar 4464 Rubel auf. Die Schweiz sandte 800 und Italien 5317 Rubel ein. Von den im Entstehen begriffenen jüdischen Zentren in Amerika, sandte das noch sehr junge in Kanada 2370, das etwas ältere in Argentinien 4706 Rubel (davon allein Buenos-Aires 3823 Rubel). Ueberaus nobel haben sich die Juden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gezeigt. Die Sammlung ging von 16 Plätzen aus, wobei Philadelphia 15365, Chikago 32 736 und Newhork gar 121179 Rubel aufbrachte. Im ganzenbrachte das neue jüdische Zentrum jenseits des großen Wassers 177 482 Rubel — 17 Prozent der gesamten nach Kischinew abgeschickten Gelder auf. Dagegen hat das englische Judentum seinen alten Ruf diesmal wenig bewährt. Aus sechs Plätzen Englands kamen nur 54206 Rubel. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, daß die Engländer in weiser Voraussicht kommender Krawalle einen Teil der gesammelten Gelder noch zurückbehalten haben, wie ja auch der Hilfsverein der deutschen Juden sich klugerweise einen tüchtigen Spargroschen zurückbehalten hat, um bei Ereignissen wie Homel rc., ohne von neuem sammeln zu müssen, sofort mit einem größeren Betrag ein springen zu können. Von den 560000 Mark, die der Hilfsverein gesammelt hat, sind im ganzen nur 25 000 Mark direkt nach Kischinew, 230 000 Mark dagegen nach Petersburg als Reservefonds geschickt worden." Zusammen mit den erwähnten 25 000 Mark des Hilfsvereins sind nach Kischinew aus 17 Plätzen Deutschlands 78 580 Rubel geflossen. Auf mancher Universität wurde unter den russisch-jüdischen Studenten und in manchen Orten unter den dort ansässigen kleinen Gruppen russischer Juden gesammelt. Von den großen jüdischen Gemeinden sandten nach Kischinew: Frankfurt a. M. 10 000, Breslau 6019, Hamburg 26 450 und Berlin 38 273 Rubel. Die meisten Beträge aus Deutschland, über die das Kischinewer Komitee nunmehr dankend quittiert, sind wohl die Ergebnisse der von der Alliance daselbst veranstalteten Sammlungen. Den Löwenanteil an Beiträgen hat aber Rußland selber geleistet. Die russischen Juden haben dadurch den Beweis erbracht, daß sie in erster Reihe sich selber zu helfen suchen und nur im Falle äußerster Not die Hilfe ihrer ausländischen Volks¬ und Glaubensgenossen in Anspruch nehmen. Aus 588 Städten Rußlands sind nach Kischinew nicht weniger als 1 392 925 Mark geflossen, wobei manche Städte ganz enorme Beträge aufgebracht haben. So kamen in Lodz 26, in Muskau 29 und in Odessa 30 000 Rubel zusammen. In Kiew wurden 42 600, in Warschau, wo zwei hebräische Tageblätter eifrig mitgesammelt hatten, 47 000 Rubel gesammelt. Die Kischinewer Reichen, die im ersten Schrecken 100 000 Rubel gezeichnet hatten, zahlten, da sie sahen, daß von anderswo soviel zusammenkommt, nur 50 000 Rubel und selbst dieses geschah erst nach vielem Hängen und Würgen ... Sehr bedeutend waren die Beträge aus Petersburg, wo sieben Zeitungen (fünf jüdische und zwei russische) für Kischinew eine Subskription eröffnet haben. Von diesen Blättern brachten die „Nowosti" 46 897, die inzwischen eingegangenen hebräischen Blätter „Hameliz" und „Hasman" 11756 und „Der Fraind" 12 000 Rubel. Bezeichnend für das jüdische Kulturleben in Rußland ist, daß das in russischer Sprache erscheinende Wochenblatt „Wosfchod" allein soviel sammeln konnte, als alle in Rußland erscheinenden jüdischen und hebräischen Blätter zusammen.^ Der „Wosschod" lieferte nämlich nach Kischinew 50 140 Rubel ab. Im Ganzen sandten die Petersburger Blätter 121315 Rubel, wozu noch 47 347 Rubel sonstiger Beiträge hinzukamen, so daß Petersburg allein nahezu 17 Prozent c>er gesamten Beiträge lieferte. Zum Schluß wollen wir noch aus die merkwürdige Tatsache aufmerksam machen, daß ein sehr großer Teil der aus Rußland nach Kischinew gesandten Summen aus den russischen Städten außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons stammt. & Die Einwanderung der Juden in Kanada ist bekanntlich in letzter Zeit ebenfalls sehr erschwert worden. Man schreibt der „Fr. Z." diesbezüglich aus Montreal vom 5. v. M.: „Es treffen jetzt mit fast jedem Dampfer große Trupps von russischen Juden hier ein und nach den Mitteilungen der Dampferlinien sind in den nächsten Wochen noch viele zu erwarten. Die Leute werden in St. John gelandet und dann nach Montreal weiter befördert, sind absolut mittellos, haben nicht eine Ahnung von der eng- - lischen Sprache und werden für die ja stets hilfsbereite Hirsch-Gesellschaft eine schwere Last bilden. Ich möchte deshalb vor weiteren Abschüben nach Kanada auf das Eindringlichste warnen, denn die Aussichten sind hier in Montreal, der Hauptzentrale des kanadischen Judentums, äußerst traurige und die bemittelten Israeliten sind beim besten Willen nicht imstande, auch nur einem kleinen Prozentsätze der Neulinge Arbeit zu verschaffen. Meiner Warnung muß ich auch die leidige Tatsache hinzufügen, daß sich gegen die Juden (Montreal zählt bereits über 20000) wegen ihrer Konkurrenz innerhalb der Bevölkerung, besonders der französisch-kanadischen, eine nicht viel Gutes verheißende Mißstimmung bemerkbar macht. Die Kreise, welche die Auswanderung der notleidenden Juden leiten, sollten daher von einerweiteren Verweisung aus Kanada wenigstens für einige Zeit abstehen." Wie wir bereits mitgeteilt, ist Premierminister Laurier eritschlossen, die weitere Einwanderung mittelloser russischer Juden nicht zuzulassen. Nur Landarbeiter sollen provisorisch unterstützt werden. Ja, die Regierung hat sogar den Betrag, den jeder einwandernde russische Jude bei der Landung in Kanada bar ausweisen muß, von 10 auf 25 Dollars für die erwachsene Person erhöht. Kinder müssen 5 Dollars besitzen.