Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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-—— 51 -- rein semitischen. Charakters des famaritisch-galiläischen Mischvolks dürste sich, wie Herr Delitzsch bescheiden, meint, „in Zukunft auch für die neutestamentliche Forschung als der Berücksichtigung wert ausweisen." Das heißt mit dürren Worten als das Fazit der ganzen Untersuchung: das Judentum wird einfach aus der Kultur der Menschheit ausgeschaltet. Aus sagenhafter Urzeit führt zu den Babyloniern und von diesen der Weg weiter direkt zu Christus, dem Arier, der nach Delitzsch „alle die Schranken, welche partikularistische Volksgötterei zwischen Gott und der Welt aufgerichtet hatte, beseitigte und weltweiten Blickes in die Herzen der Menschen eine neue universelle Anschauung von Gott und seinem Verhältnis, zur Menschheit Pflanzte." Herr Delitzsch ist also, wie gesagt, am Ziele. Aber wir glauben, daß er dort mit Herrn Chamberlain ziemlich vereinsamt bleiben wird, denn weder die Theologen, noch die Fachkritiker können und werden ihm dahin folgen. Indem wir den letzteren das maßgebende Urteil auch über die letzte Leistung überlassen, wollen wir für heute nur noch dies eine bemerken : Der ernsthaften Forschung darüber, welchen tatsächlichen Einfluß Babel auf die Bibel geübt, hat Delitzsch durch seine abenteuerlichen Hypothesen selbst den größten Schaden zugefügt. Das Judentum aber kann auch diesen neuesten Angriffen mit voller Ruhe standhalten; es hat wahrlich schon andere Angriffe überwunden, als die der Berliner Assyriologie. * Der Versuch, wenigstens den bayrischen Teil des Zentrums für den politischen Antisemitismus sestzulegen, ist gründlich mißglückt. Bekanntlich hatte die Sektion Traunstein des Volksvereins für das katholische Deutschland auf dem letzten Delegiertentage den Antrag gestellt, das Zentrum solle in seinem Wahlprogramm den Kampf gegen den zersetzenden Einfluß des Judentums auf das Volksleben aufnehmen. Freiherr von Schorlemer und Rechtsanwalt von Heeg hatten den Antrag eingebracht und vertreten. Der Antrag wurde aber gerade von dem Abgeordneten Dr. Heim auf das lebhafteste bekämpft und vom Delegiertentag, wie zu erwarten, abgelehnt. Hierzu schreibt nun voller Wut das Münchener „Deutsche Volksblatt": „Die an Stelle des Antrages angenommene Resolution, welche wirksames Einschreiten der Staatsgewalt gegen jede gemeinschädliche Erwerbstätigkeit und gegen die undeutsche Verletzung von Treu und Glauben im Geschäftsverkehr, gleichviel von welchem Stand und welcher Konfession sie betrieben wird, verlangt, ist so nichtssagend und wertlos wie möglich. Uns hat das Schicksal des Traunsteiner Antrages selbstverständlich nicht im geringsten überrascht, wir wären vielmehr erstaunt gewesen, wenn sich der Delegiertentag für den Antrag entschieden hätte. Wer vom Zentrum etwas anderes als Wassersuppen erwartet, befindet sich gründlich aus dem Holzwege. Ju der Judenfrage entwickelt sich die Partei, seit der Berliner Wind die Segel des Zentrums schwellt, in ausgesprochen philosemitischem Sinne, so daß der sel. „Tränkchenbrauer von Montabaur", Dr. Lieber, noch im Grabe seine Freude daran haben könnte." Dieser gehässige Ausfall gegen den seligen Dr. Lieber, da man an den Namen Windthorst selbst sich doch nicht heranwagte, wird den bayrischen Antisemiten wenig Sympathien zuwenden. .Auch der Versuch, die sogenannte Mittelstandspartei in Bayern populär zu machen, ist mißglückt, und die Berliner Führer sind in München geradezu ausgelacht worden. Wenn man aber wissen will, weß Geistes Kind die beiden Antragsteller auf dem Delegiertentag der bayrischen Zentrumspartei eigentlich sind, so braucht man nur in den von dem einen herausgegebenen „Traunsteiner Nachrichten" die Begründung des Antrags selbst zu lesen. Die Herren stehen auf dem Standpunkte, daß „die gesetzliche Gleichstellung der Juden mit den Staatsbürgern christlicher Konfession ein übereilter, durch nichts gerechtfertigter Schritt war, der für jeden Staat, wo er erfolgt ist, die verhängnisvollsten Wirkungen gezeitigt hat." Davon ausgehend, verlangen sie nun „eine Beschränkung in bezug aus die Zulassung zu gewissen staatsbürgerlichen Aemtern und Funktionen, eine Beschränkung in bezug auf die gewerbliche Tätigkeit, d. h. eine völlige Umgestaltung jener Gesetze, die es dem Judentum ermöglicht haben, den Ruin des christlichdeutschen Mittelstandes unaufhaltsam herbeizuführen." Daß die bayrischen Zentrumsleute von dieser Sorte Politik nichts wissen wollten und die Antragsteller rasch nach Hause schickten, wird man nur zu begreiflich finden. * Im preußischen Landtag wies am Montag beim Kapitel „Oberlandesgerichte" Abg. Gyßling (fr. Vp.) auf die differenzielle Behandlung jüdischer Richter bei der Beförderung hin. Kein Landgerichtsdirektor, kein Staatsanwalt sei jüdischer Konfession; jüdische Assessoren wurden bei der Verleihung von Kommissorien zurückgesetzt. In dieser Behandlung, die sich ja auch bei der Ernennung jüdischer Anwälte zu Notaren zeige, liege System. In einer Zeit, wo Graf Pückler große Anhängerscharen findet, wo im Reichstag eine antisemitische Partei fortgesetzt Hetzreden hält, wo im „Verein deutscher Studenten» in Gegenwart allerhöchster Personen dem Judentum der Absagebrief erteilt ist, halten wir es für richtig, erneut darauf hinzuweisen, daß das bisherige Verhalten der Justizverwaltung nicht der Verfassung entspricht. <§> Jetzt endlich glauben wir an die Möglichkeit einer Emanzipation der Juden in Rußland. Alle bisherigen Versuche und Versprechungen konnten wir nur zweifelnd oder ungläubig ausnehmen, aber seit den letzten Ereignissen im Zarenreiche sind unsere Zweifel beseitigt. Seit den Schlachten von Kischinew und Homel die Schlacht bei Petersburg gefolgt, seit wir gesehen, daß in Rußland Christen wie Juden auf Befehl der Polizei und der höheren Führer erschossen und erstochen worden, seit diesem Moment sind wir der Ueberzeugung, daß eine Gleichstellung nicht ausgeschlossen, ja vielleicht sogar nähergerückt ist, als man glauben sollte. Freilich wird vorher noch viel Blut fließen; aber trotzdem ist die Hoffnung nicht mehr abzuweisen, daß in absehbarer Zeit wie für das russische Volk so auch für die dortigen Juden bessere freiere Tage kommen werden. An dieser Hoffnung muß festgehalten werden, selbst wenn in nächster Zukunft eine noch schärfere Reaktion Platz greifen sollte. Auch hierfür sind ja bereits Anzeichen. Meldet doch der Korrespondent des „Daily Telegraph“ aus Petersburg, der neue Generalgouverneur Trepow habe einem deutschen Berichterstatter erklärt, „es sei moralisch sicher und könne fast bewiesen werden, daß die gesamte Bewegung von Juden arrangiert wurde, die die Arbeiter mit fremdem Gelde bezahlten. Die Absicht dieser ewigen Feinde Rußlands sei, Schwierigkeiten für das Zarentum während dieser kritischen Periode der russischen Geschichte herbeizusühren." Diese Aeußerung erklärt gewisse amtliche Anschläge in Moskau und Odessa, nur wurden in diesen nicht die Juden, sondern die Engländer und Japaner beziehungsweise die Japaner und deren . europäische Verbündete hierfür verantwortlich gemacht. Gegen diese Unterstellung hat die englische Botschaft energisch protestiert, indem sie darauf hinwies, daß