Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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zu betrachten sind, so dürfte in Rumänien der Weg für eine friedliche Lösung auch dieses Problems gebahnt erscheinen. Schlimmer sieht der Bericht her Association die Lage der Juden in Marokko an, in deren Interesse während des abgelaufenen Jahres 1904 sowohl die Gesellschaft wie das britische Auswärtige Amt durch Vermittlung seiner Konsuln mehrfach tätig gewesen sind. Dem Geschäftsträger in Tanger, Herrn A. Nicolson und dem Konsul in Casablanca, Herrn Allan Maclean, gebührt unser aller Dank, weil sie sich der verfolgten 5000 Juden in Dar-al-Saida tatkräftig angenommen haben, wenn sie auch nicht verhindern konnten, daß durch räuberische Ueberfälle in einer Umgebung von 40 Meilen an 1200 Israeliten, Männer, Frauen und Kinder absolut ruiniert und obdachlos gemacht wurden. Es darf hierbei hervorgehoben werden, daß sich das britische Konsulat in Dar-al-Saida bei dem „Hilssverein der deutschen Juden" direkt für' die dorthin gesandten 2000 Mark, welche an die Unglücklichen verteilt wurden, bedankt hat. Im ganzen sind durch Vermittlung der A. J. A. fast 20 000 Mark nach Casablanca gesandt worden. Die Berichte über die jüdischen Schulen in Marokko, welche die Association unterstützt, lauten günstig. Der Leiter der vor zwei Jahren eröffneten jüdischen Schule in Mogador, Herr S. Weinstein (früher in Kairo), lobt namentlich das Interesse der Einwohner an dem hebräischen Unterricht. Der britische Vizekonsul in Mogador hat die Schule inspiziert. Interessant ist in dem Bericht des Lehrers die Bemerkung, daß die Schüler den Besuch des gemeinsamen Kricket- Spielplatzes aufgegeben haben, weil die Juden in Mogador derartig organisierte Spiele wie Kricket „als gegen das jüdische Gesetz verstoßend" erachten. Die in Mogador neben der Knabenschule (80 Schüler) bestehende Mädchenschule (180 Schülerinnen) hat durch die Güte des Londoner Damenkomitees der A. J. A. für die ärmeren Mädchen -Kleidungsstücke erhalten. Der Schulunterricht ist gänzlich kostenlos. In gutem Zustande befinden sich auch die jüdische Knabenschule in Tanger (306 Zöglinge) und die Mädchenschule in Tetnan (243 Zöglinge), die sämtlich von der Association bedeutende Subventionen erhalten. Die Schulen in Aegypten, in Alexandria und Kairo wurden 1904 durch den Besuch des Vorsitzenden der Association, Herrn Claude Montefiore, ausgezeichnet, der über diese Inspektion an die Alliance in Paris berichtete. Leider stehen nur die höheren jüdischen Schulen in Kairo und Alexandria unter der Leitung der Alliance, aber nicht die Elementarschulen. In den besseren Schulen lernen die Schüler vier Sprachen, Arabisch, Französisch, Englisch und Hebräisch. Der junge deutsche Lehrer in Kairo, welcher den englischen Unterricht leitet, wird von Mr. Montefiore sehr gelobt. Eine sehr dankenswerte Zugabe zu dem 33. Jahresbericht der Association sind die hübschen Photographien der Lehrer, Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen in Gruppenaufnahmen von den jüdischen Schulen in Adrianopel, Haskeui (Konstantinopel), Bagdad (zwei Ausnahmen) und der Evelina von Rothschild-Schule in Jerusalem. Die letztgenannte Schule, welche von N. M. Rothschild und Sohn mit 18 000 Mark, von der Jewish Association mit 10 000 Mark unterstützt wird, hat jetzt 620 Zöglinge, die mit ihren intelligenten Gesichtszügen und in ihren weißen Kleidern auf dem Gruppenbilde einen äußerst ansprechenden Eindruck machen. 200 Waisen und Kinder verlassener Witwen erhalten freie Kost. Londoner Wohltäter ermöglichen auch die Verteilung von Chanukah- und Purimspenden. Ihrer Generosität verdankt die Schule einen großen Museumsschrank, in dem die Flora und Fauna von Palästina in schönen, von Lehrern und Schülern präparierten. Exemplaren aufbewahrt wird. Außerhalb der Schulstunden wird in einer besonderen Galanteriewaren-Klafse f Handarbeitsunterricht erteilt. Bei einer erstmaligen Ausstellung ' [ der Arbeiten der Schülerinnen wurden. für über 400 Franks Galanteriewaren, Stickereien und Spitzen verkauft. Ueber die jüdischen Schulen in Haifa erzählt der Bericht der Association, daß der römisch-katholische Klerus, leider mit teilweisem Erfolg, eine Propaganda betreibt, um die.Kinder ihrem väterlichen Glauben und den jüdischen Schulen zu entziehen. Einen ganz außerordentlich intelligenten Eindruck machen die Zöglinge der Knabenschule in Bagdad, die übrigens auf dem beigegebenen Gruppenbilde, mit Ausnahme der Lehrer, sämtlich den Fez auf dem Kopf haben. Die jüdische Knabenschule in Bagdad hat 458 Schüler, sie wurde seit 25 Jahren von Herrn Morris Cohen geleitet, der viel für die Verbreitung der Zivilisation dort getan hat und krankheitshalber jetzt zurücktritt. Ein großer Teil der Zöglinge wird zu Handwerkern ausgebildet. > Goldene Worte sind es, die im 33. Jahresbericht der Vor- I sitzende der A. J. A., Herr C. Montefiore, als würdiger Nach- | solger seines großen Ahns, der religiösen Erziehung der f jüdischen Jugend widmet. Nach seiner Meinung ist auch alles 1 Geld, das an direkt irreligiöse Emigranten gewandt wird, die | dann in den schlechten Quartieren der Großstädte noch weiter sinken, direkt weggeworfen. Mit Freude begrüßt es aber Herr | Montefiore, daß es der mit der Association Hand in Hand j gehenden Jüdischen Kolonisationsgesellschaft gelungen ist, in ,] Argentinien bereits 7000 russische Juden zu tüchtigen Ackerbauern zu machen, die sonst in Ghettos des Ostens verkommen j| wären. Doch muß die Erringung der Freizügigkeit für die I Juden Rußlands das Hauptziel, die Emigration darf stets ein *| Notbehelf nur sein, und vor allem, mahnt der Vorsitzende der 1 Anglo Jewish Association, ist es in der jetzigen kritischen Zeit } mehr als je nötig, daß die Leiter der jüdischen Kolonisation ’j gegenüber dem Ansturm den Kops kühl und klar behalten! 1 1 Sit Wucht. Berlin, 1. Febraur. | err Professor Fri edrich Delitzsch ist, rascher als zu erß warten war, auf abschüssiger Bahn an dem Ziele an- | gelangt, das ihm Einsichtige schon noch seinen beiden ersten I Vorträgen prophezeit haben. Er steht jetzt dicht neben Abr. | Chamberlain und wird es sich gefallen lassen müssen, fortan 1 so wie dieser behandelt zu werden. In seinem soeben erschienenen dritten und Schlußvortrage über „Bibel und j Babel" versucht er ein Bild von der babylonischen Ethik und Religion zu geben, das in der Tat funkelnagelneu ist. - Als Vergleichsobjekt dient ihm beständig natürlich das alte '] Testament. Wir erfahren hier zum erstenmal, daß das Gebot | der Nächstenliebe schon in Babylon heimisch war, daß die tiefere Auffassung Israels von dem Wesen der Sünde ebenfalls \ in Babel ihren Ursprung habe und endlich — als Krönung das Gebäudes — daß „auch die Lieferen Denker Babyloniens I hinter der Mannigfaltigkeit der Einzelgottheiten die . ideelle Einheit der Gottheit ahnten." Fast will es uns scheinen, als ob auch Herr Delitzsch das meiste von dem nur geahnt hat, was er hier vorbringt. Aber das alles ist nicht die Hauptsache. Der Kern seiner Ausführungen ist vielmehr die Hypothese, daß die Samariter und die Galiläer ihrem Ursprung nach Babylonier seien. Diese „Feststellung" des babylonischen und schon deshalb nicht