Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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69. Jahrgang. No. 5. 'HTTf/t Af A Berlin, 3. Fehrnarl905. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 NI. ReSsktenrr Gustav Rarpele». Begründet von Rabbinev D*« Ludwig Philixpson. VerlSM-rrpeSitioll: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße $6H9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Der 33. Jahresbericht der Anglo Jewish Association. Berlin, 1. Februar. ^!^as englische Judentum hat in der jetzigen kritischen Zeit zwei „große alte Männer" an seine Spitze berufen. Auf Veranlassung, des Präsidenten der Anglo Jewish Association, des Herrn Claude Montefiore, eines Neffen des berühmten Philantropen Sir Moses Montefiore, hat die Association dieser Tage ihren dereinstigen Begründer, den Prediger Dr. A. Loewh,. der im Interesse seiner Glaubensbrüder 1874 Rußland besuchte, und Herrn Leopold Schloß zu Vizepräsidenten erwählt. Herr- Claude Montefiore weilte zur Wiederherstellung seiner Gesundheit bereits im vorigen Winter im Süden und ist auch in der gegenwärtigen Zeit, welche durch die Cmigrationsfrage so dringende Aufgaben erhalten hat, infolge seines Leidens von London abwesend und verhindert, anders als auf schriftlichem Wege an den Arbeiten des Exekutivkomitees Teil zu. nehmen. Es dürste allgemein interessieren, daß sich außer dem Oberrabbiner Dr. Adler, der gegenwärtig die Association leitet, unter den Vizepräsidenten mehrere Parlamentsmitglieder befinden, ferner Se. Exzellenz Major Sir Matthew Nathan, Gouverneur von Hongkong, der frühere Oberbürgermeister von London, Baron Faudel-Philipps, Baron Eduard Sassoon, Leopold von Rothschild und Honorable Lord Rothschild. Sehr nachahmenswert für Berlin speziell und namentlich auch für die derzeitige Fürsorge der Westeuropa passierenden Emigranten scheint uns die von der Association getroffene Einrichtung eines ständigen Damen ko mite es, das unter der Leitung der Frau Leopold von Rothschild steht und sich besonders die Sorge um die zahlreichen Mädchenschulen angelegen sein läßt, welche die Association für unsere Glaubensgenossen im Orient unterhält. Diesen Damenkomitees gehören auch einige junge unverheiratete Damen an, welche es vorziehen, sich nicht nur den Zerstreuungen der Gesellschaft, sondern mehr den großen Fragen zu widmen, welche zurzeit die Judenheit auf dem ganzen Erdenrunde bewegen. Der Krieg zwischen Rußland und Japan hat namentlich den Zweigverein der Gesellschaft in Nagasaki (Japan) in Mitleidenschaft gezogen, da viele Juden dort die Stadt verlassen haben. Der Jahresbericht der Association spricht die Hoffnung aus, daß sich die Beiträge aus Japan aus ihrer früheren Höhe, etwa 500 Mark jährlich, erhalten werden. An dieser Stelle dürste interessieren, daß sowohl der Vorstand des japanischen jüdischen Hilfsvereins der A. J. A. wie seine Mitglieder deutsche Namen führen. Der Vorstand besteht aus den Herren S. Leßner (Vorsitzender), K. Eisenstark (Schatzmeister) und den Herren A. Fuchsmann, A. Grünberg und S. Kohn, während unter den Mitgliedern noch mehrere Leßner, Goldenberg, Teller, Frau R. Goldmann zu erwähnen sind. Sicherlich dürfte, da Japan sich in den letzten Jahrzehnten als einer der intelligentesten Großstaaten bewährt hat, die von unfern Glaubensgenossen in Japan gepflanzte kulturelle Saat nach Beendigung des Krieges noch weitere und edlere Früchte tragen, und es wäre eine eigenartige Ironie der Geschichte, wenn Japan später einmal durch die soziale Stellung der dort einwandernden Juden auch auf diesem Gebiete den Sieg über Rußland erränge, das bekanntlich den Juden den Aufenthalt im fernen Osten und in der Mandschurei vor dem Kriege nicht gestatten wollte. Der vorliegende 33. Jahresbericht der Anglo Jewish Association erwähnt bereits mehrere Interventionen seiner hervorragenden Vertreter in Angelegenheiten der russischen Juden. So wurden für die Unterstützung der Juden in Hornel 20 000 Mark bewilligt. Am ersten Tage des Pessachsestes begab sich der inzwischen verstorbene F. D. Mocatta, Vizepräsident der Gesellschaft, mit mehreren Vertretern der jüdischen Gemeinde in London nach dem Auswärtigen Amt, wo sie in Angelegenheiten der während des russischen Osterfestes bedrohten südrussischen Glaubensgenossen eine Unterredung mit dem Unterstaatssekretär hatten. Der Leiter des Auswärtigen Amtes, Marquis of Landsdowne, wandte sich sofort in dieser Angelegenheit an den englischen Botschafter in Petersburg und konnte auf Bericht der Association, welche das offizielle Schreiben abdruckt, mitteilen, daß bezüglich der südrussischen Juden ihre Befürchtungen glücklicherweise zurzeit grundlos seien. In betreff der Lage der Juden in Rumänien verzeichnet der Bericht der Anglo Jewish Association ebenfalls einige Besserungen und Lichtpunkte. Der Ton der rumänischen Presse in Sachen der Judenfrage hat bereits viel von seiner früheren Heftigkeit verloren, auch Werden den Juden, namentlich soweit sie Handwerker sind, in letzter Zeit weniger Schwierigkeiten gemacht; die jüdischen Studenten der Medizin in Bukarest wurden als gleichberechtigte Mitglieder in die dortigen medizinischen Gesellschaften ausgenommen. Unter den Veteranen des letzten Türkenkrieges, denen die Regierung in der Dobrudscha frei Land, Wohnung und Ackergerät überwiesen hat, befanden sich 20 Juden. Wenn der Bericht der Association hervorhebt, daß nach einer offiziellen Statistik sich nur 200 000 Juden in ganz Rumänien befinden und daß diese, soweit sie in Rumänien geboren find, nach einer vom Berliner Kongreß geschaffenen Rechtslage anerkennenden Entscheidung des dortigen höchsten Gerichtshofes endlich als Bürger und nicht mehr als „Fremde"