Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 jüdischen Frauenbundes: Bertha Pappenheim, Frankfurt a. M-, Sidonie Werner, Hamburg', Henriette May, Berlin. r. Berlin, 22. Januar. Am 19. d. Bl. starb hier nach langem Leiden im Alter von 70 Jahren Frau Ernestine Stein, die Mutter des rühmlichst bekannten Prof. Dr. Ludwig Stein. Frau Stein, die durch lange Jahre in Berlin ihren Wohnsitz hatte, war eine Dame von ungewöhnlichem Wohltätigkeitssinn, den sie namentlich in hervorragender Weise betätigte, als im Jahre 1883 die Vertreibung vieler Juden aus Rußland stattfand; sie sorgte damals nicht nur mit ihren Mitteln, sondern auch mit persönlicher Opserwilligkeit für die zahlreichen Flüchtlinge, die längere Zeit in Berlin verweilten. Die vortreffliche Frau, deren stilles und hingebungsvolles Leben ganz nur ihrer Familie, ihren Kindern und dem Wohltun galt, ist namentlich zur Lebenszeit ihres unvergeßlichen Gatten Levi Stein, sel. Andenkens, stets hervorgetreten, wenn es im Dienste der Wohltätigkeit notwendig war. So manches gute Werk bleibt mit ihrem Namen verbunden. Ehre ihrem Andenken! — Posen, 17. Januar. Nach 30 jähriger kommunaler Tätigkeit ist der Stadtrat Kommerzienrat Herz aus dem Magistrat ausgeschieden. Von den städtischen Körperschaften wurde er aus diesem Anlaß zum Stadtältesten ernannt. Der Kaiser verlieh ihm den Noten Adlerorden IV. Klasse. Am 14. d. M. fand den: neuen Stadtältesten zu Ehren ein Diner statt, an dem Stadtverordnete und Magistrat mit dem Oberbürgermeister Dr. Wilrns an der Spitze sowie der Oberpräsident v. Waldow und andere Vertreter der Regierung teilnahmen. Herz ist auch Vorsitzender des Vorstandes der israelitischen Brüdergemoinde und vieler humanitärer Institute in unserer Gemeinde. Kp. Ans der Provinz Posen, im Januar. Die Vertretung der Synagogengemeinde zu Hvhensalza hat die Errichtung einer Heizungsanlage im dortigen Gotteshause beschlossen. — Lehrer Schapira in Briefen feierte unter zahlreichen Ehrungen anfangs dieses Monats sein 25 jähriges Amtsjubiläum. — Das seltene Fest der eisernen Hochzeit beging kürzlich in Witkvwv das Israel Moses Cohn'sche Ehepaar. -- Zum Stadtverordnetenvorsteher in Mogilno ist Kaufmann Leopold Le Win daselbst gewählt worben. — Der Regierungspräsident zu Posen hat den Beschluß der Gemeinde in Pudewitz,, das Repräsentantenkollegium aufzulösen und die Verwaltung nur dem dreigliedrigen Vorstande der dortigen Synagogengemeinde zu übertragen, genehmigt. — Fabrikbesitzer Ladendvrfs in Allen stein ist im Alter von 62 Jahren plötzlich gestorben. Derselbe war daselbst Stadtverordneter und langjähriges Mitglied des Repräsentantenkollegiums. l. Breslait, 20. Januar. Der Liberale Verein der Synagogengemeinde zu Breslau hat am 16. d. M. im kleinen Saale der Lessingloge seine Generalversammlung abgehalten, die außerordentlich zahlreich besucht war. Der Vorsitzende Herr Dr. Carl Reich eröffnete die Sitzung und gab den Bericht über das abgelaufene Jahr, in dem besonders das neue Schulgesetz den Vorstand beschäftigt hat. Eine Petition, die er an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund gerichtet, wurde vorgelesen und fand die volle Zustimmung der Versannulung. Hierauf wurde der Kassenbericht verlesen und genehmigt, sodann die Wahlen vorgenommen. Der Vorstand besteht aus den Herren: Dr. C. Reich, z. Z.: Vorsitzender, Dr. Carl Alexander, z. Z.: Schriftführer, Alfred Bielschowsky, Emannel Breslauer,-Leopold Eallomon, Emil Freund, Hugo Jacobsohn, Julius Jarecki, Rechtsanwalt Carl Joel, Dr. med. Jungmann, Nathan Pasch, Georg Sachs, Eugen Schiff. — In der Versammlung wurde auch vielfach der Agitation gedacht, die die hiesige Orthodoxie gegen das aus dem Friedhofe aufgestellte Harmonium entwickelt. Um Ihnen zu zeigen, wessen diese Partei fähig ist, füge ich den Ausruf derselben in dieser Sache hier bei: „Einem Wohllöblichen Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde gestatten Nur uns als Mitglieder derselben nachstehende Petition zur gefl. Erwägung zu unterbreiten: Wir werden hierbei von der Ueberzeugung geleitet, daß in einem Gemeinwesen jeder religiösen Richtung — auch wenn sie die Minorität darstellt — Rechnung getragen werde, wenn der Friede in der Gemeinde nicht gestört werden soll. Die Gemeindevertretung hat auf dem Friedhöfe zu Kosel ein Harmonium ausstellen lassen und die Zulässigkeit der Mitwirkung eines solchen auf dem Friedhofe in der Lohestraße beschlossen; beide Maßnahmen sind ohne vorherige Anhörung der Herren Rabbinen getroffen worden. Wir gestatten uns den: Wohllöblichen Vorstand anliegend Auszüge der Gutachten der hervorragendsten konservativen Rabbiner Deutschlands, aus welchen mit Einhelligkeit hervorgeht, daß die getroffene Einrichtung eine unjüdische und unserer überkommenen Tradition durchaus widersprechendes ist, zu unterbreiten. Der Friedhof ist eine Stätte des Friedens nicht nur für die Toten, sondern auch für die Lebenden, eine Stätte, von welcher dasjenige, was den einzelnen in religiöser Hinsicht im Leben trennt, bisher ferngehalten ist. Wir die Unterzeichneten, welche den — Teil aller Steuer zahlenden Mitglieder der Gemeinde bilden, suhlen uns in unserem religiösen Empfinden verletzt und bitten eine Wohllöbliche Gemeindevertretung, die getroffene Einrichtung wieder aufzuheben, indem wir noch ganz besonders'auf die im 8 133 der Gemeindestatuten enthaltene Bestimmung Hinweisen mit dem Bemerken, daß die Kultuskommission, soweit die uns von authentischer Seite gewordenen Informationen reichen, nicht gehört worden ist. Eine gleichlautende Petition haben wir der Repräsentantenversammlung überreicht." — Beitthen O.-Schl«, 19. Januar. Seit Montag behauptet sich mit großer.Hartnäckigkeit das Gerücht von einer Bluttat auf der Blottnitzastraße. Der Umstand, daß hierbei ein jüdischer Händler aus Galizien und ein Schulkind in Betracht kommen sollten gab zu den schlimmsten Kombinationen Veranlassung. Dazu berichtet die „Beuth. Ztg.": Das Gerede ist nur aus den groben Unfug einer Frau zurückzuführen, deren Tochter mit noch einer Anzahl nichtsnutziger Schulmädchen einen jüdischen Händler durch Wersen mit Schneebällen und verfaulten Aepfeln belästigte und dafür von dem Händler gezüchtigt werden sollte. Die Mutter des Kindes legte sich ins Mittel und beschimpfte den Händler. In ihrer Wut kannte sie keine Grenzen und gab. sogar der Vermutung Ausdruck, daß der Händler ihr Kind töten wollte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht, das; ein jüdischer Händler ein Schulmädchen in seinen Obstkeller gelockt und dort getötet habe. Bald fand sich auch eine betörte, nach Hunderten zählende Menschenmenge, die das betreffende Haus bis in die späten Abendstunden umstand. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich auch am Dienstag und Mittwoch. r. Magdeburg, 22. Januar. Herr Oberstabsarzt a. D. Dr. Rosenthal beging ain 18. d. M. die Feier seines 80. Geburtstages. Aus diesem Anlaß haben ihm Vorstand und Repräsentantenversauunlung der hiesigen Synagogen-Gemeinde in Anbetracht seiner segensreichen Dienste, die er während einer 37 jährigen Wirksamkeit als Repräsentant der Gemeinde geleistet hat, eine kunstvoll ausgestattete Adresse gewidmet. Die Israelitische Beerdigungs-Gesellschaft und der Israelitische Witwen- und Waisen-Unterstützungsverein haben ihn zum Ehrenmitgliede und der Verein für jüdische Geschichte und Literatur hat ihn zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Freunde und Verehrer des Jubilars in hiesiger Gemeinde haben eine Stiftung, deren Kapitalgrundstock über 3000 Mark beträgt, ins Leben gerufen, die den Namen „Oberstabsarzt Dr. Hermann Rosenthal'sche Stiftung" tragen und von dem Vorstand der Synagogengemeinde, der sich dazu bereit erklärt hat, verwaltet werden soll. Den Zweck der Stiftung zu bestimmen bleibt dem Jubilar überlassen, dem es noch lange vergönnt sein möge, zum Wohle des Judentums zu wirken. — Altona, 19. Januar. Eine furchtbare Bluttat wurde in der Kirchenallee bei Hellem lichten Tage begangen. Der 70jährige Synagogendiener Rendsburg wurde von einem elegant gekleideten Herrn angefallen; ehe man "es verhindern konnte, zog der Unbekannte einen Revolver hervor und gab hintereinander vier Schüsse auf Rendsburg ab, der zu Tode verletzt ins Krankenhaus geschafft wurde, wo er nach wenigen Stunden verstarb. Der Täter, ein Elektrotechniker Heim, stellte sich am Nachmittage der Polizei und erzählte dort in durchaus ruhiger Weise den Hergang, so daß man zunächst keinen Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit hegen konnte. Erst als er davon sprach, daß er stets von Juden verfolgt würde und sich von diesem Zwange durch Beseitigung des Rendsburg habe befreien müssen, erkannte man, daß man es mit einem an Verfolgungswahn Leidenden zu tun habe. Die traurige Tat kennzeichnet sich als eine Folge der Pücklerschen Hetzreden. Der Täter war eifriger Leser der Pücklerschen Reden, und führte solche auch bei seiner Festnahme mit sich.