Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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hält die Subventionierung dieser Privatgemeinde ebenfalls für erforderlich. Aus seinen Ausführungen ist noch die interessante Angabe herdorzuheben, daß in der Subventionskommission die Unterstützungen an Privatgemeinden nur nach der rein praktischen Frage entschieden werden, ob die Subventionierung dringend erforderlich ist. Man wird gut tun, diese Aeußerung sorgsam in Erinnerung zu behalten, denn es hat Zeiten gegeben, in welchen manche Vertreter in Fragen der Subventionierung von Privatgemeinden einen ganz anderen Standpunkt eingenommen haben. — Nachdem noch die Abrechnung über die Kosten der Errichtung einer Krankenbaracke im Jüdischen Krankenhause, für welche infolge einer Entscheidung der Baupolizei eine Mehrausgabe von 8373 Mark erforderlich geworden ist, debattelos genehmigt worden war, wurde die öffentliche Sitzung, der eine geheime folgte, geschlossen. 8. Berlin, 20. Januar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am ll.d.M.imSaale derGesellschaft der Freunde vor sehr zahlreichem Auditorium der an der Reformgemeinde als Chordirigent amtierende Kapellmeisterr Herr Eduard Levh über „Richard Wagner und das Judentum". Unter Zugrundelegung des Satzes, daß die Beschäftigung mit der Kunst den menschlichen Charakter veredelt, wies der Redner darauf hin, daß die Kunst bewußt oder unbewußt die Vervollkommnung der Menschheit fördern solle. Die Praxis des Lebens beweist, daß eine Kunst, die nur den einzigen Wert der Anhäufung von künstlerischen Mitteln in sich trägt und nur auf die spezifischen Sinnesorgane wirkt, der sittlichen Vervollkommnung der Menschheit durchaus entgegensteht, ja, sie sogar allmählich vollkommen verstummen läßt. So viele gewaltige Schönheiten und tiefe Erhabenheiten auch ein Kunstwerk haben mag, nur dasjenige vermag der oben erwähnten Forderung zu genügen, dessen Wesen sich als höchste Aeußerung der nach möglichster Idealisierung strebenden Seele sich darbietet, und nur die Schöpfer eines solchen Kunstwerkes verdienen in Wahrheit den Namen der Priester des Idealen. Ein prägnantes Beispiel für eine Inkonsequenz zwischen Künstler und Mensch bietet uns Richard Wagner, und in der Natur ist keine schrillere Disharmonie erklungen, als indem sie diese gewaltige Persönlichkeit schuf. Er hat stets verlangt und begehrt, hat nie ein Sichbescheiden gekannt, nie wahrhaft anderen gehuldigt und j andere hochgeschätzt. Besonders tadelnswert erscheint sein Verhalten ,gcgen Meyerbeer, der den damals noch völlig unbekannten Kollegen vor des Lebens Nöten errettete und dessen künstlerischer Einfluß es erst zu Wege brachte, daß die von Wagner in Paris geschaffenen Tonwerke in Dresden und Berlin zur Annahme gelangten. In seiner bekannten Broschüre „Das Judentum in der Musik" hat Wagner nicht nur Meherbeer und Mendelssohn-Bartholdy, jenen beiden Kunstgrößen, die damals die ganze Welt zur Bewunderung zwangen und heute noch als leuchtende Sterne am Kunsthimmel erstrahlen, auf Grund ihrer Stammeszugehörigkeit jede Befähigung abgesprochen, in der Musik Wahrhaftes zu leisten, sondern er hat auch die Juden im allgemeinen für unfähig erklärt, in irgend einer Kunst etwas Tiefes, Wahres und Großes zu schaffen. .Mit treffender Schärfe wies der Redner in eingehender Untersuchung, bei der er den die Werke Wagners überwuchernden künstlerischen Schönheiten gerechte Würdigung zollte, die gegen die Inden als Gesamtheit in künstlerischer Beziehung erhobene Anklagen zurück und bewies, daß das von Wagner behauptete Fehlen nationaler Eigenheiten bei den Juden kein Beweis für eine ihnen etwa mangelnde künstlerische Produktions- und Empfindungssähigkeit sein könne. Rach des Redners Ansicht gibt es überhaupt keine jüdische Musik, und- Wagners Haß gegen jüdisches Wesen hat wohl mehr als eine Abneigung gegen romanisches Wesen zu gelten. Wenn der Besitz der verschiedensten Eigenschaften entgegengesetzter Nationen ein Beweis ist für die Befähigung der Individuen, in der Kunst Großes zu leisten, so müssen die Juden ebenso wie jeder über solche spezielle Eigenart sich erhebende Mensch die Befähigung haben, der Kunst einen lebendigen, wahren Inhalt zu schaffen. Den sehr interessanten und lehrreichen Ausführungen des Vortragenden folgten die Zuhörer mit gespannter Ausrnerksamkeit und lohnten ihn durch wiederholten lebhaften Beifall. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Königsberg i. Pr. sprach Dr. Silberstein-Elbing über „Herder in seinen Beziehungen zum Judentum"; in Graudenz Fräulein Dr. Samter über „Geselligkeit in der Bibel"; in Wreschen Dr. I. Sonderling über „Jüdische Kunst"; in Ostrowo Frau Regina Reiß er-Breslau über „Die bedeutendsten Frauen des 19. Jahrhunderts"; in Breslau Dr. Treitel-Laupheim über „Humor, Witz und Satire in Leben und Literatur der Juden"; in Forst i. L. Dr. Georg Huth über „Die Juden in Sibirien", Dr. Julius Moses über „Moderne Jargon-Poesie"; in Hamburg Dr. Ackermann-Brandenburg über „Wesen und Entwicklung der jüdischen Poesie"; in Frankfurt a. O. Fräulein Dr. Samter über „Jüdische Gestalten in der modernen Literatur", Dr. Elsaß-Landsberg a. W. über „Die Juden als Soldaten"; in Frankfurt a. M. Dr. Seligmann über „Pessimismus und Judentum"; in Hamm Dr. Rosenthal-Stargard über „Schiller und die Bibel"; in Steinheim Dr. Rosenthal-Stargard über „Die Psalmen in der Weltliteratur"; in Gießen Bezirksrabbiner Dr. Appel-Karlsruhe über „Entstehung des Christentums"; in Bruchsal i. B. Rechtsanwalt Strauß über „Mosenthals Debvrah"; in Heilbronn Dr. Doctor- Bruchsal über „Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart"; in Neuwied Dr. Co blenz-Bielefeld über „Der Einfluß der französischen Revolution aus die Stellung der Juden": in Mülhausen i. Elf. Dr. L. Bloch über „Theodor Herzl, sein Leben und seine Werke"; in Saarwellingen Lehrer Heß über „Zehuda Halevi"; in Saarlouis Lehrer Levi über „Rabbi Atiba." — Der 700. Gedenktag von Moses Maimonides wurde in fast allen Literaturvereinen in ganz Deutschland in feierlicher Weise begangen. — Neue Literaturvereine wurden begründet in Aschaffenburg und in Straßburg i. W. Der Vorstand besteht daselbst aus den Herren Rabbiner Dr. Pick, Vorsitzender; Ludwig Cahn, stellvertretender Vorsitzender: A. Salomon, Kassierer; Ludwig Jablonowski, Schriftführer; Julius Jaeobi, stellvertretender Schriftführer. ■A. Berlin, 22. Januar. Der Ittdische Frauenbund erläßt folgenden Aufruf: „Im Juni d. I. ist in Berlin gelegentlich der Tagung des Internationalen Frauenkongresses die Gründung eines Jüdischen Frauenbundes beschlossen worden. Dieser soll den englischen und amerikanischen Frauenbünden gleich alle deutschen jüdischen Frauenvereine umfassen und zu gemeinsamer Arbeit vereinigen. Die zwei nachstehenden Paragraphen eines Statuteneutwurfs, die den allgemeinen Arbeitsplan umgrenzen, lauten: § 2. Zweck des Bundes ist der Zusammenschluß zu gemeinsamer Arbeit, a) in gegenseitiger Anregung für die Interessen der Allgemeinheit. Als Arbeitsgebiete gelten zunächst die Wege und Ziele sozialer Hilsstätigkeit, der Volkserziehung, der Förderung des Erwerbslebens jüdischer Frauen und Mädchen, Hebung der Sittlichkeit, Bekämpfung des Mädchenhandels re. b) Jur Erwecken des Interesses an allgemein-jüdischen Bestrebungen der Gegenwart und durch Stärkung des Gemeinschaftsbewußtseins. § 3. Der Bund verfolgt die Gesamtinteresseu der jüdischen Frauenwelt. Er will Gelegenheit zum Gedankenaustausch, zu Vergleichen, zur Kenntnisnahme mustergültiger Einrichtungen, zur Anregung selbständiger Schöpfungen geben und enthält sich jeden Eingriffes in die Selbständigkeit der einzelnen Vereine. Politische und religiöse Parteifragen sind ausgeschlossen. Wie aus den angeführten Paragraphen hervorgeht, handelt es sich darum, die den Vereinen gemeinsamen Interessen aufzusuchen und zu fördern und die jüdischen Frauen für ihre großen Aufgaben in der Familie, in der Gemeinde und im Staate tüchtiger zu machen. Der jüdische Frauenbund soll ferner eine Auskunftsstelle für alle Fraueninteressen werden. Es steht zu hoffen, daß durch eine derartig große, sich stetig ausdehnende Organisation des Solidaritäts- und Verantwortlichkeitsgesühl der jüdischen Frauen geweckt und gestärkt wird. Es ist seiner Zeit in Berlin ein provisorisches Komitee gewählt worden, das demnächst in einer Konferenz die nächsten Aufgaben des Bundes beraten wird. Dieser Konferenz wird bald eine Delegiertenversammlung der bis dahin angeschlossenen Vereine folgen, in der alle etwaigen Wünsche und Anträge zur Besprechung kommen. Wir richten an alle jüdischen Frauenvereine Deutschlands die Bitte: schließt euch zusammen zum jüdischen Frauenbund! Der jährliche Mitgliedsbeitrag eines Vereins bis 100 Mitglieder ist auf 10 M. festgesetzt; je weitere 100 Mitglieder haben gegen Zahlung von weiteren 10 M. noch eine Stimme. Anmeldungen und Anfragen sind zu richten an Frau Henriette May, Berlin, Wilhelmstr. 133. Für das provisorische Konntee des 1