Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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69. Jahrgang. No. 4. Berlin, 27. Januar 1905. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums" Lorrklpondrn?m und Mschrichtrn. Deutschland. 8. Berlin, 22. Januar. Die Tätigkeit der Repräsentan ten- Versammlung in ihrer neuen Zusammensetzung hat mit der heutigen Sitzung begonnen. Mit vollen Kräften hat die Arbeit eingesetzt und an einer stattlichen Tagesordnung, die außer einer Vorlage allerdings nur minder wichtige Fragen oder nur Wahlen betraf, konnten die Gemeindevertreter ihre Kräfte erproben. In altbewährter Frische und Schneidigkeit leitete Herr Louis Sachs die Verhandlungen mit einer Schneidigkeit, die auch nicht, wie er es heute bewies, vor dem Vorsitzenden des Gemeindevorstandes Halt macht und lvenn auch mit zarten Worten, so doch in energischer Weise die Würde und Souveränetät des Repräsentantenkollegiums gegen jeden Ansturm wahrt. Es schien sogar, als lvenn auch die Akustik, die bisher nur ein sehr kümmerliches und gedrücktes Leben fristete, zu neuem Dasein erwacht ist und freiheitlichen Hauch verspürte. Denn machtvoll und üppig drangen die Tonakkorde in den architektonisch schönen Sitzungssaal hinein. Bleibt dieser in mehrfacher Beziehung erfreuliche Aufschwung bestehen, so wird Schreiber dieses mit dankbarer Anerkennung sich freuen, denjenigen Lesern, welche dem gewiß nicht uninteressanten Kapitel der Tätigkeit der Gemeindestube ihre Aufmerksamkeit schenken, stets recht ausführliche und fehlerfreie Berichte liefern zu können. Und nun zur Sitznng selbst! Zunächst lag eine Reihe von geschäftlichen Mitteilungen vor. In die gemischte Deputation zur Vorberatung des Krankenhausbaues ist an Stelle von Herrn Solmitz Herr Sanitätsrat Dr. Stern gewählt worden; den Vorsitz der Deputation hat Herr Iustizrat Dr. Lachmann übernommen. Seitens eines Gemeindemitgliedes ist eine Beschwerde über die in der Synagoge Rykestraße herrschende Zuglust eingegangen. Nach Aeußerung des Kommissars, Herrn Netter, wird diesem Uebelstande in kürzester Zeit abgeholfen werden, nachdem die Ursache der Zugluft entdeckt worden ist. — Die Genehmigung zur photographischen Aufnahme einer Repräsentantensitzung für eine hiesige jüdische Monatsschrift wird versagt. Auch der Gemeindevorstand ist diesem Wunsche nicht geneigt. — Herr Solmitz hat krankheitshalber sein Amt als Aeltesten-Stellvcrtreter niedergelegt; es ist deshalb eine Neuwahl erforderlich, die statutarisch innerhalb 6 Wochen erfolgen muß. Zur Vorberatung dieser Wahl wird ein siebengliedriger Ausschuß eingesetzt, in welchem die Herren Geheimrat Blumenthal, Kommerzienrat Friedländer, Aron Hirsch, Manheimer, Louis Sachs, Stadtrat Weigert und ProfessorBaginsky entsandt werden. — Die Erben des jüngst verstorbenen Repräsentanten Gustav Loewenberg haben zur Vermehrung des Kapitals der seit vielen Jahren bestehenden Gustav Loewenberg-Stiftung 5000 Mark gespendet, so daß der Stiftungssonds nunmehr 15 000 Mark beträgt. Die Zinsen dieses Kapitals sollen alljährlich, möglichst am Todestage des Erblassers, an würdige und bedürftige Personen zur Verteilung gelangen. Die Zuwendung fand debattelose Annahme. — Der Waisenanstalt der jü-' dischen Gemeinde hat laut Testament Herr Konsul Moritz Hermann 10 000 Mark zufließen, lassen. Auch hier erfolgt debattelose Zustimmung. — An Stelle der ausgeschiedenen Repräsentanten sind verschiedene Ersatzwahlen für die Verwaltungskommissionen erforderlich, geworden. Es wurden abgeordnet in die Fürsorgekommission Herr Aron Hirsch, in den Vorstand der Synagoge Lützowstraße Herr Bodenstein, in die Kommission zur Beschaffung des Koschersleisches Herr Hans Friedländer, in das Kuratorium des II.-Waisenhauses Herr Adolph Mayer, in die Veranlagungskommission Herr Hans Friedländer, in die Kommission zur Vorberatung von Wahlen für die Verwaltnngskommissionen Herr Geheimrat Blumenthal, in die Kommission für den Neubau des Krankenhauses Herr Aron Hirsch. — In die gemischte Deputation zur Beratung über eine Revision der Agenda für den Jugendgottesdienst wird an Stelle des Herrn Gustav Loeweuberg Herr Geheimrat 'Blumenthal gewühlt. — Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder der Armenkommission werden sämtlich wiedergewählt. In das Kuratorium des II. Waisenhauses wird auf Wunsch des Kuratoriums Herr Isidor Sachs, welcher in dieser Anstalt bisher als Repräsentant tätig war, als Gemeindemitglied wieder hineingewühlt. — Es folgte dann eine längere Debatte über die Dienstanweisung für den anzustellenden Schularzt. Der Referent der Vorlage ist Herr Professor Bagi ns ky, der vor mehr als 20 Jahren die Anstellung von Schulärzten als erster empfohlen und hierfür in einem noch nicht beendeten Kampfe, in welchem ihm viele Jahre hindurch der kürzlich verstorbene Stadtschulrat Dr. Bertram zur Seite stand, lebhaft rednerisch und schriftstellerisch tätig ist. Der vom Gemeindevorstand und Schul- und Talmud-Torah-Vorstand ansgearbeiteten Instruktion hat sich der Referent nicht anschließen können. Er hat einen Gegenentwurf ausgearbeitet, dessen Durchberatung der Ausschuß III in einer achtgliedrigen Sonderkommission (zwei Aelteste, vier Repräsentanten und zwei Mitglieder des Schul- und Talmud-Torah-Vorstaudes) wünscht. Diesen Wunsch befürworten in der Diskussion die Herren Willibald Loe wen thal, Geheimrat Blum ent hat, Professor Blaschke und Rechtsanwalt C o h n mit dem Hinweis aus die vielfachen Differenzen zwischen beiden Entwürfen. Der Kommissar des Gemeindevorstandes Herr Sanitätsrat Dr. Stern betont, daß der vom Gemeindevorstand beschlossene Entwurf sich im wesentlichen an die Instruktion derjenigen Städte anschließt, in welchen bereits Schulärzte tätig sind. Er verkennt nicht, daß der Gegenentwurs unzweifelhaft viel Gutes enthält, andrerseits sind jedoch darin so eingreifende Aenderungen gegenüber dem bestehenden Entwurf, daß die Arbeit von einem Schulärzte nicht geleistet werden könnte und Reibungen zwischen dem Schularzt und den Leitern der Schule unvermeidlich sein würden. Er empfiehlt die Instruktion des Gemeindevorstandes zur Annahme und bittet, den Schularzt erst ein Jahr hindurch wirken zu lassen, um alsdann zu prüfen, ob und inwieweit die Voraussetzungen der Institution sich erfüllt haben. Herr Julius' Jacoby wünscht möglichste Beschleunigung der Vorlage und hält den Ausschuß III, in welchem die geeigneten fachmännischen Kräfte tätig sind, für berufen, die Frage lösen zu können. Der Gemeindevorstand ist nach seiner Meinung Infolge der Anhäufung wichtiger Arbeiten gar nicht in der Lage, Sonderkommissionen, welche nicht absolut notwendig sind, zu beschicken. Professor Baginsky gibt eine kurze historische Entwicklung der Schularztfrage und erklärt es für zweckmäßiger, die Einsetzung eines Schularztes lieber ganz fallen zu lassen, ehe dieser auf Grund der vom Gemeindevorstand empfohlenen Instruktion angestellt wird. Den inzwischen eingegangenen Antrag Bodenstein, die Vorlage dem Ausschuß III zurückzugeben, unterstützen Pros. Kali sch er, Herr Manheimer und schließlich auch Geheimrat Blumen thal in Berücksichtigung der Erwägungen des Vorsitzenden des Gemeindevorstandes. In der Abstimmung erheben sich nur Vier- Stimmen für die Beratung der Frage in einer gemischten Deputation, dagegen erfolgt mit großer Mehrheit die Rückverweisung in den dritten Ausschuß. — Zur Einrichtung von Nernstlampenbeleuchtung in der Synagoge Kaiserstraße werden 600 Mark bewilligt. Auf Anfrage erwidert Herr Professor Kalischer, daß die Nernstlampe gegenwärtig die beste Beleuchtung ist. — An die Schochare hatob und B'ne Brith-Eemeinde wird die Bewilligung eines einmaligen Zuschusses in Höhe von 950 Mark zur Tilgung der vorhandenen Schulden bewilligt. In der kurzen Diskussion fragt Herr Loewenthal an, ob der Verein überhaupt in der Lage ist, weiter zu existieren und zieht die Existenzberechtigung dieser Gemeinde in Zweifel. Gemeindesyndikus Justizrat Lilienthal erwidert, daß die Existenzberechtigung vom Gemeindevorstand bejaht wird, da freie Plätze in der Synagoge Kaiserstraße nur höchst selten zu haben sind und die Entfernung nach der Synagoge Rykestraße zu groß ist, unt einen Ausgleich herbeiführen zu können. Rechtsanwalt Dr. Cohn