Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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|:;> '•--■ 48 r- - . - 2 Schritte durchs Zinmrer, blieb vor der Uhr auf dem Kaminsims stehen und warf sich eben wieder in den Sessel, mit einen: Seufzer, der einen Stein hätte erweichen können, an dein Herzen des alten Cerberus aber ohne jeden Eindruck abglitt. Je länger es dauerte, je mehr sank mir der Mut, je länger wurden auch die Pausen in unserer Konversation. Endlich schlug die Uhr zehn. Da stand er aus, er konnte sich kaum auf den Knien halten. „Es ist Zeit," stammelte er, „der Graf erwartet mich. Oh, Madame . . Die Stimme versagte ihn:. Auch ich hatte mich erhoben, obwohl ich mich nur mit Mühe aufrecht erhielt. „Ich begleite Sie noch hinaus," sagte ich, „Herr Ebi wird mich einen Augenblick entschuldigen." So ging ich ihm voran nach der Tür. „Ah, Madame, j’ai la mort au coeur. Vous quitter, sans vous dire — Oh si vous saviez." j „Je sais tout mon ami," flüsterte ich, „et croyez moi, si vous souffrez — moi aussi, jrai le coeur si plein — je suis au desespoir.“ Damit öffnete ich die Tür und dachte, draußen — wenn auch nur auf kurze Minuten — toürb’ ich mich ihn: an die Brust werfen und ihm sagen, was ich um ihn gelitten. Als ich aber hinaustrat, sah ich eine andere Feindin meines letzten schmerzlichen Glücks bei einer Lampe an: Pfeilertischchen sitzen, eine Näharbeit in den Händen — Mamsell Zipora! Ich habe nachher erfahren, n:eine Kammerjungfer hatte der tückischen Person, ohne sich was dabei zu denken, erzählt, ich erwartete heute abends den Vicointe, der Abschied zu nehmen konune. Das hatte die sich zunutze gemacht, um es den: Ebi, den sie immer noch zu fangen hoffte, schadenfroh beizübringen, die Frau, die er heimlich vergöttere, sei auch nicht besser als alle anderen, um sich und ihre Tugend dadurch in ein vorteilhaftes Licht zu setzen. Und der unselige Mensch hatte sich von einer Eifersucht, die er sich selbst vielleicht nicht eingestand, verleiten lassen, den Wächter zu ruachen und den Nivalen aus den: Felde zu schlagen!" Sie war von dieser Erinnerung an die schn:erzlichste | Stunde ihres Lebens so erschüttert, daß sie lange nicht fortj fahren'konnte, sondern immer sich mit den: Kölnischen Wasser j die Stirn benetzte und mit geschlossenen Augen dalag. Endlich sagte sie: „Wie ich den Weg in mein Zimmer zurückfand und bis zu dem Sofa gehen konnte, war nur ein Rätsel. Ich fühlte nnch wie vernichtet, was jetzt noch werden konnte, war mir unfaßbar, ich sank auf das Polster nieder, drückte n:ein Tuch gegen die Augen, und brach in krampfhaftes Schluchzen aus. Daß Ebi in: Zinnner war, hatte ich völlig vergessen. Da hörte ich Plötzlich seine Stinnne in dem feierlich singenden Tone wie bei den Psalmenversen seines Trauerspiels: „Madame Herz, ich habe Sie innner verehrt, heute bewundere ich Sie. Der Sieg, den Sie über sich selbst davongetragen, ist größer als der von Jephthas Tochter. Sagen ' Sie nicht, daß ich Ihnen dabei geholfen Hab', Wenn Sic nur gesagt hätten ein einzig Wort: Ebi, verlassen Sie mich — so wahr Gott lebt — ich wäre gegangen, so sehr es mich hätt' geschmerzt, aber Sie wissen, ich bin Ihrem Wort gehorsam, wie ein Hündlein seinem Herrn. Daß Sie nicht gesagt haben das eine Wort, das macht Ihnen mehr Ehre, als einem König, der große Länder erobert, oder einen: gewappneten Mann, der allein ein ganzes Heer besiegt. Denn wie es im Prediger Salomonis heißt: „Lieblich und schön sein, ist nichts, aber ein Weib, das den Herrn fürchtet, das soll mau loben," und in Jesus Sirach: „Ein schönes Weib, das fromm bleibt, ist wie die helle Lampe auf dem heiligen Leuchter." Erlauben Sie, Madame Herz, daß ich den Saum küsse an Ihrem Gewände." Ich fühlte dunkel, daß er es tat, und hörte, wie er dann | das Zimmer verließ. Da brach es erst recht bei nur aus, und ich weinte und weinte — bis eine Ohnmacht sich meines armen gefolterten Herzens erbarmte. Am folgenden Tage und auch den nächsten darauf könnte ich das Bett nicht verlassen. Erwar keine Krankheit, meinte der Arzt, aber eine Erschöpfung all meiner Lebenskraft. Als ich wieder aufstehen konnte, dauerte es noch Wochen, bis ich den Anblick von Menschen wieder ertragen konnte. Ebi und Mamsell Zipora durften mir'nicht vor Augen kommen. Dann erhielt ich von Konstantinopel aus seinen Ring und einen Brief dabei, voll schmerzlichster Geständnisse. Ich zeigte beides meinen: Manne, ohne ein Wort dabei zu sagen, und er gab es u:ir ebenso schweigend zurück. Ich wußte, daß er ein zu kluger Kenner des weiblichen Herzens war, um es als eine Sünde anzusehen, wenn meines gegen das Liebenswürdigste, was die Erde trug, schwach gewesen war. Daß ich einen ganz ähnlichen Ring machen ließ mit der Inschrift: „Pour toujours," sagte ich Herz nicht. Er hätte die Devise, die zweideutig war und ewige Liebe oder ewige Trennung bedeuten konnte, doch vielleicht in dem ersten Sinne verstanden. Zugleich schrieb ich ein paar Zeilen, die die Bitte enthielten, mir nicht wieder zu schreiben. Er erfüllte den Wunsch. Ich hörte nur selten einmal d::rch Dritte von ihm. Schon nach fünf Jahren kam die Nachricht von seinem Tode. Das ist die Geschichte von diesem Ringe, die Du hast wissen wollen, lieb' Kind. Daß ich sie Dir erzählt habe, mag Dir beweisen, wie lieb Du mir bist. Nicht einmal Deine Mutter weiß das Genauere davon. Du magst es ihr einmal wiedererzähleu." Ich war sehr ergriffen von dieser rührenden Geschichte 'und wußte nicht, was ich sagen sollte, meinen Anteil auszudrücken. Als der naive Jüngling, der ich war, sagte ich endlich das Ungeschickteste: „So schmerzlich es Dir sein muß, Tante, so oft Du deu Ring betrachtest. Du kannst es wenigstens ohne Reue tun." Sie sah still vor sich hin. „O, Kind," sagte sie leise, „Du bist noch jung. Du hast noch.nicht erfahren, daß es manchn:al am bittersten schmerzt, wenn u:an bereut, daß n:an nichts zu bereuen hat. Das sage aber nicht weiter!" An: folgenden Tage setzte ich meine Reise fort. Als ich einen Monat später wieder nach Frankfurt kam, fand ich die geliebte Tante nicht mehr unter den Lebenden. Der Onkel händigte u:ir eine kleine Schachtel ein, die sie ihm für nnch übergeben hatte und deren Inhalt er nicht kannte. Der Ring lag darin und ein zärliches Segenswvrt, das sie mit zitternder Hand noch auf ihrem Sterbebette geschrieben hatte. Seitdem ist dies teure Andenken nicht von meiner Hand gekommen. Die Emailbuchstaben sind ausgewaschen, der Goldreif ist brüchig geworden, die kleine Hand, an der ich das Kleinod zuerst gesehen, ist längst vermodert, doch was mir der sanfte Mund vertraut, lebt unvergeßlich in meiner Erinnerung fort. Drück und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. .Hl|)UJ»|Tn ,VW«,'