Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
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47 war, um noch Briefe und Depeschen in Empfang zu nehmen, blieb eine volle Stunde, die uns gehörte. „Ich werde Ihnen Briefe an Wiener Damen mitgeben, mit denen ich befreundet bin: Frau Arnstein und Eskeles und die Baronin Pereira. Da Sie sich einen oder zwei Tage in der Kaiserstadt aufhalten sollend kann Ihnen die Einführung bei diesen sehr angesehenen Damen vielleicht irgendwie nützlich sein, und jedenfalls wird es Ihnen wohltun, nnt irgeiib jemand von Ihrer alten Frankfurter Freundin sprechen zu können." So überstanden wir dies martervolle Diner. Aber die folgende Nacht und der Tag darauf vermehrte nur meinen Schmerz, der manchmal zu völliger Verzweiflung wurde. Jetzt erst kam mir so recht zum Bewußtsein daß ich ihn liebte, immer geliebt hatte, und wie ich ihn liebte! Von ihm getrennt zu werden, stand mir vor Augen wie der schlimmste Tod, mein Leben hernach wie eine Wüste, in der nichts Grünes, Tröstliches für mich sprießen könnte! Und so schrieb ich die Empfehlungsbriefe unter strömenden Tränen und erwartete die letze Stunde wie eine zum Tode Verurteilte. Unr halb neun kam Herz mit den Kindern, mir Gutenacht zu sagen. Sie finden mich blaß und angegriffen. „Du hast Fieber, Frau," sagte Herz. „Du mußt früh zu Bett gehen." — Freilich hatte ich den ganzen Tag wie im Fieber zugebracht, es brannte und glühte mir im Blut, wenn ich an den Abend dachte, an den Abgrund, in den mich's dann fortreißen konnte. Aber obwohl mir bei den: Gedanken schwindelte, fürchtete ich's doch nicht und sehnte es hierbei. Mir war wie einem Fieberkranken, der am Rande eines tiefen Meeres hingeht. Bloß um sich endlich zu kühlen, möchb er sich hineinstürzen, wenn ihm die Wellen auch über den Kopf zusammen - schlügen, daß er in eine bodenlose Tiefe versänke. Gleich nachdem die anderen fortgefahren waren — ich lag auf dem Sofa und zählte die Minuten —, da klopft's. Ich fahre auf und denke: Sollt' er's schon sein? — Ich hatte meiner Kanunerjungfer gesagt, ich sei für niemand zu Hause, bloß wenn der Vicomte käme, der verreise, und ich hätte ihm noch Briefe mitzugeben. — Aber wie ich Herein rufe und die Tür sich öffnet, wer tritt über die Schwelle? Der Ebi. „Sie haben mir erlaubt, Madame Herz, wenn ich mit dem Trauerspiel fertig wär', sollt ich kommen und 's Ihnen vorlesen. Da Sie heute bleiben zu Haus, Hab' ich mir gedacht —" Ich nickte bloß, und er kam herein. Ich fand nicht gleich einen Vorwand, ihn fortzufchicken, und dann dacht' ich: Lass' ihn nur lesen, das hilft mir über die Pein der Erwartung hinweg, und wenn Gaston dann kommt, wird er von selbst wieder anfbrechen. Er bleibt ja nie, wenn ich Besuch habe. Also setzte er sich auf ein Fauteuil neben dein Sofa, schlug sein großes Heft auf und fing an zu lesen, wobei seine Stimme vor Aufregung zitterte und auch die Hände, die die Blätter umschlugen. Er las mit einer eintönigen, leisen Stimme, und zuweilen geriet er'in einen singenden Ton, wie Vorbeter im Tempel, die ich als Kind gehört hatte. Denn seit meiner Verheiratung war ich nicht mehr in die Synagoge gekommen. Was er las, wußte ich nicht, auch, nicht, ob es Verse waren oder überhaupt Sinn und Verstand hatte. Nur so viel wurde mir allmählich klar, daß es eine biblische Geschichte war, die er zu der biblischen Historie hinzuerfnnden hatte. Ein junger Ammoniter, der unter den Gefangenen mit Jephtha nach Hause gekommen war, hatte sich in die unglückliche Tochter verliebt, die nach dein übereilten Gelübde des Vaters sterben sollte, weil sie die erste gewesen war, die dem heimkehrenden Sieger aus seinem Hanse entgegengekommen war. Auch das Mädchen hatte zu dem Jüngling eine Neigung gefaßt, obwohl er aus dem Stamme der Feinde ihres Volkes war und nicht zu dein Gott ihrer Väter betete. Als er aber in sie drang, während der Todesfrist von zwei Monaten, die sie auf dem Berge zubrachte, um ihr verlorenes Leben zu beweinen, sich zu retten, und nnt ihm zu entfliehen, widerstand sie ihrem Herzen und blieb beharrlich dabei, sich zu opfern, da ihr Vater „feinen Mund aufgetan gegen den Herrn", und sie sein Gelübde heilig halten müsse. Das beste an der Dichtung schien nur, so viel ich davon begriff, daß sie kurz war und viele Psalmenstellen und fromme Sprüche aus der Schrift enthielt, und so kam der Vorleser fast bis ans Ende zn dem schwärmerischen Lobgesange der Jungfrau kurz vor ihrem Tode, als es wieder an die Tür klopfte. Und diesmal war er's. Seine schönen Augen verfinsterten sich, als er den Alten bei mir fand. Auch brachte er nicht seine paar deutschen Redensarten vor, mit denen er mich sonst begrüßte, sondern sagte: „Bon soir, Madame! Vous allez bien? Mais vous n'eles pas seule. Si je vous derange." Ich faßte mich so gut ich konnte, stellte die Herren vor, wobei Gaston dein armen Ebi einen Blick zuwarf, wie einem todeswürdigen Verbrecher, und sagte, unser älter Hausgenosse habe mir ein selbstverfaßtes Drama vorgelesen, wir seien eben znm Schlüsse gelangt. Ich dachte nicht anders, als daß der Alte nun gehen würde. Er sprach auch nicht französisch, obwohl er es verstand. Er machte aber keine Miene, aufzübrechen, nur daß er einen Platz mit einem anderen Sitze etwas weiter ab vertauschte. „Sie lesen mir den Schluß wohl ein andermal, Ebi," sagte ich. „Das Stück ist sehr schön. Vielleicht kann es sogar aufgeführt werden." Auch das half nicht. Er antwortete mit einer stummen Verbeugung, blieb dann aber stocksteif sitzen, das Heft auf den Knien, die Augen gegen das Teppichmuster gerichtet. Ich dachte, er würde doch endlich merken, daß er zu viel sei, wenn ich gar keine Notiz mehr von ihm nähme und, die Konversation französisch weiterginge. Also bat ich den Vicomte, Platz zu nehmen, fragte, wann er reisen würde — diese Nacht noch um Mitternacht —, ob er auch mit warmen Decken versorgt wäre — eine von mir müsse er durchaus mitnehmen — und sprach dann von den Briefen an die Wiener Damen, das gleichgültigste Geplauder von der Welt, während mir das Herz klopfte, als ob es aus der Brust springen wollte. Und der Alte dabei immer regungslos wie eine Bildsäule! Noch jetzt weiß ich nicht, warum ich's nicht über die Lippen brachte, zu sagen: „Lassen Sie uns allein, Ebi. Ich habe dem Herrn Vicomte noch etwas unter vier Augen zu sagen." Aber ich wußte, bei den Worten würde ich rot werden, wie ein ertapptes Schulkind und er würde mir meine sündhafte Leidenschaft am Gesichte ablesen. So quälte ich mich, den Faden des Gespräches fortznspinnen, wobei Gaston mir wenig half. Denn er war dermaßen verzweifelt über sein Unglück, mich zum letztenmal nicht ohne Zeugen sehen zu können, daß ihn alle Geistesgegenwart verließ und er die sonderbarsten Antworten auf meine Fragen gab. Zuweilen sprang er auf, tat ein paar hastige