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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-27 · Heft 4 (27.1.1905) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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46 ... „Gleich wie es bei Rav Ada bar Mathna der Fall > war. Er wollte sich nämlich auf die hohe Schule begeben, da j sagte seine Gattin zu ihm, aj, aj, seine Gattin sagte zu ihm: deine Kinder, a-a-ach, deine Kinder, deine Kinderchen, was soll ich mit deinen Kinderchen anfangen? Da antwortete er: Gibt es denn keine Mücken mehr im Schilf? aj, aj, noch einmal: Gibt es denn keine Mücken mehr im Schilf?"h Die Stimme, die diese Worte aus dem Buche las, war gesenkt und demütig, aus der Melodie tönte der Schmerz eines gequälten Gemüts. Josef lauschte mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele einem jeden dieser Worte, die wie langgezogene Seufzer aus der Brust seines Nachbars kamen und sich wie eine resignierte Klage anhörten. Er vergas; alsbald seine Sorge um den morgenden Tag und ein anderer, schönerer -! Gedanke erfüllte ihn lebhaft: „Welchen Traktat soll ich nun beginnen?" „Ich müßte eigentlich die Traktate, die ich schon durchgenoinmen habe, noch einmal wiederholen," antwortete er sich selber und fühlte sich vollkommen "beruhigt. Er strengte sich an, noch weiter nachzusinnen, aber feine Gedanken verwirrten sich, flössen ineinander und verschwanden einer nach dem andern. Sein Blick irrte wohl noch durch den Saal, aber er > sah nicht mehr die Anwesenden, wie .sie jeder auf feinen: Platze i saßen und lernten: sie schienen ihm in wirrem Durcheinander > hin und her zu laufen, ein jeder hielt einen Tops mit dampfender Suppe in der Hand und alle drängten sich der Türe zu, doch einer, der sie alle um Kopfeslänge überragte, schwarzes Bart- und Haupthaar und schwarze Augen hatte, hielt die Türklinke fest und schrie bitterlich. Josef wandelte einher hinter dieser ganzen geweihten Schar und fühlte einen'; Stolz über die Ehre, die ihm zuteil wurde, sich ihnen an-! schließen zu dürfen, obgleich es ihm leid tat, keinen Topf mit! Suppe in der Hand zu halten. Mit leeren Händen aber! wonnevollen: Herzen folgt er der Gemeinde der Thorajünger, die plötzlich einen lauten, frohen Gesang anstinunt. Auch er erkühnt sick, wenngleich nur mit leiser Stimme, mitzusingen, )vas ihm einen großen Genuß gewährt. Er fühlt sich sehr! wohl ... j Ein leichtes Schnarchen gab Kunde, daß Josef in tiefen:! Schlafe lag. (Fortsetzung folgt.) j | Lin Ning. Eine Iugenderinnerung von Paul Heyse.! III. | uch wie der Bieomte nun immer öfter kam, sich als! Hausfreund en üwe bei uns etablierte, hatte mein Manu j nicht das geringste dagegen einzuwenden. j Wir waren auch nie allein, und eins oder das andere der; Kinder war immer zugegen, mit einer Häkelarbeit oder am > Klavier, und oft brachte er auch seinen Freund Fenelon mir, j der sich damals eifrig um Helene bewarb. So zu Bieren! war mir^s am liebsten. Jedes Paar gehörte dann sich allein! an und hörte nicht nach dem anderen hin. Aber Du mußt! nicht glauben, daß wir dann zärtliche Gespräche führten. Nie! hörte ich ein Wort von ihn:, was nicht auch n:ein Mann hätte j hören dürfen, und nur feine Augen und zuweilen fein Verstummen sagten mir alles, was in ihm vorging. Auch brachte er zuweilen Bücher mit, die mir noch unbekannt waren, da ich zienckich ungebildet war, und :vir sprachen hernach darüber. Oder er las uns eine Raeinesche Tragödie h Die die göttliche Vorsehung ernährt. vor, was er ganz herrlich konnte, oder Gedichte von Viktor Hugo, der damals eben erst bekannt zu werden anfing. In der Sprache der Dichter machte er mir die feurigsten Erklärungen, und an der Art, wie ich zuhörte, konnte er erraten, wie es um mein eigenes Herz stand. In der Gesellschaft erzählte man sich, er sei in Paris als ein gefährlicher mangeur de coeurs bekannt gewesen, und wunderte sich, daß er in Frankfurt gar keinen Abenteuern nachging. Daß er mein Haus so fleißig besuchte, erklärte man sich durch eine Verliebtheit in eine meiner Töchter. Die ehrbare „alte" Madame Herz hatte niemand im Verdacht, dem leichtfertigen jungen Vogel die Flügel beschnitten zu haben. So dauerte das den ganzen Winter. Es war die seligste Zeit meines Lebens. Auch dadurch wurde das Glück nicht etwa getrübt, daß ich mir Vorwürfe gemacht hätte. Ich verstand nicht, daß es Sünde hätte sein können, das Liebenswürdige zu lieben und das Schöne schön zu finden. Meinen Pflichten als Gattin und Mutter wurde ich darum nicht untreu, wenn ich in dem Umgang mit diesem reizenden jungen Freunde mein Herz lebhafter.schlagen fühlte. Ich wollte und hoffte auch wirklich nichts weiter, als daß es immer so fortgehen möchte, er einen Tag wie den andern über meine Schwelle treten und sich dann zu mir setzen und eine Stunde lang ganz ernsthaft mit mir plaudern möchte. Ich höre noch, wie er beim Eintreten sagte: Guten Tag, Madame Herz. Wie geht es Ihnen? Und dann beim Scheiden: Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen! Das waren die einzigen deutschen Sätze, die ich ihm beigebracht hatte, und die er mit so drolligem Akzent von sich gab, daß die unartigen Mädchen iunner darüber lachten. Und so ging der Winter hin. Keines von uns machte sich Gedanken über die Zukunft. Ende Mürz aber kam das Unglück. Es war bei einem Diner im Hause Guerita, zu dem auch die Herren von der französischen Gesandtschaft geladen waren. Die Frau vom Hause, die mein Faible für ihn kannte, hatte ihm den Platz neben mir angewiesen. Ich erschrak aber heftig, als er mir den Arm bot, mich zu Tisch zu führen. Er war totenblaß, und auf meine Frage, ob er sich krank fühle, schüttelte er nur stumu: den Kopf. Erst als wir nebeneinander Platz genommen hatten, flüsterte er mir zu, er habe vor einer Stunde sein Todesurteil vernommen. Sein Chef habe ihm mitgeteilt, daß er, der Gesandte, nach Konstantinopel versetzt sei. Er, Gaston, müßte schon in der folgenden Nacht dorthin vorausreisen, um allerhand Präliminarien abzumachen und gewisse Weisungen für das Gesandschaftshotel persönlich zu überbringen. Leider könne der Gesandte ihm nur viernndzwanzig Stunden bewilligen, um sich zur Abreise zu rüsten und sein Zelt in Frankfurt abzubrechen. Du kannst denken, liebes Kind, wie diese Eröffnung auf mich wirkte. Ich war einer Ohnmacht nahe, und nur ein Glas Sherry, das Gaston mich anszutrinken nötigte, gab mir wieder ein wenig Contenance. Aber der Rest des Diners verlief so rraurig, wie eine Henkersmahlzeit. Wir sprachen fast nichts miteinander und aßen kaum einen Bissen. Zuletzt kamen wir überein, daß er morgen noch einmal kommen sollte, um Abschied zu nehmen. Am nächsten Abend war eine Soiree, ich entsinne mich nicht, bei wem, nur daß schon ausgemacht war, Herz sollte diesmal die Mädchen hinbegleiten und ich zu Hause bleiben. Um halb neun fuhren sie zusammen fort. Wenn Gaston um neun kam, traf er mich allein, und da er um zehn zu feinem Chef bestellt

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