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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-27 · Heft 4 (27.1.1905) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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-- 4-5 —- Jetzt wurde die Türe stürmisch ausgerissen und herein schob sich mühselig ein seltsam aussehendes Geschöpf. Es war ein untersetzter, kräftig gebauter Mann mit schiefliegenden Schlitzaugen und rotblondem, gelocktem Haar; er trug einen grobwollenen arg mitgenommenen Nock, um den Leib hatte er einen dicken Strick gewunden, auf den zahlreiche volle Töpfe an den Henkeln aufgereiht waren. Bei jedem Schritt, den der Mann tat, setzten sich die Töpfe in Bewegung und ihr Inhalt verschüttete sich auf den Rock und aus den Boden. Der Mann hatte die Hände voll von Brot, Butter, Käse, Eiern, Salz und Pfeffer, auch unter jedem Arm hielt er einen vollen Topf. Sobald er inr Saale erschien, entstand ein lebhafter Tumult unter den Anwesenden. „Unser Brotgeber ist da, Freunde!" rief ein Porusch aus : alle verließen ihre Pulte, eilten dem Ankömmling entgegen und umringten ihn von allen Seiten. „Mir hast Du was gebracht?" „Und mir?" „Was gehört mir?" „Welches ist mein?" „Hast Du mir Butter gebracht?" „Und mir eine Nadel?" „Wo ist der Kuchen, um den ich Dich gebeten habe?" „Meine Wäsche ist nicht dabei? Narr! Hast Du sie noch iunuer nicht gebracht?" „Kamonenser!" ruft eine Stimme ans der Ferne, „komm doch mal her!" „Esel!" ruft ein anderer, „wie lange soll ich denn warten?" Mittlerweile stand der Jüngling aus Kamona, der „Brvtgeber" des Lehrhauses, wie die allzeit spottlustige Jugend ihn scherzhaft titulierte, oder der „Träger", wie er allgemein benannt wurde, ratlos da mit all seinen Schätzen in den Händen, musterte seine Bedränger mit grimmigen Blicken, während er nur unartikulierte Larrte hervorbrachte. „Was stehst Du da wie ein Götzenbild?" rief die Schaar. „Ai, aj," stöhnte der „Brotgeber", „gemach, gemach, setzt mir doch nicht zu. Ich weiß ja schon gar nichts mehr, ich weiß nicht mehr, wo ich bin! Ach, um Gottes willen ..." | „Gib mir meine Nadel und ich gehe." j „Und nur den Kuchen."! „Und mir die Wäsche." „Und für mich, Kamvnenser? Hast Du für mich was gebracht?" „Und ich, wie lange muß ich warten?" „Hast Du mir nicht versprochen, mir diesmal was mitzubringen.?" „So nehmt doch, Unmenschen, was ich da unter dem Arm habe!" jammert der Träger. „Hier, unter dem Arm holt es Euch hervor, Menschenfresser! Ich kann ja den Gürtel nicht öffnen, ich Hab beide Hände voll, das seht ihr doch . . . Hier unter dem Arm holt Euch die Töpfe hervor, Vielfraße, dann teile ich alles Mitgebrachte ans. Das hier rechts gehört Dir, Geschurenser, und das da links Dir, Alonenser. Nehmt's rasch, ich habe mir schon die Hände verbrüht ... So nehmt doch! . ." Aber sowohl der Alonenser als der Geschurenser, obwohl sie noch soeben dem unglücklichen Träger zusetzten, daß er ihnen rasch ihr Essen reiche, ließen die Köpfe hängen, als sie erfuhren, an welcher Stelle ihr Essen geruht hatte. Sie weigerten sich zuzugreifen. „Was fiel Dir ein, kopfloser Mensch, meinen Topf unter dem Arm nnterzubringen?" klagte der eine tief beleidigt. „Und ich?" nahm der andere das Wort, „bin ich denn ein Hund, daß ich ein Essen herunterwürge, in welches Du Deinen fettiger: Aermel getaucht hast? Zahle ich Dir etwa Deinen Lohn nicht, und noch im voraus dazu, wilder Mensch? Iß selber, Dummkops, iß!" „Ich habe Dir fünf Kopeken die Woche extra versprochen, außer den regelmäßigen fünfzehn, damit Du nur meinen Topf nicht von hinten anbringst. Nun sehe ich, daß Du es schon wieder getan hast," murrte ein dritter. „Ach, ach, weh!" brummte der Träger, „so nehmt doch, was ich unterm Arm habe, nehmt's doch rasch, sonst laß ich die Töpfe fallen!" „So laß sie fallen, zweibeiniger Esel!" „Laß sie fallen, Tölpel!" Einer der Wartenden trat hinzu, holte unter dem Arm des Trägers einen Topf hervor und setzte ihn auf die Bank hin; der Gequälte fühlte sich sofort erleichtert, er entledigte sich rasch der Kleinigkeiten, die er in der Hand hielt, stellte auch den zweiten Topf hin und zog dann mit großer Geschicklichkeit vom Gürtel die Töpfe einen nach dem andern herunter und übergab sie den Empfängern, die sich unverzüglich auf ihre Plätze begaben. Nach wenigen Minuten war die ganze Versammlung zerstoben. Der Träger raffte einige leere Töpfe zusammen und eilte davon; wieder folgte ihm eine hungrige Schar, die ihm ihre Aufträge nachschrie und ihm allerhand Ehrentitel gab. Ein jeder befahl, ihm sofort das Abendessen zu bringen, da er vor Hunger vergehe. Der Träger lief brunnuend, scheltend und keuchend voran. Die beiden Pernschim standen noch iinmer schweigend da und betrachteten melancholisch ihre verdorbenen Suppen. Schließlich schenkten sie den Einflüsterungen des Hungers Gehör, nahmen das Geschirr, begaben sich auf ihre Plätze und machten sich ans Essen. Josef hatte ein Chaos im Kopfe und im Herzen, er verstand nicht, was er sah und hörte, seine Blicke irrten in dem ungeheuren Raunr umher, in seinen Ohren tönte der Lärm, es war ihm wirr zu Mute, er fühlte sich tvtmüde, erschöpft und gebeugt. Seine Füße waren glühend heiß, alle feine Glieder schienen ihm zerbrochen und geknickt. Zerhackte und verworrene Gedanken durchschwirrten ihn:, er fühlte sich wie von einein Kopfschwindel umfangen. . . Er lag auf einer Bank hingestreckt. Die Stiefel drückten ihn schmerzlich, aber er wagte es nicht, sie auszuziehen. . . . Längere Zeit verharrte er in dieser Stellung, den Kopf auf sein Bündel gestützt, und langsam sing ein behaglich-wohliges Gefühl an, von ihm Besitz zu nehmen. Er glaubte zu fühlen, daß der Schmerz in den Beinen langsam dahinschwand, er genoß mit den: ganzen Körper die angenehme Empfindung der Ruhe nach der langen, mühseligen Wanderung. Nur sein Herz konnte sich nicht beschwichtigen, seine Seele war voller Aufregung, beunruhigende Gedanken durchschauerten ihn. Was würde morgen, was würde übermorgen kommen? Warum schenkte ihm niemand irgendwelche Beachtung? An wen sollte er sich wenden? „Ach, was gehen sie mich an?" beruhigte er sich. „Dort inr Winkel steht ja ein Schrank voll Bücher, und da bei der Tür ist ein freier Platz. Hier werde ich sitzen und allein lernen. Wenn ich auf eine Schwierigkeit stoße, tverde ich den ersten besten fragen. Das ist alles, was ich brauche. Was habe ich mich sonst zu bekümmern?" „Aber was werde ich essen?" erbebte er plötzlich vor einer neuen Frage, die in ihm auftauchte. „Wird nran mir auch aus der Stadt zu essen bringen?" ... Jetzt ertönte plötzlich neben ihm eine Stimme im wehmütigen Singsang:

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