Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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44 sehnte; dort klang' eine gedämpfte, bebende Stimme wie die Klage über ein beweinenswertes Schicksal. Da sang ein junges frohes' Herz, daß es sich anhörte wie ein Dankeslied, dort kam aus der Brust eines anderen eine Reihe von erstickten Seufzern, in denen ein bedrücktes Gemüt sich Luft machte. Mit laut pochendem Herzen stand Josef hinter der Türe und eine große Verzagtheit ergriff ihn. Was bedeutete er, ein dreizehnjähriger Junge, der es kaum erst versucht hat, in die rätselhaften Worte der alten Weisen einzudringen und dessen Blick vorläufig nur an der Oberfläche haftete? Was hatte er hier zu suchen? Würde er überhaupt Einlaß finden? Verdiente er es, war er dessen würdig? ... Plötzlich öffnete sich die Türe von innen und jemand stürzte über Hals und Kopf heraus, gefolgt von einer Menge, aus der mehrere Stimmen übereinander ihm nachriefen: „Kamonenser!^ vergiß nicht! Für mich!" „Mir bringst Du Kuchen für zwei Kopeken." . „Erbarme Dich endlich, Kamonenser, wie lange muß ich denn auf mein bischen Grütze warten?" „Kamonenser, bring mir Butter für zwei Kopeken, aber .frische, nicht solche wie letzthin. Vergiß nicht." „Wie oft habe ich Dich gebeten, dummer Kerl, mir meine Wäsche zu bringen! Geh, hol sie her." „Ich brauche notwendig eine Nadel, hier hast Du eine Kopeke!" Der Kamonenser lief vorwärts, strauchelte, brummte, schalt und schimpfte und lief weiter. „Was ist das?" wunderte sich Josef, während er sich in das Innere stahl. „Was bedeutet dieser Lärm?" Der Anblick des Innern machte auf den Knaben einen tiefen Eindruck. Er sah zahlreiche Jünger, die eifrig mit Lernen beschäftigt waren. Ein jeder Porusch stand vor einen: Holzpult, an dessen Seite eine brennende Kerze in einer Oeffnung stak. Im Saal war es hell, aber auch dumpf und schwül. Der junge Knabe schämte sich, von der Stelle zu weichen. Da tönte an sein Ohr, aus dem allgemeinen Gesumme heraus, eine eigenartig singende Stimme. Er sah sich nur und bemerkte einen hochgewachsenen, hageren Mann mit schönem, schwarzen: Bart und tiefliegenden Augen, der mit der rechten Hand die Türklinke festhielt, während auf seiner linken ein mächtiger Foliant ruhte, über den niedergebeugt er sich rhythmisch hin und her bewegte. Wie ein langgezogener Seufzer kan: es aus seinem Munde: . . . Der arme Mann trügt die Schuld . . . aj, aj . . - trä-ä-ügt die Schu-uld . . . Und der Hausherr? Nu-un, der Hausherr ist schuld-schuldlos ..." Josef ließ sein Ränzel auf eine Bank neben der Türe sinken und setzte sich, ganz zusammengeschrumpft, dicht daneben in einen Winkel. Er zitterte am ganzen Leibe. Von seinem -Aermel tropfte Wasser . . . Eine namenlose Bangigkeit erfüllte sein Herz. Da war er nun an der Stätte, wohin seine Seele lange Jahre sich sehnte, da waren die Glücklichen, die hier gefunden, wonach ihr Herz Verlangen trug. Nun war . er endlich an dem Ziel seiner Wünsche angelangt, doch, konnte er wissen, was ihn hier erwartete? . . . Eine heimliche Angst überkam ihn. Einige Pernschim gingen an ihm vorbei, der eine hin, der andere her, er betrachtete ihre blassen Gesichter und ein ehrlicher Neid regte sich in ihn:. Ihm aber schenkte niemand Beachtung. Keiner ahnte, welch einen weiten Weg er zurückgelegt hatte, daß seine Füße angeschwollen, seine Kraft Nach dem Branche der Jeschiba werden die jungen Leute nicht mit ihren Eigennamen, sondern nach den Städten ihrer Herkunft, benannt. zu Ende war, und kaum noch die Seele in ihm weilte; um in der Nähe dieser Versammlung zu leben, war er ja hergekommen, hatte er Vater und Mutter verlassen und war in die Ferne, nach der Stätte der Thora, gewandert... Während er so in einem Winkel des Lehrsaales dasaß, müde und erschöpft, von Angst und Bangen erfüllt, gedachte er seines lieben Mütterchens und der Tränen, die sie an seinem Hälse geweint. Er fühlte, daß das Herz in ihm zu Wasser wurde und Tränen quollen ihm in die Augen, aber er gab sich alle Mühe, sie zürückzudrängen. und keinen wehmütigen Laut vernehmen zn lassen, da er sich lächerlich zu machen fürchtete. . . Der Lehrsaal aber war voll des Treibens. Alle Peruschim waren mit eifrigem Lernen beschäftigt. Da stand in einen: Winkel ein junger Mann über sein Pult gebeugt, in ein Buch vertieft, ein ganz leiser singender Ton drang aus dem Winkel und der Schatten des jungen Mannes wankte an der Wand hin und her. Dort standen zwei Studienfreunde' und stritten sich eifrig über eine schwierige Stelle; was der eine behauptete, widerlegte der andere; der eine stützte seine Behauptung auf den Wortlaut des Textes, doch der andere erbrachte einen Beweis von einer anderen Stelle, die klar und unzweideutig für seine Auffassung zeugte; die Lippen der Streitenden regten sich, ihre Kehlen waren heiser, ihre Augen funkelten, die Hände führen durch die Luft hin und her, der ganze Körper war in Bewegung. Da erschien ein Dritter, um ihren Streit mit lauter Stimme zu schlichten; mit dem vorgestreckten Finger durchschnitt er die Luft, die Worte stürzten ihm nur so von den Lippen, feine Augen blitzten und rollten hin und her; er löste alle Widersprüche nach seiner eignen tiefen Einsicht, dann stützte er sich an einen gar mächtigen und hochragenden Baum, an Raschi nämlich, und wies nach, daß dieses alles, was er selber behauptete, schon mit den folgenden zwei Wörtchen angedeutet hatte, die da lauteten: „entsprechend den vorangehenden Ausführungen." Die beiden Streitenden verstununten sofort und zogen ihre Hände zurück; der große Hannner hatte den Stein des Streites zermalmt, zu Staub zerrieben, alle Unebenheiten waren geglättet. Ein Schatten von Schwermut huschte über ihre Gesichter und sie schwiegen still. Dort oben an der Ostwand saß ein vornehm aussehender Mann und las einen Brief und sein Gesichtsausdruck bekundete, daß ihn: das Schreiben angenehme und trostreiche Nachrichten brachte. Neben ihm saß ein anderer, der sich Mühe gab, einen Faden durch ein Nadelöhr zu führen, was ihm trotz aller Anstrengung nicht gelingen wollte. Unweit stand ein Mann in vorgerückten Jahren und strich Butter auf! ein Stück Brot, das er in der Hand hielt. Noch regten sich! seine Lippen, die Worte der Halacha nnrrmelnd, die er soeben gelernt, aber schon war es Zeit zu speisen. . . Bein: Anblick des Butterbrotes erinnerte sich Josef, daß er seit den: Morgen keinen Bissen im Munde hatte, er verspürte ein Nagen im Herzen, aber vor großer Müdigkeit bekau: er keinen rechten Appetit, auch wagte er es nicht, hier sein Bündel zu öffnen, als wäre er zu Hause. „Jene dürfen das wohl, aber ich nicht," sagte er sich. In seinen: jungen Herzen regte sich etwas wie Neid. „Sie sind glücklich, sie halten sich hier als rechtmäßige Bewohner aus, ich aber bin nur ein Fremder, ein Gast. Unterförmlicher Lebensgefahr bin ich hierher gekonunen, und nun ängstige ich mich, ob ich hier auch ein Plätzchen finden werde. Warum aber? warum sollte ich hier nicht bleiben dürfen? Ich bin ja schon so weit, um selbständig, ohne Unterweisung eines Lehrers, vorwärts kommen zu können ..."