Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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43 könne. Und eben, weil er nicht fragt, weil er das Schwanken und Zweifeln der Geringeren nicht an sich erfährt,' ist er der größte Kenner, den wir heute bewundern, den unsere Kinder einst in weit höherem Grade bewundern werden. Es jauchzt in seinen Werken von schönen Linien und prächtigen Farben. Keine überflüssige Grübelei, kein rein technisches Experiment stört den unerschöpflichen Strom seiner Produktionskraft. Da sind zunächst seine Landschaften, aus deren Bergen und Tälern er Schönheiten herausholt, die vor ihm noch niemand erschaut hat. Da sind unter seinen letzten Werken Bilder aus der Umgebung Eisenachs. Ich bin manches liebe Mal an der Wartburg vorbeigezogen und liebe sie. Aber Urhs Bilder waren für mich wieder eine ganz neue Welt. Die Wartburg und doch nicht die Wartburg, sondern eine neue Schöpfung starker Phantasie, etwas, das über der Natur steht. Und als ich das nächste Mal nach Eisenach kam, sah ich unwillkürlich alles mit anderen Augen an als vorher. Das ist die Macht großer Kunst, die uns zwingt, die Natur nach ihren: Bilde umzuformen. j Urh steht uns menschlich am nächsten in seinen Land-! schäften. Da ist er ein weicher, idyllischer Träumer, rührt an j die latentesten Gefühle unserer Seele; wie urit väterlicher Hand! fühlen wir uns zu ihm hingeleitet. Hier steht er uns mensch- . lich am nächsten. In seinen Ideenbildern, dem Gewaltigsten! seines Schaffens, der großzügigen Trilogie „Der Mensch", dem herb leidenschaftlichen „Jerusalem", dem farbenprächtigen „Adam und Eva mit ihrem Erstgeborenen" und vor allen: in seiner' mächtigsten Schöpfung, dem unsterblichen, gewaltigen „Jeremias" erscheint er uns wie ein Niese, der auf einem fernen Bergwipfel steht im neuen Morgenrote und die Zwerge da unten gütig und mächtig heraufwinkt. Wir haben dasselbe Gefühl kindlicher Ohnmacht, das uns seinerzeit vor BöcklinsPrometheusbildern ergriff. Da kann der Künstleraber wenigstens eines von uns verlangen: blutige Ehrlichkeit, selbst lvenn sie uns! unangenehn: ist. Wir wollen bekennen, daß uns z. B. dem! Jeremias gegenüber das Gefühl fremder Größe und eigener j Schwäche umfängt,daß wir schier nmgeworfen werden vomSturme I einer mächtigen Persönlichkeit, der unsere Kräfte noch nicht ge-! wachsen sind. Und so wollen wir denn bewundern, wo wir! nur ahnen können, daß eine starke Zukunft vor uns emporwächst.! Uvys Landschaften gegenüber aber haben wir dieses Bej kenntnis unserer Schwäche und Unreife nicht nötig. Hier! können wir verstehen, wenn wir den ehrlichen Willen haben,! nns in das Empfinden des Künstlers hineinzuversetzen, und! nicht in selbstgefälliger Borniertheit verlangen, daß er uns nach den: Schnabel reden soll. Der künstlerischen Reinheit dieses Schaffens gegenüber mögen wir ein wenig uns selbst vergessen. Es ist nicht nur die Pflicht, sondern vor allem das Ehrenrecht des Beschauers, objektiv sein zu dürfen unter Hintansetzung des eigenen Jchs.! Ein unter Berücksichtigung aller Anforderungen der Technik so liebevolles Entschleiern der Naturgeheimnisse', ein so wundersames Eingehen aus ihre Absichten, eine so selbstbewußte Demut gegenüber der in ihr waltenden Schöpferkraft — sollte denn das alles nicht genügen, um unsere Seele bis zu Tränen edlen Gefühles. zu rühren? Da haftet einigen dieser Bilder der kräftige Erdgeruch Millets an, über anderen liegt der feine Duft/von Corots italienischen Reminiszenzen. Fühlen und Schaffen der mit Recht so gepriesenen letzten Periode Claude Monets ist hier seit fünf Jahren in vollendeter Art vorhanden. Wenn man früher vor eine von Urys landschaftlichen Schöpfungen trat, gewahrte mau zunächst nichts als Haufen scheinbar willkürlich zusammengewürfelter Farbenflächen. Die j Linie hatte gar keinen Wert mehr in diesem bunten Farben-! konzerte, das zunächst schreiend wirkte wie eine Dissonanz und seine große echte Harmonie erst dem offenbarte, der die richtige Entfernung gefunden hatte. Impressionismus. Auch das war allererste Meisterschaft, ein fabelhaftes Können, ein Suchen, das bereits dem Finden sehr nahe war. Der Vergleich mit Monet drängt sich unwillkürlich wieder auf. Es war eine Mitte, kein Ende. Heute ist diese Periode lange wieder überwunden. Eine Goethesche Ruhe und sonnige Heiterkeit liegt über den wundersamen Landschaften der letzten Jahre. Die Perspektive der Fläche ist das Geheimnis des Landschafters Ury. Neben Turner und Levithan ist er der größte Kolorist, den die Neuzeit kennt. Blau, violett, grün und rosa sind Lesser Urys Lieblingsfarben. Mit ihnen erzielt er seine schönsten Wirkungen, sie weiß er in wunderbaren: Akkorde zueinander zu stimmen. Er malt gern Morgen- oder Abendstimmungen, wenn die Töne der Landschaft sein ineinander übergehen. Und dieser so lebensfremde Pessimist, dessen Schicksalsbilder in dunkeln schweren Farben gehalten sind, ist als Landschafter ein Freund der Sonne. Wie ein Kind jauchzt er über Leuchtkraft, wenn sie ihre Glut über die erwachende Erde gießt. Auf seinen zarten Pastellbildern verfolgt er ordentlich jeden einzelnen ihrer Strahlen, mag dieser nun die Köpfchen der Blume:: aufleuchten lassen oder in irgend eine dunkle Zimmerecke segensreiche Lebensfreude tragen. Durch ganz Europa hat Lesser Urh das Licht verfolgt. Ueberall hat er es studiert, oben in Holstein wie in Italien, im Gebirgswald wie auf der öden Heide mit ihrer wogenden Erika, ihren trillernden Lerchen. Hier grübelt er nicht, hier rubriziert er nicht. Der Landschafter Ury ist ein glückliches Kind, das seiner Mutter Züge ausgezeichnet hat und diese nun schüchtern fragt: „Ist es so richtig?" Zur Zeit, da dieser Artikel erscheint, veranstaltet Lesser Ury in: Berliner Kunstsalon von Keller und Reiner eine große Kollektivausstellung seines bisherigen Schaffens, die zweifellos ein Ereignis für die vielen ist, die den Künstler lieben, und für die anderen, die noch ferne stehen, un: sich schließlich doch gleichfalls zu dieser Liebe zu bekehren. Denn eine große Künstlerpersönlichkeit ist wie ein gewaltiger Stron:, der in herrlichen: Egoismus alle kleinen Bäche in seine gewaltige Umarmung reißt, auf daß das Land des Lebens fruchtbarer werde für uns und für die, deren Urteil einmal den Wert unserer Generation festlegen wird. Und wenn wir daran denken, wie wir selbst den Wert verflossener Zeiten nach ihren künstlerischen Leistungen abschätzen, sollten :vir Lesser Urh nicht genug lieben können. Denn unserer sind gar viele, aber was wäre unser Wert ohne das Genie? fln der Melle. Geschichte eines Knaben. Von Esra Goldin. IV a. Saal erfüllte ein unablässiges Summen. Die Melodien waren gar mannigfaltig und nuancenreich. In den einen zitterte Wehmut und Bangen, die anderen durchwogte heitere, zufriedene Fröhlichkeit. Da konnte man aus den: Singsang eines der Lernenden die verhaltenen Töne eines beklommenen Herzens heraushören, welches unbewußt nach dem Elternhause, nach Vater und Mutter, nach Bruder und Schwester, vielleicht auch nach einer jungen Ehegattin sich